Haarausfall : Aromatherapie für die Glatze

Mit Sandelholzduft gegen Haarausfall: Haarfollikel scheinen tatsächlich gewisse Geruchsstoffe zu mögen. Ist damit ein neues Mittel gegen Haarausfall gefunden?

Ist bald Schluss mit der Glatze?
Ist bald Schluss mit der Glatze?Foto: Patrick Pleul/dpa

Ein synthetischer Sandelholzduftstoff stimuliert im Labor das Wachstum menschlicher Haarfollikel. Die Haarfollikel besitzen einen Rezeptor für den Duftstoff. Das berichtet ein internationales Wissenschaftlerteam im Fachblatt „Nature Communications“. Der Rezeptor könne ein Ansatzpunkt für die Entwicklung eines Mittels gegen Haarausfall sein.

Haarfollikel stehen auf synthetischen Sandelholzduft

Geruchsrezeptoren gehören zu einem evolutionär sehr alten chemischen Signalsystem. Sie finden sich auch in Geweben außerhalb der Nase, berichten die Forscher. Docken passende Botenstoffe an die Rezeptoren an, löst das eine chemische Signalkette in den dazugehörigen Zellen aus – eine Geruchswahrnehmung oder auch eine ganz andere Reaktion.

Bekannt ist etwa, dass der OR2AT4-Geruchsrezeptor in bestimmten Zellen der menschlichen Haut die Wundheilung beeinflusst. Das Team um Studienleiter Ralf Paus von der University of Manchester und Jérémy Chéret vom Monasterium Labor, einer privaten Forschungseinrichtung in Münster, ging nun der Frage nach, ob dieser Rezeptor auch beim Haarwachstum eine Rolle spielen könnte.

Um das herauszufinden, isolierten die Forscher aus menschlichen Kopfhautproben Haarfollikel und kultivierten sie im Labor. Follikel sind Einstülpungen in der Oberhaut, in denen die Haare heranwachsen. Das Team stimulierte die Rezeptoren mit Tropfen synthetischen Sandelholzduftes – und untersuchte die Reaktionen in den Haarfollikeln.

Wachstumsphasen verlängert

Die Analysen zeigten, dass der Duftstoff die Wachstumsphase des Haars verlängerte, indem er das Absterben der Keratinozyten-Zellen im Haarfollikel reduzierte und die Produktion eines Wachstumsfaktors (IGF-1) in der äußeren Schicht des Haarfollikels ankurbelte. Gaben die Forscher einen Stoff hinzu, der den Rezeptor blockierte, blieben diese Reaktionen aus.

OR2AT4-vermittelte Signale seien nötig, um die Haarfollikel in der Wachstumsphase zu halten und ihren Abbau zu verhindern, folgern die Forscher. Das werfe die Frage auf, welche Substanz natürlicherweise an den Rezeptor binde. Diese sei bislang nicht bekannt. Für die Behandlung von Haarausfall sei es denkbar, einen Botenstoff auf die Kopfhaut aufzubringen, der dem synthetischen Sandelholzduftstoff ähnele und an den OR2AT4-Rezeptor binde.

Von Haarausfall Geplagte, die sich jetzt Sandelholzöl in der Parfümerie holen und es in die Kopfhaut einmassieren wollen, würden allerdings nichts erreichen, sagt Paus auf Nachfrage: „Nur die synthetische Variante bindet an den Rezeptor.“

Ein Team um Paus hatte Anfang des Jahres in der Fachzeitschrift „PLOS Biology“ bereits einen anderen Wirkstoff vorgestellt, der gegen Haarausfall eingesetzt werden könnte. Es handelte sich um ein Mittel, das eigentlich zur Behandlung von Osteoporose eingesetzt wird.

Noch viele Jahre harte Forschungsarbeit nötig

Insgesamt, sagt Paus, verstehe man immer besser, wie man gegen verschiedene Arten des Haarausfalls wirkungsvollere Behandlungsprinzipien als bisher entwickeln könne. „Aber bis wir die Zielmarke erreicht haben, Haarwuchs so zu manipulieren, wie uns dies individuell am meisten zusagt – und dies möglichst nebenwirkungsarm und gleichzeitig kostengünstig –, liegen noch viele Jahre harter und kreativer Forschungsarbeit vor uns.“ (rif/dpa)

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