• Hilferuf eines Berliner Labors: Das Material für Coronavirus-Tests wird auf dem Weltmarkt knapp

Hilferuf eines Berliner Labors : Das Material für Coronavirus-Tests wird auf dem Weltmarkt knapp

„Testen, testen, testen“: Corona-Testlabore arbeiten am Anschlag. Doch das reicht nicht. Der Leiter eines Berliner Labors spricht von einem Dilemma.

Testvollstrecker. Weltweit werden die Materialien knapp, die für Abstrich-Tests auf Sars-CoV-2-Infektion nötig sind.
Testvollstrecker. Weltweit werden die Materialien knapp, die für Abstrich-Tests auf Sars-CoV-2-Infektion nötig sind.Reuters

Je mehr Sars-CoV-2-Infizierte identifiziert werden, umso effektiver können Infektionsketten unterbrochen und damit die Verbreitung des neuen Coronavirus gehemmt werden. Doch die Testmengen lassen sich nicht unbegrenzt steigern. Zumal sich allmählich abzeichnet, dass nicht nur die Laborkapazitäten ausgereizt sind, sondern auch die für die Tests notwendigen Chemikalien knapp werden.

Weltweit konkurrieren die Länder bei der Beschaffung der jetzt so begehrten Reagenzien. Wegen der Verknappung seien großflächige Coronavirus-Tests an der Bevölkerung „illusorisch“, warnt etwa Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Laborärzte. 

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„Wir kämpfen damit, Reagenzien und Desinfektionsmittel zu bekommen und Personal einzuarbeiten“, sagt auch Knud-Peter Krause, Geschäftsführer der Medizinischen Diagnostischen Institute Limbach Berlin. Sein Labor wertet mittlerweile 1800 Corona-Tests pro Tag aus, vor einem Monat waren es noch 40. Doch jetzt werden die Ressourcen knapp: „Keine unserer Lieferfirmen kann aktuell verbindlich mitteilen, wann sie uns wieder beliefern kann.“

Krause spricht von einem „Dilemma“, was das Testen angeht. Zwar werden in ganz Berlin laut der Gesundheitsverwaltung mittlerweile 8150 Tests täglich durchgeführt. Diese Steigerung sei „eine gewaltige Leistung“, sagt Krause, dessen Team aktuell weitere Mitarbeiter schult und neuerdings im Dreischichtbetrieb arbeitet.

„Und doch: Diese Stadt hat 3,6 Millionen Einwohner. Um alle Einwohner nur einmal zu testen, würden wir eineinhalb Jahre benötigen.“

Seine Test-Chemikalien bezieht das Berliner Labor vom Schweizer Pharmaunternehmen Roche. Doch deren Lieferkette sei komplex: „Die Enzyme werden in Mannheim hergestellt“, sagt Krause. Dann würden sie in die USA gebracht, um weiter verarbeitet zu werden. Erst dann verteile Roche die fertige Ware.

Den Unternehmen, die die Chemikalien liefern, will Krause „keinen Vorwurf machen“. Schließlich würden alle in dieser Krise ihr Bestes geben, die Firmen hätten ihre Produktionsmengen vervielfacht. Und doch reiche es nicht. Übersteigt die globale Nachfrage das Angebot, müssten die Hersteller irgendwann entscheiden, „wohin sie die Reagenzien liefern: nach Italien? Nach Spanien? Nach Deutschland?“

Evangelos Kotsopoulos, Vorstand des Verbands Akkreditierter Labore in der Medizin, bestätigt, dass die internationale Konkurrenz um die Reagenzien groß ist, zeigte sich aber dennoch gelassen: Deutschland habe etablierte Beziehungen zu den Lieferanten, zu denen neben Roche zum Beispiel auch das US-Unternehmen Abbott gehört. Kotsopoulos betonte, die Zulieferer würden an der „maximalen Steigerung ihrer Kapazitäten“ arbeiten. Sein Verband sehe bei der Testkapazität durchaus noch „Luft nach oben“.

Jedoch räumte auch Kotsopoulos ein, man könne die Produktion der Chemikalien nicht beliebig steigern. Gebraucht würden „passgenaue Kits“, die in die vorhandenen Instrumente passen: „Man kann die Chemikalien nicht einfach selbst anmischen.“ Das heißt auch: Länder können wohl nicht einfach auf Eigenproduktion vor Ort umsatteln.

Krauses Berliner Labor arbeitet trotz Mangelwirtschaft weiterhin am Anschlag – und hofft auf Lieferungen. Neben Chemikalien und Personal seien aktuell auch Desinfektionsmittel knapp: „Wenn wir bis Ende der Woche keinen Lieferanten finden, müssen wir ab kommender Woche unsere Arbeiten reduzieren.“ Vom Gesundheitsministerium zugesagte Desinfektionsmittel seien „bis heute nicht eingetroffen“. 

Am Dienstag habe er deshalb einen Hilferuf an den Berliner Senat und die Kassenärztliche Vereinigung Berlin abgesetzt. Sowohl die Politik als auch die Industrie, sagt Krause, würden sich bemühen, die Situation zu meistern. Dennoch zeige sich: „Die Vorbereitung hat gefehlt.“

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