• Hochschulen in der Corona-Krise: Berliner Professoren fordern Solidarität mit freischaffenden Kollegen

Hochschulen in der Corona-Krise : Berliner Professoren fordern Solidarität mit freischaffenden Kollegen

Lehrbeauftragte sind durch den Shutdown existentiell bedroht. Professoren appellieren nun an die Senatsverwaltung, ihren prekären Status zu verbessern.

Dozentin bei der digitalen Lehre.
Lehre ohne physische Anwesenheit: Professoren und Lehrbeauftragte versuchen dem Shutdown mit kreativen Mitteln zu begegnen.Foto: Philipp von Ditfurth / dpa

Die ohnehin oft prekär beschäftigten Lehrbeauftragten an den Hochschulen Berlins müssen vor Kollateralschäden des Corona-Shutdowns geschützt werden. Das fordern Berliner Professorinnen und Professoren gemeinsam mit der GEW Berlin in einem offenen Brief an die Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung und die Berliner Hochschulpräsidenten.

Die Folgen der Seuchenpolitik für die Lehrbeauftragten müssten dringend abgemildert werden. Die festangestellten Professoren bekunden ihre Solidarität mit den freischaffenden Kollegen.

Im Gegensatz zu ihnen selbst seien viele Lehrbeauftragte über ihre auch in Normalzeiten problematische Situation hinaus derzeit existentiell gefährdet, so die Verfasserinnen und 31 Erstunterzeichner des Schreibens. Den Appell hat die GEW gemeinsam mit zahlreichen Professorinnen und Professoren der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) initiiert.

Aufstockung von Honorarverträgen

„Ohne das Engagement der Lehrbeauftragten käme an vielen Hochschulen der Lehrbetrieb zum Erliegen“, erklärte HWR-Professor Markus Wissen am Mittwoch in Berlin. Ganz besonders gelte das für die Fachhochschulen, die künstlerischen Hochschulen und Musikhochschulen sowie für die universitären Sprachenzentren. Die Lehrbeauftragten stellten sich den ob des aktuellen Verbots von Präsenzveranstaltungen erzwungenen Umstellungen mit großem Einsatz, viel Kreativität und im Bewusstsein ihrer Verantwortung für die Studierenden und den Hochschulbetrieb, heißt es.

Konkret fordern die Unterzeichnenden, dass der Zusatzaufwand, der den Lehrbeauftragten durch die Umstellung von Präsenz- auf Online-Lehre entsteht, angemessen vergütet wird – etwa durch Aufstockung von Honorarverträgen oder hinreichende Einmal-Zahlungen. Bislang gibt es hierzu keine Berlin-weite Regelung. Die vom Senat zur Verfügung gestellten Geldmittel in Höhe von zehn Millionen Euro sind für den Ausbau digitaler Lehr- und Prüfungsformate reserviert.

Unsere Berichte zur Corona-Lage an den Hochschulen

Verbesserungen über die Krise hinaus

Zudem müssten im Sommersemester 2020 auch spärlich besuchte Kurse, die aufgrund einer mangelnden Auslastung unter normalen Umstand gestrichen würden, digital und regulär stattfinden, schreiben die Verfasserinnen und Verfasser des Briefes. Lehrveranstaltungen, die trotz allem abgesagt werden müssen, sollten dennoch vergütet werden. „Lehrbeauftragte haben keine Entgeltfortzahlung, wenn Kurse ausfallen, und keinen Kündigungsschutz“, moniert der Berliner GEW-Vorsitzende Tom Erdmann. Ihre Bezahlung sei gemessen an ihrem Arbeitsaufwand und ihrer Qualifikation ohnehin viel zu niedrig.

[Den Appell des FU-Präsidenten Günter M. Ziegler für ein "Kreativsemester" mit möglichst vielen Online-Angeboten statt eines "Nichtsemesters" lesen Sie hier.]

Den Initiatoren zufolge ist nun endgültig der Zeitpunkt gekommen, um langfristige Maßnahmen zu entwickeln, die dem strukturell prekären Status der hochschulsystemrelevanten Lehrbeauftragten entgegenwirken können. Nicht bloß für den Moment, sondern über die Corona-Zeit hinaus. Helfen könnten etwa längerfristige Lehraufträge im Angestelltenverhältnis, wie es an österreichischen Universitäten üblich ist.

Ermessensspielräume ausschöpfen

Die Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung sei jetzt in der Pflicht, hierfür die geeigneten Voraussetzungen zu schaffen. Doch auch die Hochschulleitungen sollen ihre Hausaufgaben machen: Der bereits vorhandene Ermessenspielraum müsse ausgeschöpft und in Gesprächen mit dem Senat auf einschlägige Maßnahmen hingewirkt werden, so die GEW und die beteiligten Professoren.

Der Berliner Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Steffen Krach, erklärte auf Anfrage des Tagesspiegels, man sei sich der Lage und der Bedeutung der Lehrbeauftragten für die Hochschulen sehr wohl bewusst und nehme deren Anliegen absolut ernst. „Deshalb haben wir schon vor einem Monat eine generelle Absicherung und Vergabe der geplanten Lehraufträge in Berlin vereinbart“.

Zu diesem Zeitpunkt sei noch nicht einmal klar gewesen, ob das Sommersemester tatsächlich starten werde, so Krach. „Ich glaube, so schnell und so deutlich hat sich kein anderes Bundesland hinter seine Lehrbeauftragten gestellt“. Zu den weitergehenden Forderungen der Petition wollte sich Krach nicht äußern.

Die Erstunterzeichner des Briefes wollen in der folgenden Zeit weitere Unterschriften sammeln und den offenen Brief auf der Online-Plattform change.org verbreiten, um ihrem Anliegen mehr Nachdruck zu verleihen.

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