Hochschulentwicklung jenseits von Metropolen : Berlin ist nicht das Maß aller Dinge

Warum Wissenschaft auch die regionale Verankerung braucht, schreibt der Wissenschaftsminister von Rheinland-Pfalz in einem Gastbeitrag.

Konrad Wolf
Studierende sitzen in einem von der Seite beleuchteten Hörsaal und lauschen einer Lehrveranstaltung.
Studierende im Koblenzer Audimax der Universität Koblenz-Landau. Künftig sollen beide Standorte getrennte Wege gehen.Foto: Thomas Frey/picture alliance/dpa

Rheinland-Pfalz ist ein Flächenland. Die meisten Menschen hier leben in ländlichen Gebieten, in der Pfalz, der Eifel, im Westerwald oder Hunsrück. Wirtschaftlich ist Rheinland-Pfalz geprägt von kleinen und mittelständischen Unternehmen; auch sie haben ihren Sitz meist außerhalb der großen Städte.

Die vier Universitäten und sieben Fachhochschulen, die überall im Land verankert sind, übernehmen daher zentrale Funktionen: Sie sorgen für eine qualitativ hochwertige Ausbildung von Fachkräften, sind wichtige Arbeitgeber und bringen Innovation in die Unternehmen. Gleichzeitig sind sie wichtige Akteure im Wissenschaftsbetrieb – regional, aber auch international.

Tatsächlich ist die Wissenschaft für die Regionen wichtig, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken und den Anschluss an globale Entwicklungen nicht zu verlieren. Gleichzeitig braucht auch die Wissenschaft die Regionen, ihre Menschen und die regionale Wirtschaft, um innovativ und im Sinne der Gesellschaft zu agieren. Daran müssen sich Lehre und Forschung orientieren.

Teilung der Uni Koblenz-Landau bis 2023

Dabei ist die regionale Einbettung von Wissenschaft auch mit Blick auf die Internationalisierung kein Widerspruch, denn es ist genau dieser „Spagat“ aus internationaler Ausrichtung und regionaler Verankerung, der Innovationen befördert.

Ein Porträtbild von Konrad Wolf.
Konrad Wolf ist rheinland-pfälzischer Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur.Foto: MWWK/Tomkowitz

Vor diesem vielschichtigen Hintergrund haben wir in Rheinland-Pfalz eine Veränderung der Hochschulstruktur angestoßen, die bis 2023 auf Basis einer Begutachtung durch ein Expertengremium vollzogen werden wird: Die Universität Koblenz-Landau mit einem Campus in Koblenz und einem Campus in Landau soll in ihrer jetzigen Struktur aufgebrochen werden, sodass eine eigenständige Universität in Koblenz entstehen wird.

Der Campus in Landau wird mit der Technischen Universität Kaiserslautern zusammengeführt. Damit entsteht im Süden des Landes eine leistungsstarke Technische Universität Rheinland-Pfalz. Ich bin davon überzeugt, dass diese neue Struktur die Potenziale der Universitäten in Koblenz sowie in Kaiserslautern und Landau noch mehr hebt und ihre Profile weiter stärken wird.

Wissensregionen gibt es auch fernab von Metropolen

Dass aus Sicht einer Großstadt wie Berlin vieles, was fernab der Metropole passiert, als provinziell betrachtet wird, ist weder erstaunlich noch verwerflich. Insofern können wir die Kritik, die Tagesspiegel-Kolumnist George Turner hier unlängst an der Schaffung einer eigenständigen Universität Koblenz – mit einem starken regionalen Bezug – geübt hat, nachvollziehen.

Denn natürlich sorgt eine Konzentration in Ballungszentren für Synergieeffekte und Dynamiken, Innovation und Fortschritt. Das gilt auch für die Wissenschaft – und insbesondere ohne Zweifel für die Berliner Wissenschaft. Diese These darf jedoch nicht missverstanden werden als Plädoyer für einen stärkeren Zentralismus.

Vielmehr zeigen die letzten Jahre und Jahrzehnte, dass die dringende Notwendigkeit besteht, ebenso die Regionen fernab der Metropolen zu Wissensregionen mit eigenem Profil zu entwickeln. Denn damit werden auch sie zu starken Orten für Innovation, Wissenstransfer und Wirtschaftsleistung.

Dabei ist es wichtig, dass die Städte und Regionen gleichzeitig Universitätsstandorte und Standorte für leistungsstarke, profilierte Hochschulen für angewandte Wissenschaften sind. Denn: Hochschulen und Universitäten erfüllen unterschiedliche und jeweils für sich genommen wichtige Rollen für die Wissenschaftsregionen.

Dezentral Wissen generieren

Die Universitäten als Trägerinnen des Promotions- und des Habilitationsrechts übernehmen eine zentrale Funktion für den wissenschaftlichen Nachwuchs, der für die Weiterentwicklung eines Wissenschaftsstandorts und die Fachkräftesicherung unerlässlich ist. Universitäten sorgen durch Forschungsschwerpunkte auch für spezifische Profilbildungsprozesse – und nicht zuletzt für die Ansiedlung von Instituten und Unternehmen.

Hoch qualifizierte Fachkräfte, ob sie von der Uni oder von der HAW kommen, müssen in allen Regionen verfügbar sein. Durch ein flächendeckendes Netz an Hochschulen und Universitäten wird dezentral Wissen generiert und weitergegeben. Es ist unerlässlich für unsere moderne Wissenschaftsgesellschaft in Deutschland.

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