Hohes Engagement und hohe Aussteiger-Quoten : Lehren für das zweite Digitalsemester

Umfragen an Berliner Unis zeigen, wie Lehrende und Studierende mit der Online-Lehre ringen. Fest steht: Für beide Seiten hat sich der Zeitaufwand erhöht.

Ein Professor steht in einem leeren Hörsaal vor einer Leinwand, auf der Vorlesungsinhalte und weitere Teilnehmende zu sehen sind.
Die Mehrheit der Lehrenden kann sich mit den digitalen Formaten anfreunden, wie eine Umfrage an der TU Berlin zeigt.Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Es war einmal ein Plan für das Wintersemester 2020/21: „So viel Präsenzlehre wie möglich, Online-Lehre, wo nötig“. 45 Prozent der Lehrenden an der Technischen Universität Berlin hatten gehofft, dass dieses Versprechen der Politik und der Hochschulleitungen trotz Pandemie zu halten ist, wie eine jetzt veröffentlichte Umfrage aus dem Sommer zeigt.

Die dramatische Entwicklung des Infektionsgeschehens entspricht nun der Erwartung der anderen Hälfte der TU-Lehrenden, die schon im Juli/August der gegenteiligen These zustimmten: „So viel Online-Lehre wie möglich, Präsenzlehre, wo nötig“.

41 Prozent der Professorinnen und Professoren, der wissenschaftlichen Mitarbeitenden und der Tutor*innen wünschten sich dieses Modell, das seit dem Semesterstart am 2. November gezwungenermaßen umgesetzt wird. Neun Prozent sprachen sich sogar für eine ausschließliche Online-Lehre aus. Von einer reinen Präsenzlehre – wie vor Corona – träumten dagegen nur fünf Prozent.

Erheblicher Mehraufwand für die Lehrenden

An der Umfrage zu Rahmenbedingungen der Lehre in Zeiten von Corona beteiligt haben sich 714 Personen, 24 Prozent derjenigen, die an der TU in die Hochschullehre involviert sind. Die Ergebnisse hat TU-Vizepräsident für Lehre, Hans-Ulrich Heiß, in der vorigen Woche im Akademischen Senat vorgestellt.

[Ein Interview mit Hans-Ulrich Heiß über gelingende digitale Lehrangebote lesen Sie hier]

Studierende wurden schon etwas häufiger als Lehrende gefragt, wie sie im Digitalsemester zurechtkommen. Zentrale Ergebnisse einer bundesweiten Studie der Uni Hildesheim besagten etwa, dass 60 Prozent die Online-Lehre negativ erlebten und über 80 Prozent persönliche Kontakte zu Mitstudierenden vermissten. Anderseits sahen 62,8 Prozent den größten Vorteil des digitalen Studierens in „mehr Flexibilität in der Arbeitsgestaltung“.

[Lesen Sie auch unseren Bericht über die Hildesheimer Umfrage: Angst vor einem weiteren Digitalsemester]

Die Befragung der Lehrenden an der TU Berlin zeigt exemplarisch, wie die Stimmung auf der anderen Seite des virtuellen Hörsaals ist. Dabei beeindruckt zunächst das persönliche Engagement der Dozierenden: 44 Prozent geben an, einen zeitlichen Mehraufwand von bis zu 50 Prozent gegenüber einem normalen Semester gehabt zu haben, bei einem guten Drittel waren es sogar bis zu 100 Prozent Mehraufwand.

Privat in die technische Ausstattung investiert

Die Frage, ob zusätzlich am Wochenende, abends und nachts gearbeitet wurde, bejahten jeweils weit über die Hälfte. Für die Entgrenzung der Arbeit im Homeoffice – von wo aus weit über 90 Prozent ihre Lehre absolvierten – spricht auch, dass 70 Prozent dafür private Geräte nutzten und 63 Prozent auf eigene Kosten Equipment dazukauften, um arbeitsfähig zu sein. Drei Viertel der Befragten sehen denn auch Handlungsbedarf seitens der Uni, in die technische Ausstattung zu investieren.

Eine Studentin sitzt zu Hause auf dem Sofa und verfolgt eine Online-Lehrveranstaltung.
Was online bei den Studierenden ankommt, können 61 Prozent der Lehrenden nur schwer einschätzen.Foto: imago images/Jochen Tack

Bei der Umsetzung der Online-Lehre sind die Profs, WiMis, Tutoren und Tutorinnen durchaus selbstkritisch. Zwar geben 68 Prozent an, technisch das realisiert zu haben, was sie sich vorgenommen hatten. Bei der didaktischen Umsetzung sind aber nur 48 Prozent voll mit sich zufrieden und bei der „digitalen Umsetzung“ lediglich 15 Prozent. Und 61 Prozent sagen, es sei schwerer zu beurteilen, wie viel des Gelehrten bei den Studierenden wirklich ankommt.

Lehrende gehen von höheren Drop-out-Quoten aus

Wie das Digitalsemester gelaufen ist und was sich im jetzt angelaufenen ändern muss, lässt sich an Ausstiegsquoten in Lehrveranstaltungen ablesen – und die werden teilweise erschreckend hoch eingeschätzt.

So erlebten 54 Prozent der befragten Lehrenden an der TU-Fakultät für Mathematik einen „(deutlich) höheren Drop-out“ – und 41 Prozent von vornherein niedrigere Teilnehmendenzahlen. In der Fakultät für Elektrotechnik sehen 36 Prozent höhere Drop-out-Quoten – und 43 Prozent berichten über gestiegene Teilnehmerzahlen.

[Wie kommen Studienanfänger durchs digitale Wintersemester? Lesen Sie persönliche Tipps von Studierenden und Lehrenden]

Woran liegt es, dass Studierende in vielen Fächern schneller aufgegeben haben als in der klassischen Präsenzlehre? Erste Hinweise gibt eine Blitzumfrage der TU-Kommission für Studium und Lehre zum Semesterende im Juli/August unter 3455 Studierenden.

Insgesamt erschien ihnen die digitale Lehre offenbar aufwendiger, denn im Mittel planten sie fünf Module mit Vorlesung, Übung und Tutorium, belegten dann aber nur vier. Bei jobbenden, pflegenden oder beeinträchtigten Studierenden war es noch eins weniger. Bei Freiversuchen – die in Berlin rückwirkend gewährt wurden – hätten die Befragten im Mittel ein bis zwei mehr Module mit einer Prüfung abgeschlossen.

Studierende beklagen schlechte Videoqualität

Am Studieren gehindert fühlten sich die TU-Studierenden durch die schlechte Qualität vieler Online-Videos, durch schwache Internetverbindungen und die Vielfalt der erforderlichen Software-Systeme, um an Lehrveranstaltungen teilnehmen zu können.

Das geht bislang aber nur aus der Auswertung von Freitextkommentaren hervor. Ergebnisse einer ausführlichen Studierendenbefragung durch das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung stehen an der TU noch aus.

[Unis, macht das Beste aus diesem Semester! Lesen Sie auch, was unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda empfiehlt]

Für die Humboldt-Universität liegen sie schon vor. Zwar sind dort bei über 90 Prozent der Befragten kaum Lehrveranstaltungen ausgefallen und etwas über die Hälfte war mit dem digitalen Angebot auch zufrieden. Aber mit 55 Prozent geht auch ein hoher Anteil der Studierenden davon aus, dass sich ihr Studium coronabedingt verlängert.

Viele haben Probleme, online den Inhalten zu folgen

Jeweils fast 60 Prozent hatten Probleme, den Veranstaltungsinhalten in Online-Formaten zu folgen, und beklagen schwierigere Prüfungsanforderungen. 63 Prozent fiel es schwer, die Menge an Lernstoff zu bewältigen. Viel Kritik – auch an der TU – ziehen Lehrende auf sich, die Vorlesungen synchron abhalten, also nur zu den festgelegten Zeiten, und nicht asynchron als Video- oder Audiokonserve.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple-Geräte herunterladen können und hier für Android-Geräte.]

Am meisten vermissen die Studierenden jedoch – wie schon aus der Hildesheimer Studie hervorging – ihre Mitstudierenden. An der HU fehlt knapp 80 Prozent der persönliche Austausch mit anderen Studierenden und die Zusammenarbeit in Lerngruppen, 62 Prozent mangelt es an Kommunikation mit den Lehrenden.

Die Dozentinnen und Dozenten haben sich mehrheitlich mit der vor dem Frühjahr 2020 nur sporadisch eingesetzten Online-Lehre angefreundet. 59 Prozent sehen sie deutlich oder gleichbleibend positiv, 28 Prozent weiterhin ambivalent – und nur acht Prozent negativ(er).

Anmerkung der Redaktion: Im ersten Satz des Artikels haben wir einen Tippfehler korrigiert. In einer früheren Fassung stand im Zitat aus der TU-Umfrage: "... Online-Lehre, wo möglich".

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: