Humboldt-Universität zu Berlin : „Viele Möglichkeiten für das Lernen“

Wann digitale Medien in Schule und Hochschule etwas bringen.

Michael Thiele
Smarte Kids. Kinder tun sich im Umgang mit neuen Medien oft leichter als Erwachsene.
Smarte Kids. Kinder tun sich im Umgang mit neuen Medien oft leichter als Erwachsene.Foto: iStock/dolgachov

Laut der im Frühjahr 2017 von der Bertelsmann Stiftung veröffentlichten Studie „Monitor Digitale Bildung. Die Hochschulen im digitalen Zeitalter“ zeigen sich Studierende von digitalen Medien nicht gerade begeistert. Durch digitales Lernen fühlen sie sich kaum motiviert, verschiedene Technologien und Anwendungen nutzen sie sowohl in Lehrveranstaltungen als auch in anderweitigen Kontexten eher selten. Besonders auffällig: Die Gruppe der Lehramtsstudierenden bildet in beinahe allen Kategorien das Schlusslicht; nur 8,6 Prozent der Befragten fühlen sich durch Online-Vorlesungen, Apps oder PowerPoint motiviert, gerade einmal drei Prozent verwenden sie in ihren Kursen.

„Ich kenne diese Zahlen“, sagt Niels Pinkwart, Professor für Informatik und Gesellschaft und Didaktik der Informatik sowie Sprecher der AG Medienbildung an der Professional School of Education (PSE), dem zentralen Institut für Lehrkräftebildung an der Humboldt-Universität. „Wahrscheinlich lässt sich diese Skepsis gegenüber dem Digitalen damit erklären, dass die angehenden Lehrerinnen und Lehrer diese Technologien als Schülerin und Schüler nicht kennengelernt haben und nun selbst nicht anwenden wollen, auch weil sie den Bedarf und Nutzen nicht sehen.“

Eben dieser Bedarf und Nutzen liegen für Pinkwart auf der Hand. Für das schulische Lehren und Lernen hält die Digitalisierung „enorm viele Möglichkeiten bereit, sofern die didaktischen Potenziale der Geräte auf natürliche Weise in den Schulunterricht integriert werden“. Der Informatiker nennt Einsatzbeispiele: „Medien können antworten, so kann ein digitales Arbeitsblatt, das die Klasse an ihren Geräten bearbeitet, Lösungen bereithalten, Feedback geben – das entlastet die Lehrkraft.“ Weiterhin können sich Schülerinnen und Schüler im Englischunterricht mittels digitaler Technik mit denen an ihrer Partnerschule in England oder Amerika austauschen oder im Geschichtsunterricht das Phänomen der Zeit anschaulich erleben.

An den Berliner Schulen fehlt eine einheitliche technische Infrastruktur

Bedeutet digital also automatisch besser, hat alles Analoge damit ausgedient? Pinkwart verneint. „Viele Studien haben gezeigt, dass eine bloße Übertragung typischer Unterrichtssituationen auf eine digitale Ebene keinen Mehrwert, keinen Lerneffekt bringt. Natürlich ist es praktisch, dass man ein Tafelbild dank Smartboard abspeichern und wieder aufrufen kann – mehr aber nicht.“ Es gebe sogar Nachteile, so sei eine Kreidetafel robuster und benötige keine Softwareupdates. Auch müsse man sich laut Niels Pinkwart nicht nur wie auch beim Einsatz analoger Medien mit dem Urheberrecht, sondern auch mit dem Datenschutz auseinandersetzen. „Wenn Lehrende im Unterricht mit personenbezogenen Daten wie Namen und Gesichtern der Schüler arbeiten und die Ergebnisse hochladen, kann das ein Problem sein – was sich aber lösen lässt, indem sensible Daten im Internet nicht veröffentlicht werden.“

Weniger einfach dürfte die Ausstattungssituation an den Berliner Schulen zu lösen sein. Pinkwart, der viele Leitungen berät, hat alles gesehen – von Klassenräumen, in denen nur eine Steckdose vorhanden ist, und zwar für den Staubsauger, bis zu Oberstufenzentren mit 1000 PCs und flächendeckendem WLAN. „Immerhin gibt es überall ein paar Smartboards und Computerräume“, so der Professor, der sich dafür einsetzt, dass bei der Senatsverwaltung ein verbindlicher Zeitplan zur Schaffung einer einheitlichen technischen Infrastruktur entwickelt wird.

Lehrer sollten bereits im Studium digitale Lehrformate nutzen

Bis dahin macht er sich vor allem für eine Implementierung verpflichtender Lehrveranstaltungen an den Universitäten stark, ähnlich denen zur Inklusion. „Gut wäre eine Art Grundkurs zu digitalen Medien im Lehramtsstudium, in dem man das nötige Know-how vermittelt. Bisher gibt es nur vereinzelte, freiwillige, meist überbuchte Angebote, die unterschiedlichen Fachdidaktiken nähern sich dem Thema unterschiedlich an.“

Eine dieser Didaktiken, die engagiert und offen für Experimente sei, ist die Sachunterrichtsdidaktik. Deren Leiter Detlef Pech erklärt, dass in seinem Fach ein Umdenken stattfindet. „Der auslaufende Rahmenlehrplan beschränkte sich auf die Verwendung von Medien. Es geht aber nicht um einen Unterricht über digitale Medien – schlimmstenfalls mit erhobenem Zeigefinger, wie gefährlich das alles sei –, sondern darum, digitale Medien als Instrumente der Welterschließung zu nutzen, um das Verstehen dessen, was ich da eigentlich nutze.“

Dieser Ansatz sei vielen Studierenden „sehr fremd“, sie reagierten darauf „zögerlich und leicht fröstelnd“, so Pech. In seine Lehrveranstaltungen baut er deshalb gezielt Materialien zum digitalen Lernen ein, etwa Lego WeDo, Cubelets oder die Programmier-App ScratchJunior – Medien, die Kindern Zugänge zum Programmieren eröffnen. „Im Umgang damit tun sich Kinder deutlich leichter als Erwachsene“, weiß der Sachunterrichtsdidaktiker. Neuartige Lehrformate sollen die Berührungsängste der Studierenden abbauen und am Ende zu einem „didaktischen Denken“ führen. Sein Fach sieht Detlef Pech daher „auf einem guten Weg“.

Der Artikel ist am 14.Oktober 2017 in einer Beilage der Humboldt-Universität zum Start des Wintersemesters 2017/2018 erschienen.

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