• Hunderte Fußspuren entdeckt: Einzigartiger Schnappschuss aus dem Leben der Neandertaler

Hunderte Fußspuren entdeckt : Einzigartiger Schnappschuss aus dem Leben der Neandertaler

Fußspuren von wahrscheinlich bis zu 13 Neandertalern haben Forscher in der Normandie entdeckt. Die meisten stammen von Kindern.

An einem Strand in der Normandie bei Le Rozel entdeckten Forscher über 250 Spuren von Neandertalern in einem ehemaligen Flussbett.
An einem Strand in der Normandie bei Le Rozel entdeckten Forscher über 250 Spuren von Neandertalern in einem ehemaligen Flussbett.Foto: Dominique Cliquet

Hunderte Fußspuren an einem Strand der Normandie geben Einblick in das Sozialleben und die Größe von Neandertalern. Die Analyse der etwa 80.000 Jahre alten Abdrücke deutet darauf hin, dass die nächsten Verwandten des modernen Menschen ähnlich wie heutige Jäger und Sammler in kleinen Gruppen lebten. Überraschender sind jedoch die Zahl der Kinder und der Befund, dass einzelne Individuen deutlich größer waren als bisher bekannt.

Über zweihundert Fuß- und Handabdrücke in prähistorischem Bachbett

Die Fußabdrücke bei Le Rozel im französischen Departement böten einen einzigartigen Schnappschuss aus dem Leben der Neandertaler, schreibt das Team um Dominique Cliquet von der Universität Rennes im Fachblatt „PNAS“. Insgesamt fanden die Forscher in einem Bachbett nahe am Strand auf einer kleinen Fläche neben acht Handabdrücken auch 257 Fußspuren. Das entspreche etwa 95 Prozent aller Fußspuren, die bislang von Neandertalern entdeckt wurden, schreiben sie.

Zudem deuten etliche Steinwerkzeuge und 8000 Überbleibsel von Tieren darauf hin, dass die Gruppe vor etwa 80.000 Jahren an dem Ort nicht nur vorbeikam, sondern zeitweilig dort lebte. Die Abdrücke blieben erhalten, weil das Areal damals schnell mit Sand überweht wurde und so vor Erosion geschützt blieb.

Dass die Spuren vom Homo neanderthalensis stammen, schließen die Forscher sowohl aus den gefundenen Steinwerkzeugen als auch aus der Fußanatomie, vor allem aber aus ihrem Alter: Der Homo sapiens erreichte Europa nach bisherigem Kenntnisstand erst viel später vor gut 40.000 Jahren, kurz bevor die Neandertaler ausstarben.

Kinderreiche Gruppe von zehn bis 30 Menschen

80 Prozent der Fußabdrücke liegen in einem nur 92 Quadratmeter großen Areal. Die Forscher konzentrierten sich bei der Analyse auf die 104 am besten erhaltenen Spuren, die zwischen 11,4 und 28,4 Zentimeter lang sind. Die Analyse ergab, dass sie von mindestens vier, wahrscheinlicher aber von zehn bis 13 Menschen stammen. Das passt zu früheren Studien von anderen Fundstellen, die auf Gruppen von zehn bis 30 Menschen hindeuten. Auch bei heutigen Jägern und Sammlern seien solche Größen nicht unüblich, schreibt das Team.

Überraschender sind dagegen die Zusammensetzung der Gruppe und die Körpergröße: Die mehr als 28 Zentimeter große Spur stammt demnach wohl von einem erwachsenen Mann, der möglicherweise bis gut 1,89 Meter groß war. Aus Knochenfunden schloss man bisher auf eine Größe der Neandertaler bis 1,77 Meter. Möglicherweise hätten in Le Rozel sehr große Individuen gelebt, oder die Größe der Art werde allgemein unterschätzt, schreiben Cliquet und Kollegen.

Die Spuren stammen von mindestens vier, wahrscheinlicher aber von zehn bis 13 Menschen.
Die Spuren stammen von mindestens vier, wahrscheinlicher aber von zehn bis 13 Menschen.Foto: Dominique Cliquet

Aber nur 21 Prozent der untersuchten Fußabdrücke stammen von Erwachsenen. Daraus schließen die Forscher, dass die Gruppe sehr viele Kinder enthielt - unklar ist allerdings, ob alle Individuen die gleiche Zahl an Spuren hinterließen. Den kleinen, gut elf Zentimeter langen Abdruck ordnet das Team einem zwei Jahre alten und etwa 66 Zentimeter großen Kind zu.

Die große Zahl von Kindern und Jugendlichen weiche deutlich von dem einzigen anderen Neandertaler-Fundort ab, der Rückschlüsse zur Gruppenzusammensetzung zulasse, betonen die Forscher: die Höhle El Sidrón in der nordspanischen Region Asturien. Dort gefundene Knochen gehörten demnach zu sieben Erwachsenen, drei Jugendlichen, zwei Kindern und einem Kleinkind. Das Team wertet die Unterschiede zwischen beiden Fundorten als Hinweis darauf, dass Neandertalergruppen sehr unterschiedlich zusammengesetzt waren. Walter Willems (dpa)

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