Infektionsschutz : Impfen ist so was von „bio“

Es aktiviert körpereigene Heilkräfte, es nutzt das Zellgedächtnis im Eigenblut, es vertraut auf Uraltes, evolutiv Bewährtes: Impfen müsste voll im Trend liegen.

Ob gegen Grippe oder Ebola - Impfen ist "bio", es fördert die Selbstheilungskräfte des Körpers.
Ob gegen Grippe oder Ebola - Impfen ist "bio", es fördert die Selbstheilungskräfte des Körpers.Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Eigentlich müsste auf der Verpackung jeder Impfung ein großes „BIO“-Etikett prangen. Denn wie bei kaum einem anderen Arzneimittel passiert beim Impfen nicht viel mehr, als dass ein gänzlich natürlicher Schutzmechanismus des menschlichen Körpers stimuliert wird, ein ebenso faszinierender wie hunderte Millionen Jahre alter Prozess zur Abwehr von Viren, Bakterien, Pilzen – sogar von Erregern, die es heute noch gar nicht gibt.

Eine vorsorgliche Körperabwehr

Der Trick ist im Grunde einfach: Statt auf eine Infektion zu warten, produziert der Körper im Knochenmark vorsorglich spezielle Immunzellen. Diese T-Zellen haben die Mittel zur Verteidigung schon in Stellung, bevor der Erreger überhaupt in den Körper gelangt. Denn jede einzelne T-Zelle stellt einen bestimmten Antikörper her, jene Y-förmigen Moleküle, die eine ganz bestimmte Zielstruktur erkennen, daran binden und so wie Abfangjäger wirken. Zwar produziert jede T-Zelle nur einen bestimmten Antikörper, kann also nur ein Ziel angreifen. Aber da im Knochenmark wie in einem Zufallsgenerator Abermillionen T-Zellen entstehen, gibt es Abfangjäger für praktisch jeden potentiellen Feind, der heute oder in ferner Zukunft angreifen könnte. Anfangs entstehen sogar T-Zellen, die Antikörper gegen körpereigene Strukturen bilden. Sie werden im Thymus, einem Organ oberhalb des Herzens, aussortiert. Ein Thymus-ähnliches Gewebe haben Forscher sogar bei einem der primitivsten Wirbeltiere, dem „Neunauge“, entdeckt, einer seit 500 Millionen Jahren existenten Art, einem „lebenden Fossil“. Schon damals existierte also ein „anpassbares“ ein „adaptives Immunsystem“. Sobald ein oder mehrere Typen von T-Zellen über ihre Antikörper einen Eindringling stellen, vermehren sie sich, bilden zusammen mit so genannten B-Zellen mehr und mehr Antikörper und bekämpfen so die Infektion.
Doch damit nicht genug. Das Immunsystem merkt sich, welche Erreger es bekämpfen musste: Die T- und B-Zellen, die sich vermehren und gegen den Eindringling vorgehen mussten, wandeln sich nach überstandener Infektion in Gedächtniszellen um und können jahre-, sogar jahrzehntelang im Körper überdauern. Sobald der Erreger wieder auftaucht, lösen sie binnen weniger Stunden eine Immunreaktion aus, die den Erregern keine Chance zur Vermehrung lässt. Der Patient ist „immun“.

Impfen verschafft dem Immunsystem einen Vorsprung

Doch nicht immer kommt es zur Gedächtnisbildung. Obwohl jeder Mensch gegen jeden neuen Erreger, ob Ebola oder HIV, ein gewisses Arsenal passender Antikörper hat, reicht dem Immunsystem die Zeit mitunter nicht aus, um die Viren zu stoppen und eine Infektionserkrankung oder gar den Tod zu verhindern.
Hier kommt das Impfen ins Spiel – gewissermaßen das vorsorgliche Aktivieren der körpereigenen Heilkraft: Es gaukelt dem Körper eine Infektion vor, indem verdünnte, abgeschwächte, abgetötete, ähnliche oder nur Teile von Erregern verabreicht werden. Die „kontrollierte“ Infektion macht nicht krank, aber verschafft den Zellen genug Zeit, um zu reagieren und ein Gedächtnis zu bilden, das den Geimpften dann jahre- oder lebenslang immun gegen eine tatsächliche Infektion macht.
Die Impfstoffe, die für diese Gedächtnisbildung verwendet werden, sind durchaus ebenso „bio“. So wurden die ersten Pockenimpfungen im 18. Jahrhundert mit dem pulverisierten Schorf von Narben Pockeninfizierter oder mit den für Menschen weniger gefährlichen Kuhpocken durchgeführt. Inzwischen wird auf solche Lebendimpfstoffe weitgehend verzichtet, stattdessen werden abgetötete oder nur besonders immunogene Teile der Erreger, meist Bestandteile der Hülle, verwendet, die auf biologisch natürliche Weise (biotechnologisch, sic!) hergestellt werden.

Wirkverstärker stimulieren die Immunantwort

Entscheidend für den Erfolg der Impfung, den langanhaltenden Schutz, ist dabei die Immunantwort. Wenn nur Teile des Erregers als Impfstoff dienen, reagiert das Immunsystem mitunter zu verhalten und die Gedächtnisbildung bleibt aus. Daher werden vielen Impfstoffen Wirkverstärker beigemischt, etwa Aluminiumverbindungen oder Öl, was eine lokale Reizung und Entzündung provoziert und die gewünschte Immunreaktion erleichtert. So umstritten die Wirkverstärker sind, haben Studien die damit in Verbindung gebrachten Nebenwirkungen bislang nicht bestätigen können. Aber vielleicht sind diese „Non-Bio“-Zusätze künftig gar nicht mehr nötig. Moderne Impfstoffe aus den Erbgutmolekülen DNA und RNA brauchen keine Verstärker mehr, sie sind selbst Reiz genug für eine schützende Impfreaktion –„bio“ pur.

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