Gehversuche in Richtung Inklusion laufen wacklig an

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Inklusion an Schulen : Holprig zum Miteinander

Immerhin haben sich die Länder hektisch in Bewegung gesetzt: Mecklenburg-Vorpommern verbot gleich zum neuen Schuljahr, Erstklässler in Förderschulen anzumelden. „Plötzlich saßen da 27 Kinder vor einem, fünf davon mit Förderbedarf, und keiner von uns hatte eine einzige Fortbildung gemacht“, erzählt Annett Lindner von der Lehrergewerkschaft GEW. Brandenburg und Berlin waren entschlossen, Förderschulen möglichst schnell zu schließen.

Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) überarbeitete ihre Empfehlung zur Sonderpädagogik aus dem Jahr 1994. Darin hatte zwar bereits gestanden, dass mehr Schüler an allgemeinen Schulen speziell betreut werden sollten. Schließlich schaffen 75 Prozent der Schüler an einer Sonderschule keinen Hauptschulabschluss. Doch der Nutzen der Sonderschule wird von der KMK nicht grundsätzlich infrage gestellt, auch nicht in der neuen Empfehlung. Das dürfte sogar dem Wunsch mancher Eltern entsprechen, die ihr behindertes Kind lieber in einer speziellen Einrichtung sehen.

Dass die Gehversuche in Richtung Inklusion so wacklig anliefen, lag nach Meinung der Behinderten- und Lehrerverbände daran, dass sie selbst erst viel zu spät in die Diskussion einbezogen wurden. Einer Umfrage der GEW zufolge befürworten 80 Prozent der Lehrer die Reform. Nur zehn Prozent fühlen sich jedoch umfassend darauf vorbereitet. „Wir hängen alle in der Luft“, sagt Lothar Semmel, stellvertretender Schulleiter an der Neuköllner Clay-Schule, die seit 20 Jahren Integration betreibt und das Hauruckverfahren skeptisch verfolgt. Obwohl die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) mittlerweile einen Beirat einberufen hat, der ein Konzept für die Inklusion an Berliner Schulen entwerfen soll, herrscht alles andere als Klarheit unter den Beteiligten.

Allgemeine Ideen für die Umsetzung der Inklusion in Deutschland lassen sich ohnehin nicht formulieren, weil die Ausgangssituation in jedem Bundesland und von Schule zu Schule verschieden ist. In Brandenburg sind zum Beispiel knapp 40 Prozent der behinderten Schüler inkludiert, in Berlin fast 50, wobei die Anteile in den einzelnen Bezirke stark schwanken. Das liegt unter anderem daran, dass Förderbedarf immer davon abhängt, welche Unterstützung sich das jeweilige Umfeld selbst zutraut. In Tempelhof-Schöneberg, wo bereits 70 Prozent der behinderten Schüler im gemeinsamen Unterricht gefördert werden, gelten weniger Kinder als förderbedürftig als in Lichtenberg. Das liegt wohl kaum daran, dass hier weniger Kinder mit Behinderung aufwachsen. „Aber Lernschwache werden in einer sozial starken Umgebung nicht so schnell stigmatisiert“, sagt Sigrid Baumgardt von der GEW Berlin. „Mit kompetenten Lehrern und Eltern kann man vieles ausgleichen.“

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