Jahr der Geisteswissenschaften : Der kindlich-sinnliche Held

In Herakles begegnen wir unserem Bild von der Antike. Höchste Zeit, deren Modernität zu entdecken

Gyburg Radke

Im Jahr der Geisteswissenschaften bittet der Tagesspiegel herausragende Vertreterinnen und Vertreter geistes- und kulturwissenschaftlicher Fachgebiete um kurze Aufsätze zu einem Forschungsthema, das sie gerade beschäftigt. Sie geben Einblicke in die Arbeitsweise von Geisteswissenschaftlern, in ihre Methoden und aktuellen Forschungsansätze. Diese Werkstattberichte – es können exemplarische historische Ereignisse neu eingeordnet werden, Akteure in Geschichte und Gegenwart porträtiert oder Bilder und Texte interpretiert werden – sollen die Vielfalt geisteswissenschaftlicher Arbeit zeigen.



Herakles ist einer der wenigen Helden aus dem antiken Mythos, dessen Erinnerung das kollektive Gedächtnis unserer modernen Zeiten bewahrt hat. Sein Ruhm wurde sogar durch die neuen Medien des 20. Jahrhunderts intensiviert und hat neue Formen gefunden. Doch schon seit der Renaissance gibt es die Tendenz, dass Herakles immer stärker von den Bildermedien vereinnahmt wird. Denn er ist eine beeindruckende Erscheinung, deren Individualität am besten in einem Bild vermittelt werden kann.

Dürer, Tiepolo, Rubens und viele andere Maler nutzen die große körperliche Präsenz dieses muskulösen Helden aus der Antike. Dabei steht immer seine Körperlichkeit und Sinnlichkeit, seine Trunksucht und Liebe zu gutem Essen und Frauen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Diese Transformation des mythischen Helden Herakles in ein Bild aber ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern hat bereits in der Antike stattgefunden. Homer hatte den Helden nur am Rande erwähnt, die Tragödie entdeckte Herakles als Charakter, der einen tragischen Fehler begeht und zu Fall kommt. Erzählungen von seiner Neigung zur Trunksucht und zu sinnlichen Ausschweifungen gab es nur in der Kleinkunst, im Mimus, in der Komödie. Das ändert sich radikal mit dem Aufkommen der hellenistischen Dichtung und Kunst. Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. entstehen eine neue Begeisterung und ein neues Interesse an diesem uralten Helden, der einer Generation angehört, die vor dem Trojanischen Krieg lebte.

Im Hellenismus wird der Muskelheld Herakles in seiner Körperlichkeit und Sinnlichkeit auch für die hohe Kunst entdeckt. Es werden Großplastiken geschaffen wie beispielsweise der berühmte Hercules Farnese (siehe Abbildung), auch das Epos findet Gefallen an dem Helden. Apollonios von Rhodos, dem wir das einzige erhaltene hellenistische Epos verdanken, gibt Herakles einen prominenten Platz in seinem Argonautenepos. Das Auftreten des Herakles bei Apollonios aber hat eine paradigmatische Bedeutung: Denn erstens erzählt Apollonios eine Geschichte, die in grauer Vorzeit spielt, die also ganz am Anfang des traditionellen Mythos, in dessen Kindheit, lokalisiert ist; und zweitens lässt der Dichter seinen Helden mehr durch seine Körperkraft denn durch sein kluges Handeln wirken. Apollonios stellt uns den Herakles vor Augen, den wir auch aus der neuzeitlichen Kunst kennen.

Auch in diesem Epos ist Herakles ein eindrucksvolles Bild, und er ist ein alter, ein antiker Held, der weit von der Gegenwart des Dichters und den moderneren Helden, die auch an dem Argonautenzug teilnehmen, abgerückt wird. In Herakles begegnet uns schon bei Apollonios ein Held, der Sinnbild einer naiven Antike, der Kindheit des europäischen Abendlandes, ist: Ihn kann man bewundern für seine Stärke, über ihn kann man schmunzeln wegen seiner Naivität, von ihm kann man sich distanzieren in dem Bewusstsein, diese kindliche Einfachheit lange hinter sich gelassen zu haben.

Wir verhalten uns immer noch gern in dieser Weise zu unserer Antike: Wir bewundern sie für ihre Sinnlichkeit und belächeln sie für ihre angebliche Naivität. Herakles steht genau für diese Haltung gegenüber der Antike als der Vergangenheit Europas schlechthin.

Das Aufregende daran ist, dass er eine solche Rolle schon innerhalb der Antike selbst, im Hellenismus, gewonnen hat. Herakles aber wird im Hellenismus nicht nur als ausgewachsener Mann dargestellt, sondern auch als Säugling. Theokrit dichtet die Geschichte, wie Hera zwei riesige Schlangen zu dem zehn Monate alten Herakles schickt, damit diese ihn töten. Theokrit erzählt diesen altbekannten Mythos auf eine neue Weise, indem er ihn in der Intimität eines bürgerlichen Haushalts stattfinden lässt.

Das Gedicht beginnt mit einer Szene, in der Herakles und sein Zwillingsbruder Iphikles von ihrer Mutter Alkmene liebevoll zu Bett gebracht werden: Sie legt die Zwillinge in den großen Schild ihres Mannes, der zu einer martialischen Wiege umfunktioniert wurde. Während das ganze Haus schläft, dringen plötzlich die grässlich anzuschauenden Riesenschlangen in das Kinderzimmer ein. Der kleine Iphikles schreit wie am Spieß und strampelt seine Decke mit den Füßen weg, darauf bedacht, wie der Erzähler berichtet, die Flucht zu ergreifen – ein für einen Säugling freilich wenig aussichtsreiches Vorhaben. Herakles hingegen erwürgt beide Ungeheuer kurzerhand.

Die besorgten Eltern wollen im Kinderzimmer nach dem Rechten sehen, doch der kleine Kraftheld Herakles hat die Gefahr bereits abgewendet, und so bleibt der Mutter nur, den vor Angst immer noch hysterischen Iphikles zu trösten, während Herakles stolz seine Beute präsentiert. Es folgt ein Gespräch zwischen Alkmene und dem Seher Teiresias, der Herakles eine große Zukunft prophezeit, und ein Katalog aller Lehrmeister, die Herakles in den heldischen Künsten unterrichten werden. Die letzte Szene zeigt Herakles, wie er auf einem Löwenfell liegt, das er als Spielwiese über alles liebte.

Hinter all dem steckt ein hohes Reflexionspotenzial, denn in das Niedlich-Kindliche wird der erwachsene Herakles mit all seinen Attributen hineingespiegelt, deren Zugehörigkeit zu Herakles aber anders, neu begründet werden: Der neue Herakles des Hellenisten Theokrit wird das Löwenfell nun nicht als Bezwinger des Nemeischen Löwen tragen, sondern weil er sich von seiner Spieldecke nicht trennen kann. Theokrit hat damit den Mythos neu geschrieben und den alten Helden neu erfunden.

Das Gedicht ist ein Beispiel unter vielen für die Obsession, die die Dichter seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. für die Kindheit entwickeln. Nie zuvor war unreife Kindlichkeit literarisch dargestellt worden. Doch diese Kindererzählungen sind als Literatur alles andere als naiv. Sie legen Zeugnis ab von dem reflektierten Bewusstsein der hellenistischen Dichter. Diese inszenieren in den Geschichten aus der Kindheit der Götter und Helden ihre eigene Neuheit und erzeugen die Illusion eines radikalen Neuanfangs.

An die Stelle der nicht mehr zeitgemäßen traditionellen Dichtung soll etwas ganz Neues treten, das das Alte überwindet. Die Kindheit des Mythos ist ein Weg, den die hellenistischen Dichter gewählt haben, um diese Befreiung von der Last ihres Daseins als Spätgeborene als absolute Innovation zu inszenieren. Indem sie Geschichten erzählen, die früher stattfinden als die von Homer und der attischen Tragödie gedichteten Mythen, rollen sie die Kulturgeschichte von hinten auf. Diese Umwälzungsbewegung war eine gewaltige Revolution, in der unsere moderne Vorstellung, die jeweils alten Dichter seien eine ein für alle Mal abgeschlossene, tote Vergangenheit, ihren Ursprung hat.

Die Neuentdeckung der Kindheit gehört ebenso zu diesen poetischen Strategien wie die des Muskelhelden Herakles. Hinter beiden steht eine neue Auffassung von dem, was Kunst leisten soll: Jetzt nämlich denkt man, dass die subjektive Fantasie des Künstlers in nicht von der Ratio gegängelter Kreativität anschauliche Bilder erschaffen muss, die beim Rezipienten die Illusion erzeugen, er sehe das Dargestellte unmittelbar vor sich oder nehme sogar selbst an diesem teil. Es ist eine ikonische Wende, die zugleich die erste Ästhetik ist, die die ästhetische Erfahrung zum Inbegriff und zur Aufgabe der Kunst erhebt.

Weite Perspektiven tun sich damit für die Klassische Philologie auf. Sie kann in der Reflexion auf die Bildlichkeit und die Thematisierung der Kindheit im Hellenismus diesen neu als ästhetische Revolution begreifen lernen, die große Affinitäten zu vielen Entwicklungen in der modernen Kunsttheorie und Literaturwissenschaft hat. Die antike Dichtung ist keine naive Kindheit des Denkens, von der man sich als moderner Mensch distanzieren muss, sondern sie hat im Hellenismus Konzepte entworfen und praktisch umgesetzt, die das Prädikat modern verdienen.

Es ist an der Zeit, dass die Klassische Philologie aus ihrer Isolation heraustritt und ihre Gegenstände als etwas präsentiert, das auf gleicher Augenhöhe mit moderner Literatur und Literaturtheorie steht.

Die Abbildung zeigt den „Farnesischen Herkules“ des athenischen Bildhauers Glykon, 1. Jahrhundert vor Christus.

Zur Person:

Als die Gräzistin Gyburg Radke (31) vor einem Jahr den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhielt, wurde sie als Shooting-Star der Geisteswissenschaften gefeiert. Die Juroren lobten ihren fächerübergreifenden Ansatz: Sie stellt klassische Texte – unter anderem von Homer oder Euripides – in größere kulturgeschichtliche Zusammenhänge und interpretiert sie mit modernen literaturwissenschaftlichen Methoden. Radke studierte in Marburg und Heidelberg Klassische Philologie und Archäologie, habilitierte sich 2003 mit einer Arbeit über den antiken Platonunterricht, war dann Stipendiatin in Harvard und vertritt derzeit einen Lehrstuhl für Klassische Philologie in Heidelberg. -ry

Alle Folgen der Serie im Internet:

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