Japanologentagung an der FU : „Wer nur Mangas lesen will, wird enttäuscht"

FU-Vize Verena Blechinger-Talcott über ihr Fach.

Finn Mayer-Kuckuk
Im Wandel. In Zeiten des Brexits und unruhiger Beziehungen mit den USA sucht Japan neue Partner, sagt die Japanologin Verena Blechinger-Talcott.
Im Wandel. In Zeiten des Brexits und unruhiger Beziehungen mit den USA sucht Japan neue Partner, sagt die Japanologin Verena...Foto: Koji Sasahara/AP/dpa

Frau Blechinger-Talcott, die Japanologie gilt als „Orchideenfach“. Was halten Sie von diesem Etikett?

Ich glaube nicht, dass diese Einordnung auf das Fach zutrifft. Das Bild vom Orchideenfach legt doch nahe, dass man sich hauptsächlich mit der eigenen Schönheit beschäftigt und an der Welt vorbei ausbildet. Das machen wir nicht, weder im kulturwissenschaftlichen noch im sozialwissenschaftlichen Zweig. Wir haben durchaus den Arbeitsmarkt im Blick.

Welche Berufe ergreifen Japanologen denn nach dem Abschluss?

Das hängt davon ab, welchen Schwerpunkt Sie im Studium setzen. Sie können Japanologie auch als kleines Nebenfach im Bachelor studieren – dann hängt Ihre Ausrichtung vom Hauptfach ab. Wir an der FU beschäftigen uns generell mit dem modernen Japan und der Gegenwart und greifen auch aktuelle Fragen aus Politik und Wirtschaft auf. Unsere Absolventen arbeiten beispielsweise in Verlagen, die derzeit vom Manga-Boom profitieren, oder in der Computerspielindustrie. Eine Absolventin ist beispielsweise heute bei The Pokémon Company in London beschäftigt. Andere kommen bei der japanischen Botschaft hier in Berlin unter – oder werden Diplomaten und treten ins Auswärtige Amt ein.

Wäre es für karriereorientierte junge Menschen nicht sinnvoller zum Beispiel gleich Informatik, BWL oder Jura zu studieren und nebenbei Japanisch zu lernen?

Das können Sie problemlos machen, wir bieten Japanstudien als Nebenfach an. Doch wer die Sprache wirklich gut lernen möchte und keine Vorkenntnisse mitbringt, erreicht das über die Nebenfachschiene nicht. Dazu ist Japanisch auf höherem Niveau zu schwierig.

Die Hauptfachstudenten lernen vermutlich nicht nur Japanisch?

Klar, man lernt hier alle Grundlagen zum Verständnis des Landes – die Geschichte und die Kultur, aber auch Grundwissen zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Japans. Davon profitiert auch, wer in die Wirtschaft gehen will. Wir setzen uns damit auseinander, wie Geschäftsbeziehungen aufrechterhalten und Verhandlungen geführt werden.

Viele junge Leute finden Ihren Zugang zum Japan-Interesse über Manga und Anime. Zeigt sich das auch in den Studiengängen?

Wer in der Erwartung ins Japanologiestudium kommt, da nur Manga zu lesen, wird schwer enttäuscht. Wir setzen uns mit langen und schweren Texten auseinander, nicht nur mit Bildergeschichten. Doch natürlich kommt auch die Populärkultur als Studieninhalt vor. In einem Seminar zur Sicherheitspolitik nutze ich regelmäßig die Comic-Version des Weißbuchs zur Verteidigungspolitik der japanischen Regierung: „Prinz Eingelegte Gurke“ und „Madame Pfefferschote“ spreche da über die Bedrohung Japans durch ausländische Mächte. Sie können sich vorstellen, wie das den Unterricht auflockert.

Comics können doch auch sonst ein legitimes Studienobjekt sein.

Tatsächlich beschäftigt sich ein rundes Drittel der Abschlussarbeiten im Bachelor mit popkulturellen Themen. Die Beschäftigung mit Japan kann eben in jede Richtung gehen. Auch das Thema Jugendmoden und Subkulturen ist beliebt.

Japans Pop-Kultur macht also auch das Fach attraktiv. Wie entwickeln sich die Studierendenzahlen?

Sehr erfreulich. Für das Wintersemester 2016/2017 hatten wir an der FU 67 reguläre Studienplätze im Kernfach für den BA Japanstudien/Ostasienwissenschaften und 201 Bewerbungen, für das kommende Wintersemester haben wir die Zahl der Plätze auf 99 erhöht und dafür 229 Bewerbungen erhalten.

Läuft die Sinologie der Japanologie nicht trotz all dem heute den Rang ab? Schließlich ist China die neue Großmacht in Asien und zudem der wichtigste Markt für deutsche Produkte wie Autos.

Über die Nachfrage nach Sinologen kann ich nicht viel sagen. Was aber auffällt: Die Nachfrage nach Studienplätzen in der Japanologie ist deutschlandweit deutlich höher.

China, Japan und Deutschland sind die nächstgroßen Volkswirtschaften hinter den USA. Wie gestaltet sich das Dreiecksverhältnis in Zeiten von Trump?

Auf jeden Fall hat das Agieren Donald Trumps die deutsch-japanischen Beziehungen wieder in Bewegung gebracht. Es gibt allerdings auch eine unterschiedliche Wahrnehmung: Deutschland setzt im Umgang mit China mehr auf Dialog, Japan sieht China auch aufgrund der Territorialkonflikte im Ostchinesischen Meer viel stärker als Bedrohung.

Die japanische Sympathie für Deutschland ist also ungebrochen?

Japan sucht nach neuen Partner – denn es ist in zweierlei Hinsicht verunsichert. Im Verhältnis zu Amerika sind Sicherheiten weggebrochen. Zugleich wirkt der Brexit als Schock: Großbritannien war der Kernpartner in Europa. Jetzt sucht Japan in Kontinentaleuropa nach Partnerschaften und die deutsch-japanische Partnerschaft erfährt eine Aufwertung.

Die Fragen stellte Finn Mayer-Kuckuk. - Verena Blechinger-Talcott ist Professorin für Japanologie und Direktorin der Graduiertenschule für Ostasienstudien (GEAS) sowie Vizepräsidentin für Internationales der FU Berlin. Noch bis zum 31. August findet an der FU Berlin der Deutschsprachige Japanologentag statt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen sich mit Themen aus Geschichte, Literatur, Sprache und Kunst oder aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft Japans. Die Themen der Vorträge reichen von vergleichender Mythenforschung in ältesten Textzeugnissen bis hin zu Fragen des institutionellen Wandels in der Politik Japans, Differenzierungsprozessen im Bildungssystem oder der Rolle der Digital Humanities in der japanbezogenen Forschung. Auch über wissenschaftspolitische Entwicklungen wird diskutiert. Die Tagung ist öffentlich, der Eintritt frei.

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