Wie kam es zur Entsolidarisierung mit den jüdischen Nachbarn?

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Judenhass abwehren : Was wir aus der Geschichte des Antisemitismus lernen
Stefanie Schüler-Springorum

Nach dem Krieg aber verschwammen diese zusehends, sei es aufgrund des insgesamt stark radikalisierten politischen Klimas, sei es, weil eine neue Generation von Juristen auf dem rechten Auge nicht nur blind war, sondern bösartig. Nun boten viele dieser Prozesse der NSDAP die Möglichkeit zur politischen Propaganda. Gleichzeitig bemühte sich der CV in diesen aufgeheizten Zeiten um kluge strategische Bündnisse mit den demokratischen Parteien, da man nur durch den Kampf für Demokratie und Rechtsstaat die bedrohte Minderheit zu schützen hoffte.

Das deprimierende Ende der Aufklärungsarbeit

Allerdings nahm Ende der 20er Jahre die politische „Aufklärungsarbeit“ des CV ein ähnlich deprimierendes Ende wie der „Rechtsschutz“. Bis weit ins 20. Jahrhundert hatten sich Juden wie – in weitaus geringerem Maße – Nichtjuden bemüht, Antisemiten mit Fakten und Argumenten zu überzeugen oder zumindest wissenschaftlich zu widerlegen. Doch selbst ohne einen rassistisch verankerten und damit jedweder rationalen Logik enthobenen Antisemitismus waren diese Versuche zum Scheitern verurteilt. Nicht nur weil die meisten Antisemiten ohnehin nichts lasen, sondern auch weil die dauernden Thematisierungen ihre Spuren selbst im gebildeten Bürgertum hinterließen.

Schleichende Klimaveränderung

Die schleichende Klimaveränderung verdeutlicht ein Alltagsbeispiel. Die Frauengruppe des CV berichtete über Teenachmittage mit ihren nichtjüdischen Nachbarinnen. Anstatt, wie gehofft, „Gegensätze zu mildern und Annäherungen anzubahnen“, waren die jüdischen Gastgeberinnen damit beschäftigt, pauschale Vorwürfe abzuwehren. Sie bemerkten am Ende resigniert: „Zu unserem Bedauern hat aber keine Frau das Wort für uns ergriffen, etwa in dem Sinne, dass sie uns aus gemeinsamer Arbeit (...) kenne und unsere Mitarbeit ihnen wertvoll sei.“

Es war diese Entsolidarisierung der Mehrheit, der Nachbarn, die lange vor 1933 begann und dann zur Folge hatte, dass dem nach 1933 einsetzenden Angriff auf die jüdische Minderheit in ihrer Mitte nur wenig Widerstand entgegengesetzt wurde.

Hier also, an diesem Punkt, hatte die jahrzehntelange Aufklärungsarbeit, hatten die unzähligen Bücher und Artikel, die zahllosen Vorträge, Synagogenbesuche und Teenachmittage wenig bis gar nichts erreicht.

Ein Missverständnis, das bis heute anhält

Hier zeigt sich ein grundlegendes Missverständnis, das teils bis heute anhält. Wenn wir Antisemitismus lediglich als ein Vorurteil begreifen, als ein besonderes zwar, aber eben ein Vorurteil, das man mit rationalen Argumenten außer Kraft setzen können müsste, erfassen wir seinen spezifischen Kern nicht. Es ist daher sicher kein Zufall, dass sich die Antisemitismusanalysen der Kritischen Theorie wieder wachsender Beliebtheit erfreuen, liefern sie doch ein weit über das Vorurteilsparadigma hinausreichendes Erklärungspotenzial: die inhärenten Widersprüche des Kapitalismus beziehungsweise der bürgerlichen Gesellschaft und die von ihr erzeugten Pathologien.

Aber was bedeutet dies für die Abwehrarbeit – wenn man nicht jeden auf die Couch legen kann und nicht bis zur Revolution warten will? Wenn man also davon ausgehen muss, dass der Antisemitismus trotz noch so exzellenter Bildungsarbeit nicht einfach verschwindet? Die Antworten haben sehr wohl etwas mit den Erfahrungen von 1933 zu tun.

Es geht erstens darum, rechtliche Grundsätze zu bewahren und gegebenenfalls einzuklagen. Die Zerstörung des Rechtsstaates ging einher mit der Zerstörung der Demokratie. Anders ausgedrückt: Erst mussten die demokratischen Parteien verboten und Zehntausende ihrer Anhänger eingeschüchtert, weggesperrt und ermordet werden, bevor der Angriff auf die Juden mit voller Gewalt vonstattengehen konnte.

Es kommt auf politische Koalitionen an

Als Zweites also muss es um die positive Verstärkung eines inkludierenden, pluralen Demokratieverständnisses gehen. Dies kann aber nur überzeugen, wenn es Solidarität und politische Koalitionen einschließt. Ignatz Bubis hat das sehr genau gewusst, als er nach dem Pogrom 1992 Rostock-Lichtenhagen besuchte, sich kurz darauf an die Seite der türkischen Opfer der Brandanschläge von Mölln und Solingen stellte und vehement gegen eine Verschärfung des Asylrechts eintrat. In Zeiten nicht nur von Pegida oder der erneuerten AfD, sondern allgemein eines neo-nationalistischen Backlashs im europäischen Raum, ist diese Form der Solidarität mehr denn je vonnöten – und zwar nicht nur vonseiten der politischen Repräsentanten, sondern all jener, die sich gegen Antisemitismus engagieren möchten.

- Die Autorin ist Historikerin und Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Der Text basiert auf einem Vortrag, den sie im Jüdischen Museum im Rahmen eines Kollegs des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks gehalten hat.

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