Jüdische Buchgesellschaft : Renaissance mit Soncino-Hebräisch

Vor 80 Jahren wurde in Berlin die erste und einzige jüdische bibliophile Gesellschaft aufgelöst. Sie hinterließ rund 100 besondere Buchdrucke.

Den „Bücherfreund“ schenkte Jakob Plessner, Bildhauer und Schüler von Adolph von Menzel, den Soncino-Mitgliedern zur Jahresversammlung am 5. Dezember 1926.
Den „Bücherfreund“ schenkte Jakob Plessner, Bildhauer und Schüler von Adolph von Menzel, den Soncino-Mitgliedern zur...Foto: Jüdisches Museum Berlin

Manchmal beginnt Wissenschaft mit einem Zufall. Bernhard Jensen, promovierter Philosoph und seit 2004 Bibliothekar am Jüdischen Museum Berlin, wollte 2014 nur einen kurzen Text für die Museums-Webseite schreiben. Ein paar Zeilen über die Soncino-Gesellschaft, deren Nachlass seit den 1990er Jahren im Depot schlummert. Doch als er die spärliche Sekundärliteratur studierte und die Bände selbst in Händen hielt, waren da mehr Fragen als Antworten. Was war das für eine Gesellschaft? Warum galten ihre rund 100 Publikationen, erschienen in den 1920ern und 1930er Jahren, als so bedeutsam? Und wie kam die Auswahl der Titel zustande? „Ich wurde überhaupt nicht schlau daraus“, sagt Jensen rückblickend.

Drei Jahre später liefert der Forscher mit seinem Buch „Ein Kanon der jüdischen Renaissance. Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches“ (Wallstein Verlag) erstmals eine umfassende Analyse der einzigen bibliophilen Vereinigung von Juden in der Weimarer Republik. Er schließt damit eine Lücke in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Denn unter dem Dach der Soncino-Gesellschaft versammelt sich ab 1924 die jüdische Kulturelite. Zum Ehrenausschuss gehören unter anderem der Rabbiner Leo Baeck, der Kritiker und Herausgeber Max Brod, der Philosoph Martin Buber und der Schriftsteller Chaim N. Bialik. Später stößt auch Arnold Zweig dazu.

In allen deutschen Großstädten gibt es bibliophile Gesellschaften

Um 1900 gründen sich in Deutschland zahlreiche bibliophile Gesellschaften. Ihr Ziel ist die Wiederbelebung der Buchdruckkunst. Im 19. Jahrhundert war das Buch zur Massenware geworden – mit hohen Auflagen, schlechter Qualität und miserabler Gestaltung. Die bibliophilen Gesellschaften propagieren das gegenteilige Prinzip: kleine Auflagen, nur für Mitglieder erhältlich, dafür hohe Ansprüche an Form und Inhalt. Meist finanzieren einzelne Mitglieder den Druck eines Buchtitels. Bei den Jahresversammlungen wird das Werk vorgestellt und verteilt. Die Gesellschaften sind bürgerlich-konservativ ausgerichtet, „man könnte auch elitär sagen“, erklärt Jensen. Die gebildeten Herren bleiben unter sich. In allen deutschen Großstädten gibt es bibliophile Gesellschaften, viele Juden sind dort Mitglieder.

Die „Soncino-Blätter“ gehörten zu den Periodika des Vereins.
Die „Soncino-Blätter“ gehörten zu den Periodika des Vereins.Foto: Jüdisches Museum Berlin

Doch ein eigener Verein mit explizit jüdischem Schwerpunkt fehlt. Er entsteht schließlich in Berlin auf Anregung des Jurastudenten Herrmann Meyer und zählt bald 650 Mitglieder. Benannt wird die Soncino-Gesellschaft nach einer aus Italien stammenden Familie, die 1488 die erste vollständige hebräische Bibel gedruckt hatte. Das Ziel der Gesellschaft ist „die Neubelebung der Buchkunst im Rahmen jüdischer Kulturarbeit“ – so heißt es in einem Werbeheft aus dem Gründungsjahr.

Der Versuch, einen jüdischen Kanon zu konstruieren

Tatsächlich verlegt die Soncino-Gesellschaft in den kommenden Jahren Bücher aus fast allen Wissensgebieten. Religiöse Schriften sind darunter, literarische Texte auf Deutsch, Jiddisch und Hebräisch, Titel zu künstlerischen Themen, historische Werke, Gedichte, Briefe, Kinderbücher – „insgesamt eine sehr große Spannbreite“, sagt Jensen. Von einem Kanon sprechen die Mitglieder selbst nicht. Aber die Soncino-Gesellschaft betont oft, dass sie besonders „wertvolle und wichtige Bücher“ veröffentlichen möchte. Jensen sieht daher in der Auswahl durchaus den Versuch, einen jüdischen Kanon zu konstruieren. Die Soncino-Gesellschaft fügt sich damit ein in die Epoche der „Jüdischen Renaissance“, ein von Martin Buber geprägter Begriff, der die Rückbesinnung auf die eigenen Traditionen umschreibt. Kulturelle Selbstvergewisserung und Identitätsfragen bestimmen die Diskurse der Zeit.

Trotzdem ist sich die Gesellschaft, unter deren Dach Zionisten, Liberale, Orthodoxe und Assimilierte zusammenkommen, keineswegs immer einig. Auch die jüdische Presse nimmt die Arbeit der Gesellschaft teilweise kritisch auf. Vor allem an der Bibelausgabe, teures und aufwendiges Prestigeprojekt, entzündet sich eine hitzige Debatte. Es steht der Vorwurf im Raum, die exklusive Monumentalausgabe sei ein „ästhetischer Luxus“. „Da knallt es richtig“, erzählt Jensen.

Eine neue Druck-Type: "Soncino-Hebräisch"

Doch die Soncino-Gesellschaft lässt sich nicht von ihrem Plan abbringen. Sie gibt eigens die Entwicklung einer neuen Drucktype in Auftrag; „Soncino-Hebräisch“ wird die Schrift genannt. „Insgesamt ging es der Gesellschaft sehr um Typografie, und speziell im Hebräischen war der Vorstand der Meinung, dass die bisher verwendeten Schriften nichts taugen.“

Um die Einbände schert man sich dagegen gar nicht. „Die meisten Bände sind sogar nur geheftet.“ Es war üblich, dass die Mitglieder von bibliophilen Gesellschaften die Bücher erst nachträglich nach ihrem eigenen Geschmack binden ließen. Die meisten der im Jüdischen Museum vorhandenen Soncino-Bücher sind einheitlich in grünem Halbleinen eingebunden, mit braunem Überzugspapier – nichts Besonderes. „Darum ging es den Buchliebhabern aber auch überhaupt nicht“, sagt Jensen.

Bedeutsam ist aus der Sicht des Wissenschaftlers etwas anderes. 80 Jahre nachdem die Gesellschaft 1937 aufgelöst wurde und viele der Mitglieder emigrierten, erzählen vor allem Inhalte und Schriftbilder etwas über das jüdische kulturelle Leben im frühen 20. Jahrhundert, das bald darauf abrupt abreißt. Im Internet ist die komplette Sammlung der Soncino-Bücher mittlerweile frei zugänglich. Im Katalog des Jüdischen Museums (https://opac.jmberlin.de) finden sich die Werke unter dem Stichwort „Soncino-Gesellschaft“. Dort sind auch die Digitalisate hinterlegt. Reinklicken und blättern ausdrücklich erwünscht.

Bernhard Jensen: Ein Kanon der jüdischen Renaissance. Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches. Wallstein-Verlag, Göttingen, 2017. 228 Seiten, 29 Euro

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