Jugendorganisationen im 20. Jahrhundert : Vom angeleiteten Spiel zum Fahnenkult

Boy Scouts, Red Scouts, Hitlerjungen und Pioniere: Wie eine pädagogische Innovation im „Jahrhundert der Jugend“ die Welt erfasste.

Mischa Honeck
Thälmannpionierinnen applaudieren 1982 in Bautzen beim VII. Pioniertreffen.
Bautzen, 1982. Aus dem „Be Prepared“ der Boy Scouts wurde im Ostblock der Pionierruf „Immer bereit!“. Im Bild Thälmannpionierinnen...Foto: imago/Ulrich Hässler

Als im Sommer 1951 der damals 17-jährige Pfadfinder Richard Etheridge aus Birmingham, England, seinen Rucksack packte und nach Zentraleuropa aufbrach, ahnten seine Kameraden nicht, dass es Etheridge nicht wie sie zum Weltpfadfinderfest ins österreichische Bad Ischl zog. Noch in England setzte sich Etheridge von seiner Truppe ab und schlug sich nach einer abenteuerlichen Schiffspassage über Dünkirchen nach Danzig zu seinem eigentlichen Ziel durch: den zeitgleich in Ost-Berlin stattfindenden Weltfestspielen der Jugend und Studenten.

Etheridge machte aus seiner sozialistischen Gesinnung nach seiner Rückkehr aus der Deutschen Demokratischen Republik keinen Hehl mehr. Nachdem die englische Presse von der Existenz anderer „Red Scouts“ und ihren Fraternisierungen mit Jugendlichen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs berichtete, wurde aus einem vermeintlichen Jungenstreich eine formidable Staatsaffäre. Der britische Pfadfinderverband ging hart gegen interne Abweichler vor, Eltern beklagten die Manipulierbarkeit ihrer Kinder, und Abgeordnete der Labour Party protestierten, dass das Gift des McCarthyismus in eine der ältesten und angesehensten Jugendorganisation des Landes eingesickert sei.

Jugendliche in bestehende Herrschaftsordnungen integrieren

Diese Episode illustriert, welche politische Bedeutung jugendlicher Vergemeinschaftung in den ideologisch hochmobilisierten Gesellschaften des 20. Jahrhunderts beigemessen wurde – in einem Zentennium, das vielen als ein „Jahrhundert der Jugend“ galt. Der Fall Etheridge verweist aber auch auf die historische Rolle von Jugendorganisationen bei dem Versuch staatlicher und nichtstaatlicher Akteure, Partizipationsansprüche junger Menschen zu steuern und einzuhegen. Diese pädagogische Innovation erreichte in nur wenigen Jahrzehnten globale Ausmaße: Zeltlager, Feste, Leibesübungen, Fahnenkulte und Initiationsrituale, mit denen Millionen von Kindern und Jugendlichen beiderlei Geschlechts in bestehende Herrschaftsordnungen integriert werden sollten, faszinierten Eliten in Weltanschauungsdiktaturen, liberalen Demokratien und antikolonialen Bewegungen gleichermaßen.

Das Bild im Gleichschritt marschierender und im Gleichtakt singender uniformierter junger Menschen dominiert seit Langem die öffentliche und historiografische Diskussion um das Phänomen der organisierten Jugend. Dessen Hochphase fällt in das vom Historiker Eric Hobsbawm vermessene „Zeitalter der Extreme“. Allerdings läuft der zumeist einseitige Fokus auf totalitäre Massenverbände wie die Hitlerjugend oder den sowjetischen Komsomol Gefahr, die Pluralität, Mobilität und insbesondere die Flexibilität dieser pädagogischen Neuerung aus dem Blick zu verlieren.

Adoleszenz als Lebensalter des extremen Erlebens und Verhaltens

Träger von Jugendorganisationen können Staaten und die sie stützenden Parteien sein. Es gibt sie sui generis. Aber auch Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, Unternehmer und Vereine nutzen Jugendorganisationen als Rekrutierungsbecken für dringend benötigen Nachwuchs, nicht zuletzt weil eine selbstbewusste Jugend mehr Mitsprache bei der Ausgestaltung gesellschaftlicher und politischer Ordnungen einforderte.

Dass Jugendorganisationen nicht nur Jugendliche selbst, sondern auch ein beherrschbares Konzept von Jugend benötigen, klingt wie eine Binsenweisheit. Tatsächlich erlebte diese Lebensphase seit spätestens dem Ende des 19. Jahrhunderts eine enorme Aufwertung. Während Jugendliche immer mehr als eine gefährdete Spezies gesehen wurden, die vor den Schattenseiten der industriellen Moderne geschützt werden müssten, wurde Jugend zum nationalen Prinzip erhoben und mit den Idealen von Dynamik und Vitalität verbunden.

Eine wichtige Denkfigur, auf die sich um 1900 eine heterogene Koalition aus Jugendbetreuern – Pädagogen, Sozialreformer, Naturfreunde, Offiziere und Staatsmänner – in Europa und Nordamerika berief, war das vom US-amerikanischen Entwicklungspsychologen Granville Stanley Hall popularisierte Konzept der Adoleszenz. Die Ideen von Hall waren einflussreich, weil sie mit der Adoleszenz eine verwissenschaftlichte Theorie der Jugend als ein von Kindheit und Erwachsenenzeit unterscheidbares Lebensalter des extremen Erlebens und Verhaltens begründeten. Relativiert, wenn auch nicht verdrängt, wurde damit der Jugendkult postaufklärerischer Bewegungen, in denen Jugend als romantisierende Aufbruchsmetapher zirkulierte und dabei weniger eine spezifische Altersgruppe als eine kritische Haltung gegenüber der Ordnung der Älteren bezeichnete.

Biwaks und Uniformen der Scouts politisch instrumentalisiert

Halls Forderung, Kinder sollten ihre „primitiven Triebe“ im angeleiteten Spiel ausleben dürfen, bot wissenschaftliche Legitimation für eine Reihe von pädagogischen Experimenten wie den Woodcraft Indians in den Vereinigten Staaten oder den aus Schottland stammenden Boys’ Brigades, in denen Erwachsene zusammen mit Jugendlichen – häufig im Rahmen verbindender Naturerlebnisse, Freizeitaktivitäten oder kadettenhaftem Drill – neue generationsübergreifende Formen des Zusammenseins erkundeten. Aus diesen Versuchsanordnungen gingen letztlich die 1908 in England gegründeten Pfadfinder hervor, in vielerlei Hinsicht der Prototyp der modernen Jugendorganisation. Die vom britischen Veteranen des Burenkrieges Robert Baden-Powell angeführten Boy Scouts breiteten sich in der angloamerikanischen Welt rasant aus und fanden international zahlreiche Nachahmer.

Natürlich führte von den Boy Scouts keine gerade Linie zur Hitlerjugend. Dennoch waren in den Biwaks und Uniformen der Scouts Strukturen angelegt, die sich für ganz unterschiedliche politische Zwecke instrumentalisieren ließen. Dies erkannte beispielsweise die Ehefrau des russischen Revolutionärs Vladimir Lenin, Nadesdha Krupskaja, die in den frühen 1920ern die Pfadfinderidee als Blaupause für den Aufbau einer kommunistischen Kinder- und Jugendorganisation nutzte.

Aus dem Scout-Motto „Be Prepared“ wurde der Pionierruf „Immer bereit!“ Ähnlich verlief der Ideentransfer von der angelsächsischen Kultur ins faschistische Italien und nationalsozialistische Deutschland. Dass Benito Mussolini und Adolf Hitler ihre jungen Anhänger in uniformierten Masseneinheiten um sich scharten, rang sogar Baden-Powell Bewunderung ab. Und dass die Strahlkraft der Scout-Idee nicht auf Europa begrenzt war, zeigen die Beispiele Afrika und Ostasien. Das Tschiang Kai-schek unterstellte nationalistische Jugendkorps übernahm Elemente von den britischen Boy Scouts, pries aber zugleich die Vorzüge einer vormilitärischen Ausbildung, wie sie Jugendliche in faschistischen Ländern erhielten. In Südafrika entstand 1944 die Jugendliga des Afrikanischen Kongresses, die in kürzester Zeit zu einer Kaderschmiede für antikoloniale Nationalisten heranreifte. Politische Ideologien konnten der globalen Diffusion von Jugendorganisationen im Wege stehen, mussten es aber nicht.

Mit den kommunistischen Regimen kollabierte auch ihre Staatsjugend

Sobald die Saat in den jeweiligen Regimen aufging, entwickelten sich die Organismen recht eigentümlich. In Weltanschauungsdiktaturen wurden Jugendverbände wie die Hitlerjugend oder mit Abstrichen auch die Freie Deutsche Jugend in der DDR zu Instrumenten ideologischer Gleichschaltung. Dieser Tendenz stand eine Reihe von zivilgesellschaftlichen Initiativen gegenüber, darunter auch die Pfadfinder, die in liberalen Demokratien zwar oft systemkonforme Jugendarbeit verrichteten, aber nie zu offiziellen Staatsjugenden wurden.

Die binäre Optik einer „freien“ und „unfreien“ Welt kommt jedoch ins Rutschen, wenn man sich der Geschlechterfrage zuwendet. In ihrem Hang zur rigiden Geschlechtertrennung – sowohl die Boy Scouts als auch die Hitlerjugend beharrten auf männerbündlerischer Exklusivität – lagen faschistische und bürgerliche Jugendorganisationen erstaunlich nahe beieinander. Als Kontrastfolie boten sich sozialistische und kommunistische Jugendverbände an, in denen Mädchen und junge Frauen eine wichtige Rolle beim Aufbau einer „neuen“ Gesellschaft zugesprochen wurde, auch wenn koedukative Elemente den männlichen Führungsanspruch nur bedingt infrage stellten.

Gab es je ein „goldenes“ Zeitalter der organisierten Jugend? Wenn ja, warum und wie ging es zu Ende? In den Gesellschaften des Westens gingen die Liberalisierungswellen der 1960er und 1970er Jahre nicht spurlos an den traditionsreichen Verbänden vorüber. Alleine die Boy Scouts of America verloren in nur einem Jahrzehnt mehr als ein Drittel ihrer Mitglieder. Zu den Ursachen zählen sinkende Geburtenraten, konkurrierende Sport- und Freizeitkulturen und die Suche nach alternativen Lebensstilen im Zuge antiautoritärer Revolten. Noch fulminanter verlief der Erosionsprozess organisierter Massenverbände nach dem Ende des Kalten Kriegs in den ehemaligen Ostblockstaaten, als mit den kommunistischen Regimen auch die von ihnen kontrollierten Staatsjugenden kollabierten.

Comeback mit neuen Aufmärschen uniformierter Jugendlicher

Dennoch gibt es gute Gründe, Jugendorganisationen nicht als Relikt einer vergangenen Ära anzusehen. Mit dem Comeback nationalistischer Bewegungen im frühen 21. Jahrhundert erleben auch Aufmärsche uniformierter Jugendlicher im Namen kollektiver Großordnungen eine zweifelhafte Renaissance. Von einer pauschalen Unvereinbarkeit von Jugendkultur und Jugendorganisationskultur kann ebenso wenig die Rede sein.

Vielmehr zeigt die Geschichte der Jugendorganisationen im Zeitalter der Massenideologien, wie wichtig es ist, junge Menschen als Akteure der Geschichte ernst zu nehmen, ganz gleich, ob sich diese Handlungsmacht im Dagegensein oder im Eifer der Zustimmung mit der Welt der Älteren äußert.

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Der Autor ist Historiker und vertritt an der Universität Duisburg-Essen die Professur für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Sein Artikel beruht auf seinem Beitrag für die Internetenzyklopädie Docupedia-Zeitgeschichte über „Jugendorganisationen“.

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