Kampf gegen resistente Bakterien : Antibiotika-Konsum steigt „dramatisch“

Eine internationale Studie zeigt: Die Verkaufszahlen für Wirkstoffe gegen bakterielle Infektionen sind drastisch gestiegen. Und damit auch die Gefahr von Resistenzen.

Test auf resistente Bakterien: Weltweit ist der Verbrauch von Reserve-Antibiotika gestiegen, die als letzte Waffe gegen resistente Mikroben wie MRSA (Methicillin Resistente Staphylokokkus Aureus) gelten.
Test auf resistente Bakterien: Weltweit ist der Verbrauch von Reserve-Antibiotika gestiegen, die als letzte Waffe gegen resistente...Foto: Daniel Karmann/dpa picture alliance

Im ersten Moment klingt es nach einer guten Nachricht: Wenn sich das Pro-Kopf-Einkommen von Menschen in den ärmeren Ländern der Welt verbessert, dann können sie sich Antibiotika gegen Infektionskrankheiten leisten, die dort noch immer die größte Gefahr für die Gesundheit darstellen. Für das Forscherteam um den Mediziner Eili Klein hat dieser Zusammenhang, den die Wissenschaftler in einer Untersuchung des weltweiten Antibiotikakonsums nachweisen konnten, allerdings auch etwas „Dramatisches“. Denn je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Bakterien dagegen resistent und die einzigen Waffen gegen Infektionskrankheiten stumpf werden. Und tatsächlich ergab Kleins Untersuchung, dass 2015 weltweit 65 Prozent mehr Antibiotika verbraucht wurden als noch zur Jahrtausendwende. Und das liege vor allem am steigenden Verbrauch in den ärmeren Ländern, wo inzwischen etwa 2,5 Mal so viele Antibiotika konsumiert werden wie in den wohlhabenderen Nationen. Wenn sich diese Entwicklung ungehindert fortsetze, schreiben die Forscher vom US-Forschungszentrum für Krankheitsdynamik, Ökonomie und Politik CDDEP (Center for Disease Dynamics, Economics & Policy) im Fachblatt „PNAS“, dann könne sich der weltweite Antibiotikaverbrauch bis 2030 verdreifachen. Die Folgen für die Entwicklung resistenter Bakterien wären unvorhersehbar.

Verkaufszahlen in 76 Ländern analysiert

Die neuen globalen Schätzungen basieren auf Angaben über den Verkauf von Antibiotika in 76 Ländern zwischen 2000 und 2015. Der Gesamtkonsum stieg demnach von 21,1 Milliarden definierten Tagesdosen (DDD) im Jahr 2000 auf 34,8 Milliarden 15 Jahre später. Der durchschnittliche tägliche Verbrauch pro 1000 Einwohner stieg um 39 Prozent von 11,3 auf 15,7 definierte Tagesdosen. In den Entwicklungs- und Schwellenländern nahm der Gesamtverbrauch sogar um 114 Prozent und der durchschnittliche tägliche Verbrauch pro 1000 Einwohner um 77 Prozent zu.

„Es ist dringend nötig, den Konsum von Antibiotika in den Ländern mit hohem Einkommen zu senken und in den Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen zumindest abzuschwächen, um des Problems von Resistenzen Herr zu werden“, schreiben die Forscher. In Indien etwa habe sich der Verbrauch von 2000 bis 2015 von 3,2 auf 6,5 Milliarden DDDs mehr als verdoppelt. Maßnahmen, die einen weiteren Anstieg verhindern oder einschränken sollen, müssten allerdings sicherstellen, dass die Menschen dennoch weiter Zugang zu den überlebenswichtigen Medikamenten haben. Denn gerade in den Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen stellen Infektionskrankheiten und die Versorgungslücken mit Antibiotika noch immer ein weit größeres Problem dar als die Gefahr einer Infektion mit resistenten Erregern. Es bedürfe dringend neuer Forschungen, welche Maßnahmen geeignet seien, um einerseits Menschen mit den lebensrettenden Wirkstoffen zu versorgen und andererseits den Verbrauch auf das Nötige zu beschränken, um Resistenzbildung zu vermeiden.

In einigen Industrieländern ging der Verbrauch zurück

Zumindest in einigen Industrieländern scheinen Regulierungsmaßnahmen und Aufklärungskampagnen über den sinnvollen Gebrauch von Antibiotika gewirkt zu haben. So sank der durchschnittliche tägliche Verbrauch pro 1000 Einwohner in Ländern wie den USA, Kanada und Frankreich im Mittel um vier Prozent. Und während im Jahr 2000 noch Länder wie Frankreich, Neuseeland, Spanien und Hongkong beim mittleren Verbrauch pro 1000 Einwohner weltweit an der Spitze lagen, sind es inzwischen die Türkei, Tunesien, Algerien und Rumänien (gemessen an den Daten von 2015).

Besonders geringe Verbrauchszahlen für Antibiotika haben Länder wie die Niederlande und Estland, nicht zuletzt aufgrund von besonderen Programmen oder Gesundheitsstrukturen zur Bekämpfung von Hygienemängeln in Krankenhäusern. Trotzdem können die Verantwortlichen in den reichen Industrieländern nun nicht die Hände beim Kampf gegen Antibiotikaresistenzen in den Schoß legen, denn insgesamt nahm auch hier der Gesamtverbrauch von Antibiotika noch immer zu: um sechs Prozent. Auch in Deutschland ist kein Rückgang zu messen (siehe Grafik).

Grafik: Tsp

Immer häufiger greifen Ärzte zu den Reserve-Antibiotika

Als „besonders besorgniserregend“ bezeichnen die Forscher den Befund, dass in reichen wie ärmeren Länder nicht nur altbekannte Wirkstoffe wie Penizillin immer häufiger angewendet werden, sondern auch Antibiotika der „letzten Reserve“, wie Linezolid, Colistin und Carbapenemen. „Mit wachsenden Einkommen in den ärmeren Ländern, anhaltend hohem Krankheitsaufkommen und steigenden Resistenzraten ist damit zu rechnen, dass diese Medikamente künftig vermehrt konsumiert werden“, schreiben die Forscher. Es sei zu befürchten, dass sich dadurch die Wirksamkeitsspanne dieser neuen Medikamente verkürzen könnte.

„Wir müssen entschlossen handeln und wir müssen jetzt handeln, umfassend, um die Effektivität von Antibiotika zu bewahren“, sagt CDDEP-Direktor Ramanan Laxminarayan, Mitautor der Studie. „Das beinhaltet Lösungen zur Senkung des Verbrauchs wie Impfungen oder Verbesserungen der Infrastruktur, besonders in Entwicklungsländern.“ Damit ist vor allem gemeint, die Ursachen für Infektionskrankheiten in den betroffenen Ländern zu beseitigen, etwa den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu verbessern und in den Ballungsgebieten in bessere Hygienebedingungen zu investieren. Nötig sind also all jene Maßnahmen, die etwa in Europa dazu geführt haben, dass Erreger sich oft erst gar nicht verbreiten können und Antibiotikabehandlungen dann nicht nötig sind. (mit dpa)

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

12 Kommentare

Neuester Kommentar