Konflikt um Ausrichtung der Hochschule : Eine Mediation für die HWR

Externe Moderatoren sollen die Konflikte an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) befrieden. Das hat jetzt das Kuratorium der HWR beschlossen.

Schwere Verwerfungen. „Kritische Geister“ seien am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) nicht mehr erwünscht, meint eine Gruppe von Professorinnen und Professoren.
Schwere Verwerfungen. „Kritische Geister“ seien am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Berliner Hochschule für Wirtschaft...Foto: Christoph Eckelt/HWR promo

Wie geht es weiter im Konflikt um die Ausrichtung der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR)? Kritiker befürchten wie berichtet, die Hochschule solle auf einen konservativen und wirtschaftsliberalen Kurs gebracht werden. Jetzt soll eine externe Mediation dazu beitragen, die Auseinandersetzungen zu befrieden. Dafür setzt sich das Kuratorium der HWR ein. Das Aufsichtsgremium der Hochschule beschloss bei seiner Sitzung am Donnerstagnachmittag einstimmig, die Strategieentwicklung im betroffenen Fachbereich Wirtschaftswissenschaften „durch eine professionelle externe Moderation zu begleiten“.

Auch Kuratoriumsmitglieder wollen sich an der Schlichtung beteiligen, das boten einige bereits auf der Sitzung des Gremiums an. Die Kuratorinnen und Kuratoren forderten die Hochschulleitung zudem auf, generell „partizipative und konsensorientierte Diskussionsmöglichkeiten und Entscheidungsstrukturen zu entwickeln“, die in Zukunft Streit etwa um Professuren oder Curricula schon frühzeitig vermeiden sollen.

26 Professoren warnen vor einer konservativen Neuausrichtung

Stein des Anstoßes für die Diskussion im Kuratorium war unter anderem ein Brief von 26 Professoren an den Kuratoriumsvorsitzenden Steffen Krach, Berlins Staatssekretär für Wissenschaft. In dem Brief warnen sie vor einer Neuausrichtung des großen Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften durch den Dekan und dessen Mitstreiter. Insbesondere sollten Professuren aus bisherigen Schwerpunktbereichen wie Sozialpolitik, Nachhaltigkeit und Geschlechterforschung gar nicht oder mit anderer Ausrichtung wiederbesetzt werden. Studieninhalte seien bereits entsprechend umgestaltet worden. Von einer früher gepflegten „Kompromisskultur“, die auch die Interessen von Minderheiten in der Professorenschaft berücksichtige, sei nichts mehr zu spüren, "kritische Geister" nicht erwünscht.

Wie sehr das Thema die Hochschule bewegt, zeigte sich auch an der ungewöhnlich gut besuchten öffentlichen Kuratoriumssitzung. „So viele Gäste hatten wir noch nie“, stellte Krach gleich zu Beginn fest. Rund eine Stunde debattierte das Gremium über die Vorgänge, es meldeten sich vor allem Kritiker zu Wort.

"Es wird nicht mehr mit uns geredet"

Stefanie Lorenzen, Professorin für Arbeits- und Sozialrecht am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, sagte, als sie vor neun Jahren an der HWR begann, gab es eine „gelebte Interdisziplinarität“. Die fachliche Achtung von Kolleginnen und Kolleginnen unterschiedlicher Ausrichtungen sei groß gewesen. „Die Sache bröckelt jetzt aber“, kritisierte Lorenzen. Das Konzept der Mehrheit im Fachbereich, vor allem auf betriebswirtschaftliche Professuren zu setzen, nannte sie „kurzsichtig“. Die Arbeitssoziologin Sigrid Betzelt sagte, es sei „ein Akt der Notwehr“, dass die betroffenen kritischen Professorinnen und Professoren das Kuratorium mit entsprechenden Initiativen für einen Moderationsprozess involviert hätten: „Es wird nicht mehr mit uns geredet.“

Die Studierendenvertreterin Lola Attenberger hob hervor, gerade die Vielfalt der Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkten in den Sozialwissenschaften sei ein „Alleinstellungsmerkmal“ der HWR, das die Hochschule nicht aufgeben dürfe. Es wundere sie zum Beispiel, dass ein Modul zum Thema soziale Perspektiven von Wertschöpfungsketten durch ein IT-Thema ersetzt worden sei: „Die Studierenden wollen mehr Auswahl.“ Ähnlich äußerten sich auch zwei Absolventen der HWR.

Der Dekan wehrt sich

Widerspruch kam von Otto von Campenhausen, dem Dekan der Wirtschaftswissenschaften. Er warf den Kritikern vor, sich gar nicht richtig auszukennen: „Wir sind keiner einseitigen neoliberalen Ausrichtung verpflichtet.“ Von einer unkritischen Lehre könne keine Rede sein. Seiner Ansicht nach habe es ganz im Gegenteil einen „guten Diskussionsprozess“ am Fachbereich gegeben, alle seien einbezogen worden. Er wandte sich zunächst vehement gegen die vom Kuratorium vorgeschlagene externe Moderation und brachte dazu einen Gegenantrag ein. Diesen zog er allerdings später wieder zurück – nachdem sich auch HWR-Präsident Andreas Zaby die externe Moderation der Konflikte zu eigen gemacht hatte und die Unterstützung des Präsidiums zusagte.

In seinem Beschluss spricht sich das Kuratorium dafür aus, das „erfolgreiche vielfältige Profil“ der Wirtschaftswissenschaften beizubehalten und zu stärken. Dazu würde auch die Bereitstellung „profilbildender Professuren“ in mehreren Bereichen, darunter soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit sowie Gender und Diversity gehören. Direkt in die Berufungspolitik eingreifen kann das Kuratorium allerdings nicht. Der Kuratoriumsvorsitzende Steffen Krach will sich Mitte April mit den Beteiligten im Fachbereich und den externen Moderatoren treffen und sich dann über Fortschritte bei der Beilegung des Konflikts ins Bild setzen lassen.

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