Der Mensch ist Zuschauer im kosmischen Theater

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Kosmologie : Das exakte Maß des Alls

Zwar dachten schon vor Carter Wissenschaftler ähnlich. Aber er war es, der der Idee einen Namen gab. Bei einem Treffen zu Ehren von Nikolaus Kopernikus’ 500. Geburtstag im Jahr 1973 prägte er den Ausdruck „anthropisches (menschliches) Prinzip“. Das war eine Antwort auf das Kopernikanische Prinzip. Der Astronom Kopernikus hatte Erde und Mensch zugunsten der Sonne aus dem Zentrum des Universums verbannt. Ein erster Schritt in die Peripherie, dem in den nächsten Jahrhunderten weitere folgen sollten. Carter machte ihn nicht rückgängig. Aber er gewährte dem Menschen eine Zuschauerrolle im kosmischen Theater.

Mittlerweile existieren mehr als 30 verschiedene Fassungen des anthropischen Prinzips. Von Carter stammen eine „schwache“ und eine „starke“ Version. Laut schwachem anthropischen Prinzip lassen sich bestimmte „unwahrscheinliche“ Naturkonstanten und ihr Zusammenwirken mit der Existenz eines intelligenten Beobachters erklären. Das menschliche Dasein schließt naturgemäß Beobachtungen oder Theorien aus, die seiner Existenz widersprechen. In Carters Worten: Unser Ort im Universum ist notwendigerweise privilegiert. Nämlich in dem Maß, in dem dieser Ort mit unserer Existenz als Beobachter vereinbar ist.

"Ich denke, also ist die Welt so, wie sie ist"

Noch deutlicher wird Carter beim starken anthropischen Prinzip. Danach ist das Universum so beschaffen, dass es das Entstehen von Beobachtern zulassen musste. „Cogito ergo mundus talis est“ variiert Carter das „Cogito ergo sum“ des französischen Philosophen René Descartes. Aus Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ wird bei ihm „Ich denke, also ist die Welt so, wie sie ist“.

Ob das anthropische Prinzip die mutmaßliche Feinabstimmung des Kosmos wirklich erklären kann, darüber wird bis heute gestritten. Vielleicht ist die Feinabstimmung selbst nur eine Art optische Täuschung. In diese Richtung argumentiert der Physiker Stenger. Er nennt vier wesentliche physikalische Bedingungen für das Universum: die Massen der Elementarteilchen Elektron und Proton sowie die Größe der elektromagnetischen und der starken Wechselwirkung (auch bekannt als starke Kernkraft).

„Ich untersuchte, wie die minimale Lebenszeit eines typischen Sterns von den ersten drei Bedingungen abhängt“, schreibt Stenger. „Selbst wenn man sie um zehn Größenordnungen um ihren heute gemessenen Wert verändert, würden die Hälfte der Sterne noch immer eine Lebensspanne von mehr als einer Milliarde Jahren haben.“ Damit könnten sie schwere Elemente herstellen, wie sie zum Entstehen des Lebens erforderlich sind. Wobei es nicht gesagt ist, das Leben immer so aussehen muss wie auf der Erde. Vielleicht bedient es sich ganz anderer Elemente.

"Der Betrachter spielt mit den Zahlen, bis die Vorannahmen stimmen"

„Kurz gesagt, viele der sogenannten fein abgestimmten Maßstäbe der Mikrophysik liegen im Auge des Betrachters und sind längst nicht immer fest in der Physik verankert“, fasst Stenger seine Kritik zusammen. „Der Betrachter spielt so lange mit den Zahlen, bis sie seine Vorannahmen bestätigen.“

Andere verweisen darauf, dass das „schwache“ anthropische Prinzip eine Tautologie (weißer Schimmel) ist, und ein Zirkelschluss, der sich aus sich selbst erklärt: Natürlich „passen“ die Naturkonstanten zu unserer Lebensform. Wenn nicht, wären wir nicht hier, um über sie zu sprechen. Das klingt beinahe banal.

Das „starke“ anthropische Prinzip dagegen – das Universum ist so beschaffen, dass es Beobachter hervorbringen kann – klingt metaphysisch, nach einem Zweck und einer Richtung des Geschehens. Evolutionsforscher konterten, dass hier Ursache und Wirkung vertauscht würde. Nicht das Universum hat sich an das Leben angepasst, sondern dieses ist durch die natürliche Selektion fein abgestimmt auf seine physikalische und geologische Umwelt.

Mit der Idee, dass das Universum dem Menschen auf den Leib geschneidert wurde, haben fromme Theologen wenig Probleme. Im Gegenteil, für sie schreit „das delikate Gleichgewicht zwischen kosmologischen und physikalischen Bedingungen, die notwendig sind für intelligentes Leben“ (so der Theologe William Lane Craig) geradezu nach einem höheren Wesen, einem kosmischen Designer. Damit beleben sie eine antiquierte Disziplin ihres Fachs wieder, die Naturtheologie. Wer ihr frönt, sucht Gott nicht in offenbarten Schriften, sondern in der Natur.

Der Ausweg der Physiker: das Multiversum

Allerdings gibt es aus Sicht der Physik eine natürliche Erklärung für unsere fein abgestimmte Goldlöckchenwelt. Des Rätsels Lösung könnte sein, dass statt einem einzigen eine riesige Zahl von Universen existiert, zusammengefasst in einem Multiversum. Eines dieser vielen Universen ist dann unseres, und die scheinbar so seltenen Bedingungen für das Entstehen von intelligentem Leben wären durch die Vielzahl der Möglichkeiten erklärt.

Wie ein solches Gebilde entstanden sein könnte und wie es aussieht, darüber existieren etliche Ideen. Eine von ihnen ist die von einem oszillierenden Universum, das sich ausdehnt und wieder in sich zusammenfällt, um ein neues Universum hervorzubringen, bis in alle Ewigkeit.

Der Physiker Lee Smolin stellt sich einen evolutionären Kosmos vor, in dem Elternuniversen in schwarzen Löchern Tochteruniversen gebären. Denkbar ist auch, dass neue Welten auf der Basis von Quantenphänomen gleichsam aus dem Nichts erzeugt werden. Und schließlich birgt die Stringtheorie als umfassender Versuch der mathematisch-physikalischen Weltbeschreibung in sich den Keim einer unfassbar großen Vielzahl von Universen.

Theologen halten das Multiversum für eine Ausrede. „Anstelle eines einzigen Gottes eine Billion mal eine Billion andere Universen anzunehmen, um die Ordnung unseres Universums zu erklären, ist der Gipfel der Unvernunft“, polemisiert der christliche Philosoph Richard Swinburne von der Universität Oxford. Man postuliere nicht Universen, sondern physikalische Gesetze, kontert der Physiker Sean Carroll. Bestimmte physikalische Rahmenbedingungen vorausgesetzt, entwickle sich ein Multiversum, „ob Sie wollen oder nicht“. In einem ihrer Gebilde, so viel ist sicher, ist Platz für Laniakea..

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