Krankenhauskeime : Resistente Erreger in Flüssen und Seen entdeckt

Proben belegen Belastungen von Wasser mit resistenten Krankenhauskeimen auch an Badestellen. Quellen sind Kliniken und die Massentierhaltung.

Richard Friebe
Badestelle in Berlin.
Badegewässer können mit resistenten Keimen belastet sein.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Bakterien, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken, sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) „eine weltweite und zunehmende Bedrohung der öffentlichen Gesundheit“. Solche Mikroorganismen werden oft als „Krankenhauskeime“ bezeichnet. Denn Resistenzen gegen Antibiotika bilden sich vor allem dort aus, wo viele Antibiotika eingesetzt werden, also in Kliniken.

Recherchen des NDR-Magazins Panorama zeigen jetzt, dass sie sich bereits weit jenseits von Krankenhäusern ausgebreitet haben, unter anderem in Badegewässern.

Auch Badegewässer können betroffen sein

Die Journalisten nahmen in Niedersachsen zahlreiche Wasser-, aber auch Sedimentproben vom Grund von Flüssen und Seen. Sie konzentrierten sich unter anderem auf Stellen in der Nähe von Zuflüssen aus Kläranlagen und an landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen. Praktisch überall fanden die von ihnen beauftragten Mikrobiologen am Uniklinikum Gießen und der TU Dresden Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika resistent waren. Auch in den zwei untersuchten Badeseen konnten sie nachgewiesen werden.

Zudem zeigte sich, dass Keime aus den Proben oft Resistenz-Gene gegen Colistin enthielten. Dieses Mittel ist normalerweise sehr wirksam, hat aber auch starke Nebenwirkungen. Es wird deshalb bei Menschen nur angewandt, wenn alle anderen Antibiotika bereits versagt haben. In der Tiermast wird es trotz Auflagen offenbar weiterhin häufig eingesetzt. Gefunden wurde es unter anderem in einem Bach, der an ein wahrscheinlich mit Gülle gedüngtes Maisfeld angrenzte.

Zusätzliche Klärstufe gefordert

Ein anderer Fundort verschiedenster Keime mit Resistenz-Genen war der Ausfluss der Osnabrücker Kläranlage in die Hase, einen Nebenfluss der mittleren Ems. In ihr werden unter anderem die Abwässer des örtlichen Klinikums aufbereitet. Regine Szewzyk vom Umweltbundesamt sagt, die Ergebnisse seien nicht überraschend. Es sei auch im Hinblick auf andere Krankheitserreger notwendig, in Kläranlagen eine zusätzliche Klärstufe einzubauen, insbesondere dort, wo gereinigte Abwässer in sensible Gewässer wie Badegewässer eingeleitet werden, langfristig aber an allen größeren Kläranlagen.

Was für eine Technik dafür infrage käme, ist allerdings völlig offen. Möglich wären Filtrationsgeräte, aber auch Bestrahlung mit UV-Licht oder ein Abtöten der Keime mit Hilfe von Ozon. Erheblich verteuern würde es die Wasseraufbereitung aber in jedem Falle. Koordiniert vom Bundesforschungsministerium läuft derzeit ein großes Projekt, das unter anderem diese Frage klären soll.

Bei verschiedenen Genen, die Bakterien antibiotikaresistent machen, ist inzwischen auch nachgewiesen, dass sie an andere Bakterienarten weitergegeben werden können. „Horizontalen Gentransfer“ nennen Genetiker dieses Phänomen. Es hat sich in der Evolution der Mikroorganismen als eine Art Ersatz für sexuelle Fortpflanzung ausgebildet, mit deren Hilfe höhere Organismen ihre Gene stetig neu mischen.

Resistenz-Gene werden zwischen Bakterien übertragen

Die Situation wird dadurch noch problematischer, als sie ohnehin schon ist. Denn wahrscheinlich sind multiresistente Erreger, sobald der Nachschub aus der Kläranlage ausbleibt, im Konkurrenzkampf mit anderen Mikroorganismen meist unterlegen. Sie würden oft also letztlich verschwinden. Doch durch jenen Transfer von Genen steigt das Risiko, dass Resistenz-Erbanlagen trotzdem im genetischen und ökologischen Kreislauf verbleiben. „Und dieser natürliche Mechanismus kann auch irgendwann Krankheitserreger hervorbringen, gegen die gar keine Antibiotika mehr wirken“, sagt Szewzyk.

Als „alarmierend“ bezeichnete Tim Eckmanns vom Robert-Koch-Institut (RKI) gegenüber dem NDR die Befunde insgesamt. Die Erreger seien in der Umwelt angekommen „und das in einem Ausmaß, das mich überrascht“. Auch Susanne Glasmacher, Sprecherin des in Berlin-Wedding ansässigen RKI, erklärte gegenüber dem Tagesspiegel, die Befunde seien „überraschend und sollten Anlass für weitere Untersuchungen geben“.

Gefahr für Gesunde nicht nachgewiesen

Ob die Funde eine Gesundheitsgefährdung etwa beim Baden bedeuten könnten, dazu wollten sich auf Nachfrage weder RKI noch das Bundesinstitut für Risikobewertung äußern. Wissenschaftliche Daten dazu, ob Infektionen mit solchen Erregern direkt aus der Umwelt, also jenseits von etwa Krankenhäusern oder Altenheimen zugenommen haben, gibt es laut RKI-Sprecherin Glasmacher nicht. Bislang seien nur Einzelfälle bekannt geworden.

Normalerweise werden multiresistente Bakterien für gesunde Personen nur selten zum Problem, da das Immunsystem gegen sie genau so effektiv ist wie gegen ihre nichtresistenten Verwandten. Gefährdet sind also vor allem Menschen mit angegriffenem oder noch nicht gut ausgeprägtem Immunsystem. Dazu gehören alte, durch andere Krankheiten geschwächte Personen und kleine Kinder. Aber auch Patienten, deren Abwehrsystem wegen einer Autoimmunerkrankung oder eines transplantierten Organs mit Medikamenten unterdrückt werden muss, sind anfällig.

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