• Kritik am Digitalsemester: Abiturienten und Studierende fordern Präsenzseminare ab Herbst

Kritik am Digitalsemester : Abiturienten und Studierende fordern Präsenzseminare ab Herbst

Sie wollen zurück zum "Universitätsalltag" - insbesondere für Erstsemester. Eine Berliner Initiative fordert Seminare und Tutorien in Präsenzform.

Eine Dozentin steht in einem Seminar vor Studierenden.
Direkter Kontakt - derzeit nicht mehr selbstverständlicher Alltag an der Hochschule.Foto: mauritius images

Seminare und Tutorien an den Berliner Hochschulen sollten im Wintersemester wieder in Präsenzform stattfinden. Insbesondere Studienanfängern müsse ermöglicht werden, sich in einen normalen Universitätsalltag einzufinden.

Das fordern Berliner Abiturienten und Studierende, die sich im Kinder- und Jugendparlament Charlottenburg-Wilmersdorf engagieren. Dazu haben sie ein "Konzept zur Wiederaufnahme der Seminare und Tutorien in Präsenzform im Wintersemester" vorgelegt.

"Viele Abiturienten sind mit dieser Bitte auf uns zugekommen, sie fürchten, sich ansonsten nicht richtig an der Uni einleben zu können", sagt Miguel Gongora, der Vorsitzende des Kinder- und Jugendparlaments, der auch Landesschülersprecher ist. Ihm lägen Beschwerden von Erstsemestern und anderen Studierenden vor, die im laufenden Digitalsemester nicht gut zurechtkommen.

Das Lernen an der Uni drohe ein "Selbststudium" zu werden, sagt auch Max Ashok Singh Vaid, Vorstandsmitglied des Kinder- und Jugendparlaments. Er studiert im zweiten Semester Geschichte und Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität und sagt: "Studierende lernen sich nur in Seminaren an der Uni richtig untereinander kennen, das fehlt in einem virtuellen Semester völlig."

"Mitstudierende gehen im Digitalsemester verloren"

Außerdem gingen in den derzeit online angebotenen Seminaren und Tutorien immer wieder Mitstudierende wegen schlechter Internetverbindungen oder unzureichender Technik verloren. Sie versuchten dann, im E-Mail-Austausch mit den Lehrenden am Stoff dranzubleiben - häufig vergebens.

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Die Abiturienten und Studierenden im Kinder- und Jugendparlament Charlottenburg-Wilmersdorf fordern aber keineswegs eine komplette Rückkehr zum Normalbetrieb an den Hochschulen. Vielmehr solle die Zahl der Präsenzkurse "unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften" von den Hochschulleitungen festgelegt werden.

Vorlesungen und andere Campus-Aktivitäten könnten weiterhin digital stattfinden - "präventiv als Vorsichtsmaßnahme zur Eindämmung des Coronavirus", heißt es in dem Konzept. Ermöglicht werden sollten aber auf jeden Fall Laborpraktika in Kleingruppen.

Eine Hälfte ist an der Uni, die andere virtuell dabei

Für die Präsenzseminare schlägt die Gruppe um Gongora und Vaid ebenfalls kleinere Lerngruppen als normalerweise vor. Um den gebotenen Abstand zu wahren, solle die Hälfte der Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer an der Hochschule zusammenkommen, die andere Hälfte könne sich digital zuschalten - "um eine stärkere Beteiligung zu etablieren".

Turnusweise sollten die Studierenden dann ausgetauscht werden, damit alle eine Chance auf einen direkten Kontakt auch zu den Lehrenden erhalten.

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Wie es im Wintersemester weitergehen soll, diskutieren Universitäten und Fachhochschulen derzeit noch mit der Senatskanzlei Wissenschaft in der gemeinsamen Covid 19-Taskforce. Bisheriger Stand ist, dass mit Vorlesungsbeginn am 1. Oktober (Fachhochschulen) beziehungsweise am 2. November (Unis) ein "Mix" aus digitaler Lehre und Präsenzveranstaltungen angeboten wird, wie Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) am Montag vor einer Woche im Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses erklärte.

Dass die Hochschulen dabei besondere Rücksicht auf Studienanfänger nehmen werden, liegt nahe. Praxisformate sind teilweise schon jetzt wieder möglich, etliche Laborpraktika werden aber versuchsweise auch digital abgehalten.

Karliczek kündigt Start des Notfallfonds an

Die Initiatoren des Konzepts für mehr Präsenzveranstaltungen fordern auch einen "Geldfonds" für stabile Netzzugänge und Endgeräte sowie finanzielle Unterstützung sowie eine Anlaufstelle für Studierende und Auszubildende, die wegen der Coronakrise ihre Nebenjobs verloren haben beziehungsweise keine Arbeitsstelle finden und in Not geraten sind.

Hier ist in Berlin in den vergangenen Wochen schon einiges passiert, jedenfalls für Studierende. Wie berichtet ist der Notfonds des Studierendenwerks von zunächst 120.000 Euro, die schnell verteilt waren, auf gut eine halbe Million Euro aufgestockt worden. Hinzu kommt ein Technikfonds der Senatskanzlei mit inzwischen 100.000 Euro plus einer 25.000 Euro-Spende der Berliner Sparkasse sowie weiteren Spenden von Berliner Unternehmen in Höhe von 26.000 Euro, wie die Wissenschaftsverwaltung mitteilte. Auch verschiedene Berliner Hochschulen haben Hilfsinitiativen gestartet.

Ein bundesweiter Notfallfonds, in dem das Bundesbildungsministerium über die Studierendenwerke 100 Millionen Euro zur Verfügung stellt, hat lange auf sich warten lassen. Doch jetzt soll er freigegeben werden. "Ab diesem Dienstag können Studierende, die infolge der Corona-Pandemie in besonders akuter Not und unmittelbar auf Hilfe angewiesen sind, Überbrückungshilfe in Form eines nicht rückzahlbaren Zuschusses bei ihrem Studenten- bzw. Studierendenwerk online beantragen", teilte das Ministerium am Sonntag mit.

Es geht um 100 bis 500 Euro pro Monat, die Studierende nach einer Prüfung des Kontostands erhalten können, wobei das Geld nur für maximal drei Monate beantragt werden darf. Details zur Beantragung und Auszahlung der "Überbrückungshilfe für Studierende in pandemiebedingter Notlage" wollen BMBF und Deutsches Studentenwerk am Montag bei einer Pressekonferenz bekanntgegeben.

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