Kulturaustausch mit dem Irak : Mit Archäologie Brücken bauen

Irakische Antikenforscher werden in Berlin weitergebildet. Das stärkt auch den Austausch zwischen Experten aus verschiedenen Provinzen des Landes.

Irakische Archäologen bei Vermessungsübungen mit einem digitalen Tachymeter in Berlin.
Auf den Punkt. Auch Vermessungsübungen mit dem digitalen Tachymeter gehörten zum Berliner Workshop.Foto: Eva Götting/DAI

„Archäologie kann immer eine Brücke bauen“, sagt Ali Kadhen, einer von zehn Archäologen aus dem Irak, die kürzlich ein technisches Training in Berlin absolviert haben. Der Irak sollte so sein wie dieses vom Deutschen Archäologischen Institut organisierte Programm: Es habe die Beziehungen zwischen den Teilnehmern aus allen Provinzen des Landes gestärkt. „Ich aus dem Süden wohne hier in einem Zimmer mit einem Kollegen aus dem Norden, der einer anderen Glaubensrichtung anhängt. Das ist wunderbar“, erklärt Kadhen. Er ist leitender Mitarbeiter der irakischen Antikenverwaltung SBAH (State Board of Antiquities and Heritage) im südlichen Gouvernement Dhi Qar nahe der Provinzhauptstadt Nasirya – zuständig unter anderem für die Weltkulturerbestätten Ur und Eridu.

Die Archäologieausbildung im Irak ist ähnlich der in Deutschland, doch es fehlt an praktischer Erfahrung, sagt Margarete van Ess, ehemalige Leiterin der DAI-Außenstelle in Bagdad und Direktorin der Orientabteilung des DAI. „Seit Beginn der achtziger Jahre ist Irak eine Krisenregion, es gab fast keine Kontakte mehr zu westlichen Kollegen.“ Gleichwohl hat das DAI in der Vergangenheit jede Gelegenheit genutzt, dennoch dorthin zu fahren – um Kontakt zu halten, Austausch und archäologische Methoden ins Land zu bringen.

Intensives Training auf Arabisch

Im Jahr 2000 war van Ess an der Universität Bagdad, lehrte dort etwa den Umgang mit dem digitalen Tachymeter zur Vermessung von Bauwerken. Doch nach den Workshops musste sie die extrem teuren und empfindlichen Instrumente wieder mit nach Deutschland nehmen, berichtet van Ess, die das mittlerweile dritte Berliner Fortbildungsprogramm für Archäologen aus dem Irak leitet.

Auch im aktuellen Workshop wird mit dem Tachymeter gearbeitet, doch das DAI geht außerdem neue Wege. Zwei Monate lang erhalten die irakischen Kollegen ein intensives Training auf Arabisch, in diesem Jahr zum Thema Architekturerhalt. „Bauforschung ist eine sehr deutsche Spezialität“, sagt van Ess. „Das bietet sonst niemand an. Franzosen und Italiener sind sehr rasch bei der Restaurierung von Gebäuden.“ In Deutschland dagegen lernen Architekten und Archäologen, wie sie ein Bauwerk verstehen und es dann erhalten können. Die Lehre beim Berliner Workshop übernehmen erstmals drei Architekten aus Syrien. Sie wurden in den vergangenen Jahren von Dorothee Sack, Professorin für Historische Bauforschung an der Technischen Universität, ausgebildet.

"Es geht nicht immer nur um Hightech"

Zusätzlich tauchten sie am DAI tief in die Archäologie des Irak ein. Jetzt können sie die Fortbildung der irakischen Kollegen in deren Muttersprache übernehmen. Jeder irakische Teilnehmer bringt ein eigenes Projekt mit nach Berlin: Der eine beschäftigt sich mit einem historischen Polizeigebäude, der andere mit der Zikkurat von Ur oder der Restaurierung eines Minaretts in Mossul.

Zunächst lernen die Archäologen, eine Baudokumentation anzulegen. Sie recherchieren in Archiven, legen Verwaltungsakten an, beschriften Bilder, fertigen Handskizzen und Schrittskizzen an. „Wir haben hier gelernt, dass man auch mit einfachen Mitteln viel erreichen kann“, sagt Faisal Mohamed Saleh. „Es geht nicht immer nur um Hightech.“

Faisal Mohamed Saleh wird das Gelernte nun an seine Kollegen im Irak weitergeben und sich um die Dokumentation einer Karawanserei aus dem 17. Jahrhundert kümmern, die 1940 beim Straßenbau einen Teil ihrer Bausubstanz verloren und bei einem Autobombenanschlag vor zwei Jahren gefährliche Risse bekommen hat. „Mein Ziel ist es, den Bau auf wissenschaftlicher Basis zu sanieren und ihn dann für kulturelle Zwecke zu nutzen, da er mitten in der Altstadt liegt“, sagt Saleh.

In den letzten Workshoptagen trainieren die irakischen Archäologen mit Filmemachern das Fotografieren und Filmen von Funden. „Wir lernen, wie schnell oder langsam man sich im Film bewegt, wie man Text und Bild kombiniert, worauf man sich konzentriert“, sagt Saleh. Bei der umfassenden Baudokumentation geht es nicht nur um die wissenschaftliche Aufarbeitung der einzelnen Gebäude, sondern auch darum, am Ende die Vorschläge zur Rettung der Bauten gegenüber der irakischen Antikenverwaltung durchzusetzen.

Berliner Gegenbesuch im Irak

Bei Fragen oder Problemen können Saleh und seine Kollegen jederzeit das Team am DAI kontaktieren. Im November kommt dann eine Berliner Gruppe zum Gegenbesuch in den Irak, um das bis dahin Geschaffte gemeinsam zu diskutieren. Eine weitere Irakreise ist für das kommende Frühjahr geplant. Zusätzlich zu den eigenen Projekten würden die irakischen Kollegen möglichst in laufende DAI-Vorhaben im Irak eingebunden, um den Wissens- und Praxistransfer weiter auszubauen, sagt Margarete van Ess.

Faisal Mohamed Saleh, der aus Dyala im Norden des Landes kommt, nimmt nicht nur pragmatische Methoden der bauhistorischen Dokumentation mit nach Hause, sondern auch Freundschaften. „So haben wir uns noch nie im Irak getroffen“, sagt er über seine Kollegen aus den anderen Landesteilen. Als wichtiger Nebeneffekt des DAI-Programms entsteht ein neues Netzwerk irakischer Archäologen.

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