Warum der Computereinsatz überschätzt ist

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Lernkultur : Wie lässt sich der Unterricht in der Schule wirklich verbessern?

Die Lernforscherin und der Mathelehrer sind im Ergebnis fast immer einer Meinung. Allerdings unterscheidet sich ihre Sicht in einigen Punkten von der vieler Bildungspolitiker, Lehrer oder auch Eltern. Stichwort eigenverantwortliches Lernen: Als Ideal ist es in aller Munde – es werde aber stark überschätzt, schreiben Stern und Felten. Erstens hätten gerade schwächere Schüler Schwierigkeiten damit, selbstständig zu lernen. Außerdem sei es ein Fehler zu glauben, der Lehrer sei zunehmend nur noch ein Moderator, der Gruppenarbeit und Selbstlernen organisiert. Gute Lehrpersonen seien vielmehr „hochgradig steuerungsaktiv“. Sie ziehen sich niemals aus dem Unterrichtsgeschehen heraus, sie können nicht nur abwechslungsreiche Lernsequenzen organisieren, sondern auch vielfältig erklären, spannend Wissen präsentieren sowie angemessene Hilfen geben.

Zur viel diskutierten Digitalisierung des Unterrichts sagt die Forscherin nur wenige Sätze: „Auch wenn Computer unter großem politischem Tamtam mit Slogans wie ,Jedem Kind sein Laptop‘ in die Schule gebracht wurden, ist der Nutzen ihres Einsatzes oft fraglich, doch für adaptive Übungen sind sie ideal.“ Also für Hausaufgaben, in denen trainiert wird, was im Prinzip schon verstanden wurde.

Aus Sicht der Lernforschung sind auch die Schulstrukturen weniger relevant als viele Politiker glauben. Zwar plädiert Elsbeth Stern für das gemeinsame Lernen aller Schüler bis zum Alter von 16 Jahren. Letztlich kommt es aber viel mehr auf den konkreten Unterricht an: „Jede noch so gute pädagogische Idee kann mit Leichtigkeit von der Lehrperson an die Wand gefahren werden.“ Politiker sollten sich daher zurückhalten, immer neue Reformen in die Schulen zu bringen, „statt Lehrer zu unterstützen, ihr Kerngeschäft, das Unterrichten, zu optimieren“.

Bei diesem Kerngeschäft können die Lernforschung und dieses Buch sicherlich helfen. Allerdings mit einer Einschränkung: Die meisten Beispiele stammen aus der Mathematik. Deutsch- oder Geschichtslehrer werden weniger Nutzen aus ihm ziehen beziehungsweise höhere Transferleistungen erbringen müssen. Durch die Fixierung auf mathematisch-kognitive Lerninhalte und deren Vermittlung geraten auch andere Elemente aus dem Blick, die für die Wirksamkeit des Unterrichts zentral sein können, etwa Stimme, Körpersprache, Präsenz des Lehrers.

Das Leitmotiv des Buchs lautet: Auf den Lehrer kommt es an. Sie und nur sie besitzen das fachspezifische pädagogische Wissen, das ihnen erlaubt, Inhalte zu vermitteln und dabei das Vorwissen und Lernmuster der Schüler geschickt einzubeziehen. In Finnland ist Lehrer der Beruf mit dem höchsten Prestige, schreibt Stern, die Eltern dort vertrauten ihren Lehrern genauso wie ihren Zahnärzten. Klar: Der Zahnarzt setzt den Bohrer ja auch nicht ohne anatomische Kenntnisse an.

- Michael Felten, Elsbeth Stern: Lernwirksam unterrichten. Im Schulalltag von der Lernforschung profitieren. 151 Seiten, 19,50 Euro. Cornelsen Verlag, Berlin 2012.

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