• Lisa Pfahl, Berlins erste Professorin für Disability Studies: Die Soziologie der Behinderung erforschen

Warum Deutschland auffällige Kinder lange "aussortierte"

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Lisa Pfahl, Berlins erste Professorin für Disability Studies : Die Soziologie der Behinderung erforschen

Die UN-Konvention nennt Lisa Pfahl einen „exogenen Schock“ für Deutschland. Schutzräume für behinderte Menschen galten hier lange als unantastbar. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen der NS-Zeit meinte man, Behinderten in Sonderschulen besser gerecht zu werden. Die Verantwortlichen hatten sich gut in dem System eingerichtet. Der Berufsverband der Sonderpädagogen, 1898 gegründet, forderte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Verweis auf die hohe Belastung mehr Geld und eigene Räume. Die Medizin hatte er auf seiner Seite. „Die restlichen Lehrer haben die auffälligen Kinder gern aussortiert und mit vermeintlich homogenen Gruppen weitergearbeitet“, sagt Pfahl.

Provokante Frage: Sind Sonderschulabgänger mündige Bürger?

Zum Thema: Integration

Skeptiker dieser Parallelwelt gab es durchaus: „Das führt zu nichts, schon gar nicht zu einem Schulabschluss“, hieß es. Auch Pfahls Kritik setzt hier an. Sie selbst wuchs mit Pflegegeschwistern auf, von denen einige eine Sonderschule besuchten. Sie kennt die Stigmatisierung. Im Studium beschäftigte sie sich mit der Ausbildungslosigkeit von Sonderschulabgängern. In ihrer Doktorarbeit vertiefte sie das, erst als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, später am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung. Ihre Fragen zielen ins Mark des deutschen Fürsorgesystems: „Sind Sonderschulabgänger mündige Bürger?“ „Werden sie als erwerbsfähig wahrgenommen?“

Mehr als Schule: Das Thema beschäftigt viele Fächer

Sie stieß dabei auf das internationale Forschungsfeld der Disability Studies. Anders als in Deutschland werden in Ländern wie England oder den USA Fragen zur Benachteiligung von Behinderten an den Universitäten nicht auf das Lehramt reduziert. Man findet sie dort auch in Fächern wie den Kultur- und Medienwissenschaften. „Die meisten von uns machen irgendwann eine Behinderungserfahrung“, sagt Pfahl, vor allem wenn sie älter und gebrechlicher würden. „Das Thema geht alle an und müsste viel breiter angelegt sein.“ In den USA gibt es seit den achtziger Jahren Professuren für Disability Studies. Die erste deutschsprachige Professur für Disability Studies bekam die Kölner Soziologin Anne Waldschmidt erst im Jahr 2009.

Wissenschaftliche Fragen leiten sich aus sozialen Bewegungen ab

Den Durchbruch haben die Disability Studies damit hierzulande keinesfalls geschafft. Pfahls Juniorprofessur verdankt sich nicht etwa dem neuen politischen Bewusstsein. Es waren die Genderforscherinnen der HU, die sich um ihre Stelle bemühten. Die Verbindung ist nicht untypisch. In den USA, wo Pfahl einige Zeit studiert hat, arbeiten die Disability Studies häufig mit den Queer Studies zusammen. Beide Bereiche beschäftigen sich mit körperlicher Zuschreibung, Macht und Diskriminierung, beide leiten wissenschaftliche Fragen aus den Anliegen sozialer Bewegungen ab. Oft forschen dabei Selbstvertreter, also schwule, lesbische oder behinderte Wissenschaftler.

Sie selber hat behinderte Geschwister

Die wenigsten Studierenden, die Pfahls Kurse besuchen, sind selbst behindert, und auch Pfahl ist nicht die „klassische Selbstvertreterin“. Ihre Erfahrung mit Behinderung beschränkte sich auf ihre Kindheit mit behinderten Geschwistern, und eine Weile rang sie damit, denn eigentlich findet sie, dass „Forschung über Menschen mit Behinderung immer auch Forschung gemeinsam mit Menschen mit Behinderung sein sollte“. In den meisten Fällen wüssten Behinderte selbst am besten, was sie brauchen. Doch einige, vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten oder psychischen Behinderungen, dringen erst gar nicht in die Wissenschaft vor. Deren Interessen hat Pfahl besonders im Blick.

Doch auch für ihre eigene Einbindung in die Forschung wird sie kämpfen müssen. „Es ist meines Wissens nicht geplant, die Disability Studies dauerhaft in den Erziehungswissenschaften der HU zu verankern“, sagt sie. Aber jetzt ist sie erst mal da und will die Eingliederung der Disability Studies in die HU vorantreiben. Wenn sie sich mit etwas auskennt, dann mit Inklusion.

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