"Um uns zu verstehen, müssen wir das kulturelle und historische Gepäck kennen"

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Medizin : Die wahre chinesische Medizin

Nicht zuletzt geht es Unschuld um die Gegenwart. „Traditionelle chinesische Medizin“, kurz TCM, erfreut sich in den westlichen Industrienationen seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Vor allem die Akupunktur. Die Behandlung mit Nadeln wird bei einigen Formen chronischer Gelenk- und Kopfschmerzen aufgrund großer, nicht unumstrittener Studien seit einigen Jahren von den Krankenkassen bezahlt.

Es bleibt jedoch ein Unbehagen, schon deshalb, weil in den Untersuchungen auch die Nadelung an „falschen“, nicht der Lehre von den Meridianen entsprechenden Punkten Wirkung zeigte. „Muss man die Wirkmechanismen kennen?“, fragt sich Unschuld. „Und stimmen die veralteten Theorien dazu überhaupt?“ Als Pharmazeut stellt er solche Fragen auch in Bezug auf Substanzen in Arzneimitteln der TCM.

Die brisanteste Frage, die der Chinakenner sich erlaubt, betrifft jedoch das T im Kürzel TCM. Wie traditionell ist die „Traditionelle chinesische Medizin“ eigentlich, die seit den 50er Jahren in der Volksrepublik China propagiert wurde? TCM sei eigentlich ein Kompromiss, erläutert Unschuld. Ein Mittelweg zwischen der sofortigen Abschaffung der alten Heilmethoden, die die westlich ausgebildeten Ärzte und marxistische Theoretiker forderten, und der Fortführung eines Erbes, wie es die Konservativen verlangten. „Sie ist eine Interpretation, die die chinesischen Behörden in der Mao-Zeit geliefert haben. Es stellt sich die Frage, ob wir sie einfach übernehmen sollten.“

Um sie als solche zu erkennen, muss man allerdings Zugriff zu den alten Texten haben. „Wir müssen selbst Wissen über die Tradition der chinesischen Heilkunde erzeugen, um nicht von der heutigen chinesischen Interpretation abhängig zu sein“, fordert Unschuld. Im Land selbst gebe es kaum unabhängige medizinhistorische Forschung.

Um das Bild zu komplettieren, hat Unschuld im Laufe seiner zahlreichen China-Besuche mehr als eintausend handschriftliche Texte zur Heilkunde aus den vergangenen fünf Jahrhunderten gesammelt, die im Volk verbreitet waren. Sie warten nun in den Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin und des Ethnologischen Museums auf Erforschung. Ein erster Katalog dieser bisher unbekannten Texte soll im Frühjahr erscheinen. Der hochgewachsene 68-Jährige zeigt in seinem Arbeitszimmer stolz Originalmanuskripte mit deutlichen Gebrauchsspuren.

Unschuld ist der Inbegriff des Buchgelehrten, warnt aber gleichzeitig davor, die Textweisheiten für bare Alltagsmünze zu nehmen. „Man darf nicht einfach die hohen Ideale der chinesischen Medizin, wie sie sich in den Büchern finden, mit der Alltagsrealität der medizinischen Versorgung hierzulande vergleichen“, mahnt er.

Wer die TCM als Alternative anpreise, müsse zudem auch zugeben, was sie alles nicht enthält. Chirurgie und die Lehre von den Infektionskrankheiten sind nur zwei Beispiele. „Nicht ohne Grund leistet sich die begüterte Oberschicht in China heute die beste moderne Medizin, die man sich denken kann.“ Doch spricht nicht die viel beschworene Ganzheitlichkeit für das Einbeziehen traditioneller Formen der Therapie und der Vorbeugung? „Keine Heilkunde ist so ganzheitlich wie die westliche Medizin. Diese Bandbreite gibt es in der chinesischen Medizin nicht“, widerspricht Unschuld. Der junge Wissenschaftler, der 1969 nach Taiwan reiste, befragte dort chinesische Pharmazeuten, wie sie die moderne Arzneimittellehre mit ihren Traditionen verbinden.

Die Frage, wie die westliche Medizin in Asien aufgenommen wird, beschäftigt Unschuld auch heute noch. So freut es ihn, dass das Bundesforschungsministerium am Horst-Görtz-Stiftungsinstitut ein deutsch-chinesisches Netzwerk fördert. „Um uns zu verstehen, müssen wir das jeweilige kulturelle und historische Gepäck kennen“, sagt Unschuld. Das Gemälde mit den Zugreisenden passt insofern doch ganz gut zu seiner Arbeit.

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