Traditionen des Befehlens und Gehorchens

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Missbrauch in DDR-Jugendheimen : Kinder als Staatsfeinde

Zu fragen ist aber nach den Beschädigungen, die Heimerziehung verursacht, die lebenslang anhalten. Auch katholische Patres und evangelische Diakonissen haben in Kinderheimen der Bundesrepublik gewütet, der Unterschied bestand vielleicht nur darin, dass ihr Treiben ignoriert oder stillschweigend geduldet wurde, während in der DDR die Misshandlungen in Kinderheimen im Namen der Ideologie, von Staats wegen, verübt worden sind und den selbstverständlichen Beifall der Oberen hatten. Der boshafte Eifer des Verfolgens Andersdenkender durchzog in der DDR die ganze Hierarchie der Herrschaft. Zu erklären ist er auch mit den Traditionen des Befehlens und Gehorchens im Freund-Feind-Denken derer, die sich auf der richtigen Seite, im Schutze der Mehrheit, sahen. Sie reichen weit zurück, mindestens in die Zeit des Wilhelminismus, in der die „Erziehung“ zum Untertanen mit rigiden und brachialen Methoden als richtig und notwendig galt.

Die überfällige Aufstockung des Entschädigungs-Fonds

Das Schicksal der traumatisierten DDR-Heimkinder war – spät genug – Thema eines „Runden Tisches“. Schließlich wurde im Juli 2012, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Untergang der DDR, ein Fonds eingerichtet, in den der Bund und die neuen Länder 40 Millionen Euro einzahlten. Zehntausend Euro sollte erhalten, wer unter der repressiven Heimerziehung Schaden genommen hatte. Die Antragsteller sollten selbst entscheiden, was sie mit dem bescheidenen Schmerzensgeld anfangen wollten: eine Therapie, eine Urlaubsreise, einen gebrauchten Kleinwagen bezahlen. Anfang des Jahres wurde bekannt, dass der Fonds fast erschöpft ist.

Nun soll er um 200 Millionen Euro aufgestockt werden, ein überfälliger Schritt. Zeitweise hatte es nämlich so ausgesehen, als sollten die Opfer der Heimerziehung in der alten Bundesrepublik bessergestellt werden. Von ihrem Entschädigungsfond mit von Anfang an mehr als 120 Millionen Euro war Anfang 2014 erst die Hälfte abgerufen. Sollten Verantwortliche sich gedacht haben, körperliche Züchtigung oder sexueller Missbrauch im kirchlichen Kinderheim wiege schwerer als in der sozialistischen Anstalt, haben sie sich jetzt zu Recht eines Besseren besonnen.

Was die Akten nicht verraten: Die Opfer legen Zeugnis ab

Die gemeinsame Erfahrung der Heimkinder wäre nicht nachvollziehbar und bliebe unbekannt, wenn sie nicht Zeugnis darüber ablegen würden. Denn die Akten der Jugendhilfe-Behörden, der Justiz und anderer staatlicher Institutionen, die mit Kinderheimen befasst waren, geben keine Auskunft über die Emotionen der Opfer, ja nicht einmal über die Tatsachen ihrer „Erziehung“ und des Strafvollzugs.

Für die erziehenden und verfolgenden Behörden waren es bestenfalls Fälle, schlimmstenfalls feindliche Elemente, über die sie Vermerke und Protokolle anfertigten, in der dürren Sprache amtlicher Täter. Deshalb sind die Berichte derer, die Opfer waren, unverzichtbar, um die Wirklichkeit zu erkennen. Sie bilden die Grundlage jeder Form der Aufarbeitung. Und die Zeugen verdienen Dank, dass sie es über sich bringen, von ihren Leiden zu berichten.

Der Autor ist Historiker und hat das Geleitwort zu folgendem Buch geschrieben: Dietmar Rummel: Die (Zellen-)Tür schlägt zu. Dich kriegen wir auch noch. Leipziger Universitätsverlag, 2014. 339 Seiten, 24,50 Euro (bei dem Buch handelt es sich um einen Sonderband der Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“ der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau).

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