Mitbestimmung an der TU Berlin : Die Entmachtung der Professoren ist ein Fehler

Die TU Berlin stutzt den Einfluss der Hochschullehrer bei der Wahl des Präsidenten zurecht. Das kann der Universität schaden. Ein Kommentar.

Studierende an der TU Berlin.
Studierende an der TU Berlin.Foto: promo

Sie tragen ihren Talar wie eine Königsrobe, sitzen auf ihrem Lehrstuhl wie auf einem Thron und lassen sich mit „Magnifizenz“ oder „Spektabilität“ anreden: Dermaßen aufgeblasene Professoren gerieten mit ihrer angemaßten Autorität vor 50 Jahren unter die Räder der studentischen Revolte. An der FU trug der von linken Kräften gewählte Präsident Rolf Kreibich – selbst kein Professor, sondern ein Assistent! – die Amtskette gemeinsam mit seinem Vizepräsidenten 1969 ins Uni-Archiv. Dort hängte er sie sich noch einmal um den Hals. Die beiden Wissenschaftler haben darüber furchtbar gelacht.

Zum Glück haben die 68er damals die Luft aus den Ordinarien gelassen. Die Unis wurden zu Gruppenuniversitäten, in denen sich auch Studierende und Mitarbeiter einbringen konnten. Wo dafür die Grenzen liegen, entschied Karlsruhe 1973: Die Professoren müssen in den Gremien die Mehrheit bei Abstimmungen über Forschungsfragen haben, bei Fragen der Lehre reicht die Hälfte der Stimmen. Damit sind die Unis gut gefahren. Kaum je treten die Professoren als Block auf, der die anderen Gruppen niederstimmt. Vielmehr bilden sich übergreifende Allianzen. Auch an der TU Berlin.

Hier rüttelt man aber an den Verhältnissen. Im Dezember setzten Gremienvertreter durch, dass an diesem Mittwoch zum letzten Mal ein Präsident mit Professorenmehrheit gewählt werden soll. Danach sollen die Professoren bei der Wahl nur noch so viele Stimmen haben wie die anderen Gruppen. Das sollte ein Kompromiss sein. Schließlich behalten die Professoren ihre Mehrheit in den Gremien. Doch schon das knappe Abstimmungsergebnis zeigt, dass sich viele Professoren düpiert fühlen. Auch fürchten sie, der Beschluss werde der TU schaden.

Keine andere Universität leistet sich ein solches Vorgehen

Tatsächlich werden Kandidatinnen oder Kandidaten fürs Präsidium an der TU nur noch dann Chancen haben, wenn sie fast allen gefallen. Entscheidungen, die für die TU wichtig, aber nicht gleich bei allen populär sind, werden schwieriger. Es ist nicht auszuschließen, dass auch das Image der TU leidet. Bei Berufungen kann das schaden. Der Eindruck entsteht, die Professoren hätten sich ihres Standes überhoben und würden an der TU auf ihr richtiges Maß zurechtgestutzt – „auf Augenhöhe“ mit Studierenden und Mitarbeitern.

Das befremdet. An der Universität geht es um Forschung und um Lehre. Die Verantwortung dafür hat der Staat den Professoren übertragen, die entsprechende Qualifikationswege durchlaufen haben. Die Hochschullehrer sollen die Uni prägen, das muss in den Gremien abgebildet werden. Außerhalb der Gremien ist die Mitbestimmung ohnehin über Personalräte geregelt.

Bundesweit hat die TU das Thema denn auch ganz für sich. In ihr lebt die politisierte Hochschule des alten West-Berlin fort. Die FU hat diese Phase längst überwunden. Nach dem Mauerfall erwuchs ihr mit der Humboldt-Universität eine Konkurrenz mit ähnlichem Fächerspektrum, die ihre Existenz bedrohte. Fortan ging es ums Überleben, nicht mehr um Grabenkämpfe. Auch auf die Humboldt-Universität dürfte der Funke von der TU nicht überspringen. Sie hat die politisierten Zeiten der Bundesrepublik nie durchgemacht.

Umso irritierender ist es, dass Berlins Senat eine Arbeitsgruppe „Demokratische Hochschulen“ eingesetzt hat, die Wege für mehr Mitbestimmung erarbeiten soll. Damit trägt die Politik Debatten in die Unis, die die meisten dort nicht führen wollen – ein überflüssiger Eingriff in die Hochschulautonomie, mit dem die linken Regierungsparteien ihre Klientel streicheln wollen.

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So ist auch keineswegs sicher, dass der Berliner Senat den Beschluss an der TU aufgrund rechtlicher Bedenken einkassieren wird. Aber auch das Kuratorium der TU muss der Entmachtung der Professoren erst noch zustimmen. Hoffentlich trifft es die richtige Entscheidung. Die 68er haben alles Nötige schon vor 50 Jahren erledigt.

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