Versuch: Wer Latein gelernt hat, wird zum Bewerbungsgespräch eingeladen

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Mythen um Latein als Schulfach : Falsche Versprechen einer alten Sprache
Jürgen Gerhards Tim Sawert Ulrich Kohler
Ein Schüler sitzt im Klassenraum und liest in seinem Lateilbuch mit dem Titel "Salvete".
Früh übt sich - im Lateinunterricht.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Ergebnisse fallen eindeutig aus: Latein werden nicht nur umfassende Vorteile zugeschrieben, Personen mit Lateinkenntnissen werden auch positiver bewertet als Personen mit Kenntnissen moderner Fremdsprachen. Mit dem Lernen von Latein assoziiert die überwältigende Mehrheit der Befragten, dass dies das logische Denken, die Sprachbeherrschung in Deutsch und die Fähigkeit, andere Sprachen zu lernen, verbessert. Die Befragten gehen zudem davon aus, dass Personen mit Lateinkenntnissen über eine umfassendere Allgemeinbildung und eine bessere kulturelle Bildung verfügen als Personen, die eine moderne Fremdsprache gelernt haben.

Weiterhin zeigt sich, dass diese Vorstellungen der Vorteile von Latein zwar in allen Bildungsgruppen vorhanden sind; es sind aber besonders die bildungshöheren Gruppen, die Latein in besonderem Maße Vorteile zuschreiben. Sie arbeiten damit an der Konstruktion einer Realität, von der sie selbst die größten Nutznießer sind. Der Glaube an die Versprechen, die mit dem Erlernen einer sogenannten alten Sprache wie Latein verbunden werden, ist, ähnlich wie die neuen Kleider des Kaisers, die Folge einer gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit. Es handelt sich insofern um eine Fiktion, als sich die dem Lateinunterricht weithin zugeschriebenen Charakteristika wissenschaftlich nicht nachweisen lassen.

Fingierte Bewerbung, um die Wirkung von Latein zu testen

Die Konstruktion der Bedeutsamkeit von Latein ist aber keine „L’art pour l’art“-Konstruktion ohne Folgen. Zu diesem Ergebnis kommt eine zweite, feldexperimentelle Studie, die wir durchgeführt haben. In dieser haben wir fingierte Bewerbungen mit variierendem Fremdsprachenprofil auf Stellenausschreibungen für Führungspositionen verschickt und die Wahrscheinlichkeit, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, untersucht. Tatsächlich waren es Lateinkenntnisse, die sich am positivsten auf die Einladungschancen auswirkten: Personen, die Latein ab der fünften Klasse gelernt hatten, erhielten häufiger eine Einladung zum Vorstellungsgespräch als Personen mit einem neusprachlichen Profil, obwohl moderne Fremdsprachen in einer globalisierten Welt von deutlich größerem Nutzen sind.

In Anbetracht unserer Ergebnisse ist das kaum verwunderlich, scheint das Lernen von Latein doch als ein Wundermittel zur Erlangung einer Vielzahl von Kompetenzen konzeptualisiert zu sein. Dass dies empirisch weitgehend widerlegt ist, scheint dem keinen Abbruch zu tun – und so erfreut sich Latein weiterhin großer Beliebtheit und wird mit Bildung und Status assoziiert. Lernfähiger war da der Kaiser in Andersens Märchen: Nach dem Aufschrei des Kindes erkannte er, dass er einer Fiktion aufgesessen war.

Der Text fasst die Ergebnisse einer Studie der drei Autoren zusammen, die soeben unter dem Titel „Des Kaisers alte Kleider“ in der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ im Heft 2, 2019 erschienen ist. Jürgen Gerhards ist Professor für Soziologie an der FU Berlin, Tim Sawert ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter und Ulrich Kohler ist Soziologieprofessor an der Uni Potsdam.

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