Nachruf auf Ekkehart Krippendorff : Der erfahrenste 68er

Er war ein Intellektueller mit weitem Blickfeld - und 1968 Ratgeber der Studierenden: Ein Nachruf auf den großen Friedensforscher Ekkehart Krippendorff.

Knut Nevermann
Ekkehart Krippendorff (1934–2018).
Ekkehart Krippendorff (1934–2018).Foto: picture alliance / Eventpress

Für die 60er Jahre an der Freien Universität, für die Aktivisten der Studentenbewegung von 1966 bis 1968, war Ekkehart Krippendorff einer der wenigen wissenschaftlichen Assistenten, die man stets um Rat und Unterstützung bitten konnte. Er verfügte damals über die für uns vorbildgebenden Erfahrungen mit dem Hochschulleben in den USA, wo er von 1960 bis 1963 studiert hatte. Vorbildgebend war das ganz andere amerikanische Hochschulwesen – fernab vom autoritären Ordinariensystem der deutschen Universitäten – und das ganz andere Alltagsleben der Studierenden in den USA.

In den Kreisen der Studierenden, die sich damals auflehnten, kursierten Schriften (insbesondere „Hochschule in der Demokratie“ von 1965), die im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) entstanden waren und hochschulpolitische Analysen und Forderungen enthielten, die sich noch heute mit Gewinn lesen lassen. Hierzu konnte Krippendorff seine US-Erfahrungen einbringen und uns ermutigen: Ja, es gab Alternativen zum deutschen Autoritarismus.

Ein Eklat im Jahr 1965

1965 kam es zu einem Eklat: Krippendorff schrieb in einem Zeitungsartikel, dass der Rektor der FU einen Vortrag von Karl Jaspers verhindert habe, der zum 20. Jahrestages des Kriegsendes sprechen sollte. Dies bezeichnet der Rektor als falsch, obwohl sich viel später herausstellte, dass Krippendorff recht hatte. Er entschuldigte sich sogar beim Rektor, aber sein Assistenten-Vertrag wurde nicht – wie damals üblich – verlängert. Unsere Proteste verschafften ihm immerhin ein Forschungsstipendium.

Noch wichtiger wurde Krippendorffs Erfahrungswissen, als auch in Berlin die Kritik und der Protest gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam stärker und provokativer wurden. In meiner Erinnerung waren besonders zwei Auftritte Krippendorffs von nachhaltiger Wirkung: Einer fand in München in der Mensa der Universität statt. Nach dem Dutschke-Attentat am 11. April 1968 kam es in vielen Hochschulorten zu vehementen Protesten gegen die damals dominierenden und hetzenden Springer-Zeitungen. Wir versuchten, die Auslieferung der „Bild“-Zeitung zu verhindern.

In München starben auf einer dieser Demonstrationen zwei Studenten durch Wurfgeschosse von Demonstranten. Krippendorff (und auch Ulrike Meinhof und auch ich) wurde dringend gebeten, die moralisch niedergeschlagenen Genossen in München wieder aufzurichten. Seine Rede war eine ungemein aufrüttelnde Mischung aus moralischem Protest und historischer Rationalität. Als im April 1968 Martin Luther King in den USA ermordet wurde, gab es eine spontane Demonstration zum Schöneberger Rathaus, wo wiederum Krippendorff eine seine einfühlsamen, aber auch aufputschenden Reden hielt.

Seine Habilitation wurde an der FU abgelehnt

Krippendorff war vor allem ein rhetorisch begabter, wacher Kopf, ein Intellektueller mit weitem Blickfeld. Seine Gebiete waren die Internationalen Beziehungen und die Friedensforschung. Nach 1968 ging er wieder als Gastprofessor in die USA (New York) und nach Italien (Bologna, Siena, Urbino). 1978 wurde er Professor an der Freien Universität. Allerdings hatte er zuvor einige politische Nackenschläge einzustecken: Seine Habilitation wurde 1970 an der FU abgelehnt. Ich erinnere mich, wie damals gemunkelt wurde, ein Habilitand mit einer Mao-Jacke sei nicht nur provokant, sondern auch unakzeptabel. Erst 1972 war seine Habilitation in Tübingen bei seinem Doktorvater Theodor Eschenburg erfolgreich. Krippendorffs Berufung nach Konstanz verhinderte allerdings der damalige Kultusminister persönlich.

Vor diesem intellektuellen Hintergrund kann es nicht überraschen, dass Krippendorff in den folgenden Jahren (und auch nach seiner Emeritierung im Jahre 1999) sich stärker – aber nicht ausschließlich – für kulturelle, literaturhistorische Fragestellungen interessierte. Dies tat er immer als Politikwissenschaftler. 1988 erschien sein Buch über „Goethes Politik“ („Wie die Großen mit den Menschen spielen“), 1992 „Politik in Shakespeares Dramen“, 1999 „Die Kunst, nicht regiert zu werden. Ethische Politik von Sokrates bis Mozart“, 2001 „Jefferson und Goethe“, 2007 „Shakespeares Komödien“. Und vieles mehr. Schließlich seine Autobiografie „Lebensfäden. Zehn autobiographische Versuche“ von 2012; übrigens in dem – Nomen est Omen – Verlag „Graswurzelrevolution“.

Intellektualität - und Liebe zu Musik und Theater

Oft traf man ihn in Theatern und Opernhäusern, stets bereit zu Erläuterungen und Kritik, stets voller Interesse und kenntnisreicher Vergleiche. Diese seltene Mischung aus Intellektualität und Liebe zu Musik, Theater und Kultur wird nun noch seltener. Ekkehart Krippendorff starb gestern im Alter von 83 Jahren in Berlin.

Der Autor hat an der Freien Universität Berlin seit 1965 Jura studiert und wurde 1966 zum Vorsitzenden des FU-Asta gewählt. 1967 war er Gründungsmitglied des Republikanischen Clubs in West-Berlin. Später war er in verschiedenen Positionen für die SPD tätig, von 2010 bis 2014 als Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin.

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