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Nachruf zum Tod von Stephen Hawking : Der All-Erklärer

Stephen Hawking war ein Popstar der Wissenschaft, Bestsellerautor, mischte sich ein in die Weltpolitik - bis ins hohe Alter, das er nach Ansicht seiner Ärzte gar nicht hätte erreichen dürfen. Ein Nachruf.

Stephen Hawking (1942-2018) , hier bei einem Auftritt in New York im Jahr 2016.
Stephen Hawking (1942-2018) , hier bei einem Auftritt in New York im Jahr 2016.Foto: REUTERS

Was unmöglich erscheint, muss nicht unmöglich sein. So ließe sich das Leben von Stephen Hawking zusammenfassen. Vor allen Dingen war es sein Leben selbst, das zunächst unmöglich erschien. Vor gut 50 Jahren wurde bei ihm die Nervenerkrankung ALS diagnostiziert, die Ärzte gaben ihm noch höchstens ein paar Jahre. Doch Hawking lebte einfach weiter. Sein Körper baute zusehends ab, aber sein Geist blühte umso mehr auf. Er revolutionierte die Astrophysik mit seinen Theorien zu Schwarzen Löchern. Seine populärwissenschaftlichen Bücher wie die „Kurze Geschichte der Zeit“ und „Das Universum in der Nussschale“ wurden millionenfach verkauft. Er mischte sich in die Weltpolitik ein und verstand es bis zum Schluss, den sensationsgierigen Medienapparat für seine Zwecke zu nutzen. Nun ist er im Alter von 76 Jahren gestorben.

Hawking war ein Popstar. Er war der einzige Physiker, der in seiner Popularität an Albert Einstein heranreichte – und in dieser Linie sah er sich auch. Ein großer Teil seiner Berühmtheit hat sicher nichts mit den Formeln zu tun, die er als theoretischer Physiker entwickelte, sondern mit seinem Kampf über einen Körper, der ihm kaum noch gehorchte – und den er doch täglich aufs Neue bezwang.

Er wollte dem Kosmos in die Karten sehen

Die Öffentlichkeit war fasziniert von Hawking: In seinem Rollstuhl hängend, den Kopf ans Polster gelehnt, das Gesicht zu einer Grimasse verzerrt. Kaum fähig zu einer Bewegung und doch in der Lage, die größten Geheimnisse des Kosmos zu enträtseln. Er widmete sich dem Urknall, dem Beginn der Zeit, Schwarzen Löchern – eine Nummer kleiner, das war nichts für ihn.

Hawking, Sohn eines Tropenmediziners und einer Wirtschaftswissenschaftlerin, wurde am 8. Januar 1942 in Oxford geboren. „Genau 300 Jahre nach dem Tod Galileis“, wie er selbst gern hinzufügte. In der altehrwürdigen Universitätsstadt studierte er Physik, wechselte dann nach Cambridge und promovierte. Er erwies sich als begabt, aber noch keineswegs als Genie. Doch er war ehrgeizig. Er wollte dem Kosmos in die Karten sehen. Was sind Schwarze Löcher? Was geschah vor dem Urknall? Wie begann die Zeit?

Dann der Schock: Anfang 1963, kurz nach seinem 21. Geburtstag, wurde bei ihm das Nervenleiden ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) diagnostiziert. Eine unheilbare Krankheit, bei der die Nervenzellen absterben, die für die Muskelbewegung verantwortlich sind. Es kommt zu Koordinations- und Sprachstörungen, später werden auch die Atemmuskeln und der Schluckapparat beeinträchtigt.

Der "Magier" Hawking

Die Diagnose brachte Hawking fast um. Er wurde depressiv, hörte Wagner und trank viel Alkohol. Doch er fing sich wieder, fand zurück ins Leben. „Während meines Krankenhausaufenthaltes“, berichtete er später, „wurde ich Zeuge, wie ein Junge, den ich flüchtig kannte, im Bett gegenüber an Leukämie starb. Seither denke ich immer an diesen Jungen, wenn ich versucht bin, mich zu bemitleiden.“ Hawking erkannte, wie viel ihm das Leben wert war. Er verliebte sich in die Studentin Jane Wilde, mit der er später drei Kinder haben sollte. Und er stürzte sich auf die Physik, besonders auf Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie – ein Formelwerk, das Materie, Raum und Zeit zusammenbringt.

Schnell berühmt wurde Hawking, als er zusammen mit Roger Penrose bewies, dass es im Weltall Singularitäten geben müsse. So bezeichnen Physiker Zustände, in denen die allgemeinen physikalischen Gesetze nicht gelten können. Es sind unvorstellbare Extreme wie der Urknall oder Schwarze Löcher.

„Manchmal war Hawking ein Magier, der den Hasen, die richtige Antwort oder Einsicht, aus seinem Hut zog“, sagt der US-amerikanische Physiker Bruce Allen vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover und Potsdam, der Anfang der 1980er Jahre bei Hawking promovierte. An vielen dieser Ideen und Theorien arbeiten sich Forscher noch immer ab. Dazu gehört auch das „No boundary proposal“, die Idee, dass das Universum auch ohne Urknall spontan aus dem Nichts entstanden sein könnte. „Das würde den alten Einwand beseitigen, dass die Naturgesetze am Anfang des Universums nicht galten. Stattdessen wäre auch dieser Anfang den Naturgesetzen unterworfen“, sagte Hawking, als er die Idee mit seinem Kollegen Jim Hartle 1982 vorstellte als „spontane Quantenentstehung des Universums ähnlich wie die plötzliche Bildung von Gasblasen in einem Kochtopf mit Wasser.“

Nicht jede Theorie Hawkings ist bewiesen

„Das ist eine sehr schöne Idee, die Quantentheorie und Relativitätstheorie verbindet“, sagt Jean-Luc Lehners vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam, der zwischen 2007 und 2009 in Hawkings Team gearbeitet hat. Mit allem Respekt hat sich Lehners dennoch daran gemacht, Hawkings Ideen, die letztlich alle auf mathematischen Berechnungen beruhen, nachzuprüfen. Das Problem dabei sei, dass die Formeln sehr viele verschiedene mögliche Entstehungsgeschichten des Universums berücksichtigen müssen. Lehners setzte neue mathematische Methoden ein – und kam zu einem anderen Ergebnis als Hawking. „Jedenfalls kommt dabei kein Universum heraus, wie wir es kennen.“ Hawking selbst habe auf die Ergebnisse nicht mehr reagiert, seine Mitarbeiter schon. Lehners Berechnungen konnten sie aber nicht widerlegen. „Vielleicht ist die Idee aber noch zu retten“, so Lehners.
Selbst wenn das „No boundary proposal“ sich nicht bestätigen sollte, war Hawking kreativ genug, um die Köpfe noch vieler Physikergenerationen mit seinen Ideen zu beschäftigen. Dazu gehört auch, dass Schwarze Löcher doch nicht ganz so schwarz sein könnten, wie zunächst angenommen – dass sie eben doch nicht alles auf ewig verschlucken, sondern Strahlen, inzwischen Hawking-Strahlen genannt, aussenden. „Damit hat er die Quantenphysik mit Einsteins Relativitätstheorie verknüpft, das waren revolutionäre Erkenntnisse“, sagt Bernard Schutz. Der ehemalige Direktor am Potsdamer Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik gehörte damals zu Hawkings Team.
Bewiesen wurde die Existenz der Hawking-Strahlung bis heute nicht, dafür ist sie – den Berechnungen zufolge – viel zu schwach. „Paradoxerweise müsste sie bei sehr kleinen Schwarzen Löchern – von der Größe eines Atoms – stärker und einfacher zu messen sein“, sagt Lehners.

Einen Nobelpreis gab es für ihn nie

Derzeit versuchen Physiker, etwa Jeff Steinhauer am Technion in Haifa, Systeme zu untersuchen, die den Bedingungen in Schwarzen Löchern nahe kommen. Steinhauer kühlte dazu Helium fast auf den absoluten Nullpunkt herab und erzitzte dann sehr plötzlich das Zentrum der Heliumblase. So simulierte er den „Ereignishorizont“, an dem Materie oder Lichtstrahlen dem Schwarzen Loch nicht mehr entkommen können. Offenbar konnten dem simulierten Schwarzen Loch einige Photonen entkommen. Steinhauer wertet das als Beleg für die Hawking-Strahlen. „Das Problem ist, das in solchen analogen Systemen die Gravitationskraft fehlt, die für die Bildung von echten Schwarzen Löchern entscheidend ist“, sagt Lehners. Insofern sei das Ergebnis nicht ohne weiteres zu übertragen.
Dass die meisten Physiker schon seit langem glauben, dass es sie gibt, reichte für einen Nobelpreis nicht aus. Nach Ansicht von Experten blieb Hawking deshalb die größte Ehrung in der Wissenschaft verwehrt. So sieht es auch der Gravitationsphysiker Schutz. „Sicher wird es aber für die Theorie der Schwarzen Löcher irgendwann den Nobelpreis geben“, meint er. Dass Hawking dabei gewesen wäre, hätte es diesen Beleg zu seinen Lebzeiten gegeben, hält Lehners für sicher.

Nachfolger auf Newtons Stuhl

An Auszeichnungen mangelte es Hawking ansonsten nicht. Als erster überhaupt bekam er 1979 die Albert-Einstein-Medaille und 2013 den Fundamental Physics Prize. Er wurde von Queen Elisabeth II. zum Commander of the British Empire ernannt und er übernahm den berühmten Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik an der Universität Cambridge, den bereits Isaac Newton innehatte.

Jahr um Jahr widerlegte er die Prognose seiner Ärzte, die es für nahezu unmöglich gehalten hatten, dass Hawking noch lange am Leben bleibt. Und doch dominierte die Krankheit zusehends sein Leben. Da seine Hand bereits Ende der Sechzigerjahre Lähmungen zeigte, wurde seine Doktorarbeit von mehreren Helfern geschrieben. Bald darauf war er auf einen Rollstuhl angewiesen. Mit dem elektrisch angetriebenen Modell liebte er es, über den Campus von Cambridge zu fegen und die Studenten zu erschrecken, erzählt Schutz. „Trotz seiner Krankheit, die ihn zunehmend einschränkte, war Hawking sehr freundlich und um seine Mitarbeiter bemüht.“

Die Stimme seines Sprachcomputers wurde Teil seiner selbst

Seine Bewegungs- und Sprechfähigkeit nahm zusehends ab, in den Achtzigerjahren schließlich verlor er auch den Geruchs- und Geschmackssinn. Als er 1985 das Europäische Kernforschungszentrum Cern in Genf besuchte, zog er sich eine Lungenentzündung zu. Er bekam Atemnot, geriet in Lebensgefahr – ein Luftröhrenschnitt rettete ihn. Infolgedessen konnte er aber nicht mehr sprechen. Seit dem war auf einen Sprachcomputer angewiesen. Die metallisch scheppernde Stimme der Maschine wurde zu unverwechselbaren Teil seiner selbst. Anfangs steuerte er das Gerät noch mit den Fingern, später durch das Zucken des Wangenmuskels. Am Ende waren nur noch die Augen beweglich genug, um Buchstaben und Wörter auf dem Bildschirm auszuwählen, damit sie an den Lautsprecher geschickt wurden und seine Zuhörer erreichten.

Trotz dieser Einschränkungen verfasste er mehrere Bücher. Millionenfach wurde etwa „Eine kurze Geschichte der Zeit“, erschienen 1988, verkauft und als verständliche Einführung in die großen Fragen des Universums gefeiert: Wann begann die Zeit? Was war vor dem Urknall? Tatsächlich ist es harter Tobak, den Hawking seinen Lesern zumutet. Manche Kritiker behaupten, dass nur ein kleiner Teil der Käufer wirklich verstanden hat, was zwischen den Buchdeckeln erklärt wird.

Bücher wie die "Kurze Geschichte der Zeit"

Es folgen weitere Bücher. Mit seiner Tochter Lucy schrieb er 2007 das Kinderbuch „Der geheime Schlüssel zum Universum“, zusammen mit Leonard Mlodinow 2010 „Der große Entwurf – Eine neue Erklärung des Universums“, die streckenweise sehr spekulativ ist. Und schließlich „Meine kurze Geschichte“ im Jahr 2013.

Darin beschreibt er sehr persönlich, wie er sein Leben erlebt hat. Wie er mit seiner Krankheit rang, wie sehr sie ihn beschränkte. „Aufgrund meiner zunehmenden Behinderung konnte ich Jane kaum bei der Versorgung unseres Babys helfen.“ Des ersten, wohlgemerkt. 1990 wurde die Ehe geschieden, seine Ex-Frau rechnete nun mit ihm ab. Sie habe die Aufgaben einer Mutter erfüllen müssen, statt eine Ehefrau sein zu können, resümiert sie in ihrem Buch. Und dass sie ihm nicht dauernd erklären wollte, „dass er nicht Gott sei“.

Eine zweite Ehe folgte 1995 mit seiner Pflegerin Elaine Mason, doch  2006 ging auch diese Beziehung auseinander. Seine Tochter Lucy beschrieb ihn in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel als „liebevollen Vater“, der ihr geduldig den Sternenhimmel erklärt habe.

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