Popstar und Politik: Wie Hawking seine Popularität einsetzte

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Nachruf zum Tod von Stephen Hawking : Der All-Erklärer
20 Sekunden Schwerelosigkeit: Stephen Hawking während eines Parabelfluges im Jahr 2007. Er träumte immer davon, ins All zu fliegen.
20 Sekunden Schwerelosigkeit: Stephen Hawking während eines Parabelfluges im Jahr 2007. Er träumte immer davon, ins All zu...Foto: AFP

Doch Hawking war nicht der Mann, sich auf Universität und Familie zu beschränken. Sein Feld war die Welt. Ihm machte es Spaß, seine Gedanken öffentlich zu äußern, auch wenn er dabei immer wieder aneckte. So 1981 bei einer Kosmologentagung im Vatikan, wo er das Konzept eines grenzenlosen Weltalls vorstellte. Einen Gott brauchte er dafür nicht. Wenn das Universum keine Grenze habe, hätte es weder einen Anfang noch ein Ende, es wäre einfach da. „Wo ist da noch Raum für einen Schöpfer“, fragte er. 

Erklärungen suchte der Atheist in einer Weltformel, einem Satz mathematischer Gleichungen, der vom Urknall bis zu den Atomen alles beschreiben sollte. Anfangs glaubte Hawking noch, diese Formel selbst bis zum Jahr 2000 finden zu können. Später  verschob er die Frist aufs Ende des 21. Jahrhunderts. Auch das halten die meisten Experten für Wunschdenken.

Die BBC nennt ihn "Master of the Universe"

Derlei Kritik störte Hawking nicht. Er spielte gekonnt auf der Klaviatur medialer Vermarktung. Der Spiegel erhob ihn zum „Jahrhundertgenie“, die BBC sogar zum „Master of the Universe“. Hawking drehte Filme und trat in Fernsehserien auf. So durfte er sich in der Science-Fiction-Serie „Raumschiff Enterprise“ als bisher einziger Mensch selbst darstellen. Dort pokerte er  mit Isaac Newton und Albert Einstein. Im Pink Floyd-Song „Keep Talking“ sprach der Physiker per Sprachcomputer den einleitenden Satz.

Hawking setzte seine Berühmtheit aber auch bewusst ein, um sich in die Politik einzumischen. Im Mai 2013 sagte er seine Teilnahme an einer Zukunftskonferenz des israelischen Präsidenten Shimon Peres ab, um auf die Lage der Palästinenser aufmerksam zu machen. Anfang 2014 veröffentlichte er – unter anderem im Tagesspiegel – einen Aufruf, endlich gegen den Massenmord in Syrien vorzugehen: „Was gerade in Syrien passiert, ist eine Abscheulichkeit – und die Welt schaut kaltblütig aus der Ferne zu. Wo ist unsere emotionale Intelligenz?“ 2016 warnte er vor der Selbstauslöschung der Menschheit und vor den Folgen des Brexits und der Wahl Donald Trumps.

Er warnt vor dem Brexit und vor Donald Trump

Der Mensch und Intelligenz, das war für ihn ohnehin keine überaus bemerkenswerte Verbindung, wie er in seinen Anspielungen auf den Erfolg der Religionen durchblicken ließ. Für Hawking war klar, dass der Mensch nicht den Alleinvertretungsanspruch auf so etwas wie intelligentes Leben im Universum hat. Dagegen spreche schon die mathematische Vernunft, angesichts der Milliarden von Sternen allein in unserer Milchstraße. Es müsse da draußen nur so wimmeln vor Leben, glaubte Hawking und unterstützte beispielsweise die Initiative „Breakthrough Listen“ des russischen Milliardär Yuri Milner. Sie soll in den nächsten zehn Jahren 100 Millionen Dollar bereitstellen, damit Forscher Messzeit auf großen Radioteleskopen bekommen und in den empfangenen Signalen nach Auffälligkeiten suchen können, die womöglich auf außerirdisches Leben hindeuten.  

Eine aktive Kontaktaufnahme mit einer intelligenten Zivilisation hielt er jedoch für „ein wenig zu riskant“, wie er in einer Fernsehdokumentation für den Discovery Channel sagte. „Wenn uns Außerirdische jemals besuchen, wird der Ausgang, so denke ich, genauso sein wie die Landung von Christopher Columbus in Amerika, was für die Eingeborenen nicht sehr gut ausging.“

"Die Menschen haben keine Zukunft, wenn sie nicht ins All fliegen"

Dann doch lieber anders herum: Der Mensch auf dem Weg zu fremden Welten, um sich dort niederzulassen. Für Hawking war  das keine Spinnerei, sondern eine Hoffnung für die Menschheit. Diese sei angesichts des Klimawandels, der Gefahr von Atomkriegen oder von gentechnisch erzeugten Viren vom Aussterben bedroht. „Die Menschen haben keine Zukunft, wenn sie nicht ins All fliegen“, sagte Hawking.

Er träumte selbst von einer solchen Reise. Der britische Milliardär Richard Branson, der eines Tages Privatleute wenigstens für ein paar Minuten in den Weltraum bringen will, sollte ihm dazu verhelfen. Es wurde nichts mehr daraus, aber Hawking hatte wenigstens eine Ahnung davon bekommen, wie es sich anfühlt im All. Das war 2007, der gelähmte Mann wurde an Bord einer umgebauten Boeing gebracht, die steile Parabeln in der Luft flog, um den Passagieren im Innern für 20 Sekunden Schwerelosigkeit zu verschaffen. Hawking ließ sich aus dem Rollstuhl heben – und er schwebte. Was jahrzehntelang als unmöglich galt, war doch noch wahr geworden, wenigstens dieses eine Mal: dass sein Körper seinen Gedanken folgen konnte. (Mitarbeit: Paul Janositz)

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