Neue Rektorin am Wissenschaftskolleg : Zwischen Paradies und Zufluchtsort

Das Berliner Wissenschaftskolleg soll noch jünger, weiblicher und internationaler werden - verspricht die neue Rektorin Barbara Stollberg-Rilinger.

Barbara Stollberg-Rilinger, Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin.
Barbara Stollberg-Rilinger, Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin.Foto: Wissenschaftskolleg

Barbara Stollberg-Rilinger, neue Rektorin des Berliner Wissenschaftskollegs, trifft den Nerv der versammelten scientific community, als sie am Montagabend den aktuellen Fellowjahrgang vorstellt. Warum ist eine Einrichtung wie das „Wiko“ heute „notwendiger und wertvoller“ denn je, fragt sie? Ein Haus, in dem sich Forschende ein Jahr lang aus dem Unialltag zurückziehen können, um sich ausschließlich einem selbstgewählten Projekt zu widmen.

Der wissenschaftliche Wettbewerb habe sich extrem verschärft, sagt Stollberg-Rilinger, vielfach ausgezeichnete Historikerin und Buchautorin, und nennt nur einige Schlagworte: „die Abhängigkeit von Drittmitteln, die halbfiktionale Antragsprosa, der Publikations-Overkill, der nicht-proportional zum Erkenntnisgewinn steht“.

Wer jetzt lacht, und das tun viele der rund 300 Gäste, ist selber schon halb befreit von der Last des Forschens und Lehrens im wettbewerbsgetriebenen 21. Jahrhundert.

Refugium für politisch Verfolgte

In den Genuss eines Wiko–Jahres kommen 2018/19 knapp 50 Fellows, 22 Frauen und 27 Männer aus 21 Ländern und gut 25 Disziplinen. Viele ihrer Herkunftsländer und Themen stehen für die Verhältnisse in Europa und der Welt, die das Wissenschaftskolleg zum Refugium auch politisch Bedrängter machen. Stanislaw Biernat, ehemaliger Vizepräsident des polnischen Verfassungsgerichts, will über Herausforderungen und Gefahren für die Rechtsstaatlichkeit in der EU arbeiten. Der ägyptische Politikwissenschaftler Amr Hazawy forscht zu sozialem Engagement und autoritärer Politik in seiner Heimat. Andere, die im Kolleg als verfolgte oder bedrängte Forscher oder Schriftsteller Zuflucht finden, kommen aus Syrien, der Türkei oder Ungarn.

Dass Wissenschaftler in Berlin „wirklich frei leben und arbeiten können“ sei „ein harter Standortfaktor“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Wiko. Er hieß die neue Rektorin offiziell willkommen – und dankte auch ihrem Vorgänger Luca Giuliani, der das Wiko seit 2007 geleitet hatte.

Brücken über Epochen und akademische Kulturen

Das Themenspektrum, das Stollberg-Rilinger vorstellte, reicht von Verteilungskonflikten in europäischen Wohlfahrtsstaaten über neue Perspektiven auf den Koloss von Rhodos bis zu zwei Schwerpunktgruppen über Fragen der Evolution biologischer Systeme. Stollberg-Rilinger will am Wiki „Brücken über Epochen schlagen – und über akademische Kulturen“. Seit seiner Gründung 1981 gelingt es dem Berliner Kolleg Geistes- und Sozialwissenschaftler mit Naturwissenschaftlern ins Gespräch zu bringen. Für dieses Jahr sieht die Rektorin gute Ansätze, dass sich der Austausch noch vertieft, etwa im gemeinsamen Lesekreis zu Charles Darwins „Ursprung der Arten“.

Diverser ist das Wiko in den vergangenen 37 Jahren jedenfalls geworden – „interdisziplinärer, weiblicher, jünger und internationaler“, wie Stollberg-Rilinger sagt. Sie will daran arbeiten, dass sich diese Entwicklung noch verstärkt. Für die wachsende Rolle der Künste steht in diesem Jahr etwa der schweizerische Komponist Beat Furrer, der Berliner Inspirationen für seine neue Oper sucht. Die globale Literatur vertritt die kenianische Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor.

Für die sichtliche Begeisterung, mit der sich Stollberg-Rilinger ins Wiko einbringt, und für ihren analytischen Zukunftsoptimismus bekommt sie kräftigen Applaus – und zustimmende Pfiffe wie bei einem Popkonzert.

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