Neue Studie zum Lehrermangel : Berufsschulen droht "gewaltige Lücke"

60.000 Lehrer gehen, aber nur 30.000 rücken nach: Die Bertelsmann Stiftung warnt vor den Folgen - für die Jugendlichen und für die Wirtschaft.

Auch in der Metalltechnik sind die Lehrkräfte knapp (Archivbild).
Auch in der Metalltechnik sind die Lehrkräfte knapp (Archivbild).Foto: Waltraud Grubitzsch/picture alliance / ZB

Die Überalterung der Lehrerschaft bringt künftig auch die Berufsschulen in eine personelle Notlage: Bis zum Jahr 2030 geht fast die Hälfte der rund 125.000 Berufsschullehrer in den Ruhestand. Daher und wegen steigender Schülerzahlen werden rund 60.000 neue Lehrer benötigt, die aber nicht in Sicht sind: Nur 30.000 Absolventen für das berufliche Lehramt werden erwartet. Dies belegt eine dem Tagesspiegel vorliegende Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

Klemm fordert von den Bundesländern ein Umsteuern hin zu höheren Kapazitäten bei der Ausbildung der künftigen Berufsschullehrkräfte. Zudem müssten die unverzichtbaren Quereinsteiger besser qualifiziert und der Anteil an Teilzeitkräften gesenkt werden. Die Studie soll am Montag veröffentlicht werden.

Ab 2025 spitzt sich die Lage zu

Klemm sieht eine gewaltige Lücke zwischen Bedarf und Angebot, weil allein bis 2020 jährlich im Schnitt 4000 neue Berufsschullehrer durchschnittlich benötigt, aber aktuell nur rund 2000 pro Jahr ausgebildet werden. Im Unterschied zur Kultusministerkonferenz (KMK) geht Klemm davon aus, dass sich der Lehrermangel an Berufsschulen nach 2025 stärker zuspitzen wird: Bis 2030 entstehe ein jährlicher Bedarf von 4800 Lehrkräften, um ausscheidende Lehrkräfte zu ersetzen und eine wachsende Schülerzahl zu bewältigen. Dieser Trend werde sich bis 2035 sogar noch verstärken und nach 2030 den jährlichen Einstellungsbedarf auf über 6000 Lehrkräfte erhöhen. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung sieht in der drohenden Lücke eine Gefahr für das duale Ausbildungssystem: „Der absehbare Mangel nimmt Jugendlichen wichtige Bildungschancen und schadet der Wirtschaft“.

Noch gibt es ein "Handlungsfenster"

Gerade weil die Ausbildung von Berufsschullehrern mehr als sieben Jahre dauere, müssten jetzt mit Blick auf das Jahr 2025 mehr Studienplätze bereitgestellt werden. Zudem gelte es Abiturienten und hochqualifizierte Facharbeiter über die Arbeit in den Berufsschulen zu informieren und explizit für dieses Berufsfeld zu werben, lautet die Empfehlung. Noch gebe es ein "Handlungsfenster, um Lösungen zu entwickeln".

Berufsschulen arbeiten traditionell mit vielen Quer- und Seiteneinsteigern zusammen, weil es für manche Berufsbilder gar keine Lehramtsstudiengänge oder zu wenig Absolventen gibt – rund ein Drittel der Lehrkräfte sind schon heute keine ausgebildeten Berufsschullehrer. Dräger fordert deshalb, Quer- und Seiteneinsteiger systematisch zu qualifizieren und dafür bundesweit einheitliche und verbindliche Standards einzuführen. Zudem sollten Teilzeitkräfte motiviert werden, ihr Stundenvolumen aufzustocken. Darüber hinaus sollten – wie schon aktuell bei den allgemeinbildenden Schulen – Lehrer im Pensionsalter zur Weiterarbeit ermuntert werden: „Wir brauchen Anreize für Teilzeitkräfte und Pensionäre mehr beziehungsweise länger zu unterrichten“, fordert Dräger.

Andere Zahlen als die der Kultusminister

Für seine Studie „Dringend gesucht: Berufschullehrer“ hatte Klemm die Schülerzahlen aus der Prognose der KMK bis 2030 übernommen und bis zum Jahr 2035/36 fortgeschrieben. Unterschiede in den Prognosen zur KMK könnten unter anderem darauf zurück zu führen sein, dass in den Daten der KMK der Bedarf von einigen Bundesländern ab 2025 „nur fix fortgeschrieben und anscheinend nicht weiter berechnet wurde“. Zudem gehe Klemm in seinen Berechnungen von einem deutlich niedrigeren Lehrereinstellungsangebot aus als die KMK. Das liegt laut Bertelsmann Stiftung daran, dass Klemm vom derzeitigen Stand von Absolventenzahlen ausgeht. Warum die KMK andere Zahlen zugrundelegt, blieb am Sonntag offen.

Berlins Lehrer sind überdurchschnittlich alt

Klemm hat auch die bundesweiten Unterschiede beleuchtet und dafür unter anderem die Altersstruktur der Berufsschullehrer ermittelt. Dadurch fand er heraus, dass bundesweit 47,8 Prozent der Berufsschullehrer über 50 Jahre alt sind, wobei diese Altersgruppe in Brandenburg mit einem Anteil von 68,6 Prozent am größten - hier waren wegen des Geburtenrückgangs nach der Wende kaum Lehrer eingestellt worden.

Günstiger ist die Altersstruktur in Hamburg, Bremen und den westdeutschen Flächenländern mit etwa 45 Prozent in dieser Altersgruppe. Berlin liegt mit 56 Prozent weit über dem Schnitt, wird also sehr schnell sehr viel Nachwuchs brauchen ist. Im Gegenteil: Erst vor wenigen Wochen hatte eine Anfrage der Abgeordneten Regina Kittler (Linke) ans Licht gebracht, dass sich zum aktuellen Schuljahr für die Berufsschulfächer Elektrotechnik, Bautechnik, Chemie, Biologie Farbtechnik, Mathematik, Physik und Sozialpädagogik jeweils nur ein einziger Referendar beworben hatte.

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