Neue Therapierichtlinien für Bluthochdruckpatienten : Unter Druck

Herzspezialisten wollen künftig schon leicht erhöhten Blutdruck behandeln – vorsorglich.

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Behandlungsbedarf? Hoher Blutdruck erhöht das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Daher müsse auch leicht erhöhter...Foto: dpa

Mit dem Lebensalter steigt die Gefahr, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu bekommen. Unvermeidlich. Doch Rauchen und einen hohen Blutdruck haben, das sind die beiden Dinge, die das Risiko drastisch erhöhen. Und es sind Stellschrauben, an denen man drehen kann. Mit dem Rauchen aufzuhören und regelmäßig den Blutdruck zu kontrollieren, sind also höchst sinnvolle Gesundheitsempfehlungen.

Noch gesund oder schon behandlungsbedürftig?

Doch wie hoch darf der Blutdruck sein? Lebensjahre plus hundert, so lautete früher einmal die Empfehlung für den oberen, den systolischen Wert, der (als Millimeter auf der Quecksilbersäule) gemessen wird, während sich der Herzmuskel zusammenzieht. Aber einen systolischen Wert von 190 mmHg würden Ärzte heute auch bei einem Hochbetagten als bedenklich ansehen.

Auch den Älteren empfehlen US-amerikanische Herzspezialisten in ihrer neuen Leitlinie zur Hypertonie jetzt sogar Zielwerte von 130 zu 80 mmHg, falls sie (aus anderen Gründen) ein mindestens zehnprozentiges Risiko tragen, in der nächsten Dekade einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu bekommen.

Sprint-Studie belegt den Nutzen vorsorglicher Behandlung

Die Kardiologen reagieren damit auf Ergebnisse einer Untersuchung mit 9300 Teilnehmern über 50, die vor zwei Jahren wegen ihrer klaren Ergebnisse vorzeitig abgebrochen wurde. In der „Sprint“-Studie hatten Patienten mit einem vorgeschädigten Herzen sogar davon profitiert, wenn die Werte auf 120 zu 80 mmHg gesenkt wurden. Sie waren auf diese Weise besser vor Infarkten, Schlaganfällen, Herzschwäche und dem Tod durch ein Herz-Kreislauf-Leiden geschützt als Teilnehmer der anderen Gruppe, deren Zielwert 140 zu 90 mmHg betrug: Bei den Teilnehmern, deren systolischer Blutdruck sehr niedrig gehalten wurde, sank das Risiko für diese lebensbedrohlichen Leiden um ein Drittel.

Die Fachgesellschaften in Kanada, Australien und Österreich, aber auch die Internationale Hypertonie-Gesellschaft (ISH) hatten daraufhin schnell reagiert. Sie empfehlen aufgrund der Ergebnisse der „Sprint“-Studie jetzt eine intensivere Blutdrucksenkung.

Dass nun auch die US-Kardiologen mit einer Leitlinie nachgezogen haben, sorgt dort für großen Wirbel. Fast 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger über 65 Jahre haben dort Werte über den im neuen Papier dort gerade noch tolerierten 130 mmHg. Die Hochdruck-Diagnosen bei Männern unter 45 Jahren würden sich auf einen Schlag verdreifachen, bei Frauen unter 45 verdoppeln. Insgesamt hätten 103 Millionen US-Bürger nach den neuen Kriterien einen zu hohen Blutdruck, während es mit dem gnädigeren Wert von 140 zu 90 mmHg „nur“ 72 Millionen waren.

Nur Patienten mit erhöhtem Infarktrisiko sollen behandelt werden

Dass nun auf einen Schlag so viele Menschen „krank“ geschrieben würden, stimmt aber nicht ganz: Schließlich sollen die erniedrigten Zielwerte nach dem Willen der Experten nur bei denen therapeutische Konsequenzen haben, die weitere Risiken mit sich tragen. Wessen Risiko für Infarkt oder Schlaganfall niedrig ist, der könne weiterhin mit maximal 140 zu 90 mm Hg leben. Mit im Netz zugänglichen Risiko-Kalkulatoren, die auf Untersuchungen wie der großen Framingham-Studie basieren, kann jeder sein individuelles Risiko ermitteln.

Senioren schleppen dabei allein durch ihr Lebensalter schon einen weiteren Risikofaktor mit sich. Außerdem gibt es viele Menschen, die die Marke von 140 zu 90 mmHg nicht erreichen, aber trotzdem schon zahlreiche Rezepte für Blutdrucksenker ausgestellt bekommen haben. Ein großer Teil von ihnen nimmt, wie man weiß, die verordneten Mittel nicht – oder nur so lange, bis die Messwerte gesunken sind. Nicht allein wegen der Nebenwirkungen gibt es große Vorbehalte gegenüber Medikamenten, die ein Leben lang eingenommen werden müssen, obwohl man sich gar nicht krank fühlt. „Oft ist es in der Praxis nicht einfach, diese Patienten auszumachen, und auch nicht leicht, ihre Haltung zur Medikation zu ändern“, sagt Charité-Nierenexperte Walter Zidek.

Patienten nehmen ihre Medikamente nicht

Bei jedem fünften bis zehnten Patienten gelingt es den Ärzten aber auch nicht, mit gängigen Medikamenten und einer Änderung des Lebensstils die zu hohen Werte zu senken. Das ist eine frustrierende Erfahrung für Menschen, die sich gesund fühlen, trotzdem mehrere Blutdrucksenker nehmen, auf salzarmes Essen achten und es schaffen, dem Rat ihres Arztes folgend ein paar Kilo abzunehmen. „Wir benötigen Spezialisten und interdisziplinäre Zentren, um der großen Herausforderung ‚schwer einstellbare Hypertoniker‘ für Praxen und Kliniken zu begegnen“, sagt Zidek.

Den neuen strengen Zielwerten steht die Deutsche Hochdruckliga eher skeptisch gegenüber. „Sprint“ könne nur Aussagen über Menschen mit hohem Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung machen. Die große Gruppe der Diabetiker sei hier nicht berücksichtigt. Außerdem gibt es die Sorge, dass einige ältere Patienten durch drastische Senkung der Werte von Schwindel und Kreislaufproblemen bedroht wären.

Moderatere Richtlinien in Deutschland

Dazu kommt, dass die in der „Sprint“-Studie angewandte Messmethode vom Praxisalltag abweicht: Die Teilnehmer waren dafür einem Automaten anvertraut, der in einem separaten Raum stand. Ihr Blutdruck konnte also nicht durch die Anwesenheit des Arztes beeinflusst werden – ein als „Weißkittel-Hypertonie“ bekanntes Stress-Phänomen.

In ihren Empfehlungen raten die Experten deshalb nur einer kleineren Gruppe vorerkrankter Patienten dazu, die – gegenüber der US-Empfehlung etwas moderateren – Richtwerte 135 zu 85 mmHg einzuhalten. „Eine intensivere Blutdrucksenkung geht mit mehr Nebenwirkungen einher“, sagt Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. Sie mache es nötig, regelmäßig die Nierenfunktion der Behandelten zu prüfen. Für alle anderen gilt der Richtwert 140 zu 90 mmHg. Von Deutschlands Erwachsenen erreichen laut Hochdruckliga nur rund 60 Prozent dieses Ziel – ganz von selbst oder mithilfe von Medikamenten.

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