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Neues Programm "Schule macht stark" : Lesen, Schreiben und Mathe für Benachteiligte

125 Millionen Euro investieren Bund und Länder in bessere Bildungschancen für sozioökonomisch benachteiligte Schüler - mit wissenschaftlicher Begleitung.

Gestärkt werden soll unter anderem das "positive Selbstkonzept" der Schüler.
Gestärkt werden soll unter anderem das "positive Selbstkonzept" der Schüler.Foto: picture alliance / Christian Cha

Schülerinnen und Schüler, die an "Schulen in sozial schwierigen Lagen" lernen, sollen bessere Bildungschancen erhalten. Bund und Länder haben sich dazu auf das 125-Millionen-Euro-Programm "Schule macht stark" geeinigt. Es soll Grundschulen und weiterführende Schulen - von der Gemeinschaftsschule bis zum Gymnasium - in sozioökonomisch benachteiligten Stadtquartieren oder Landgemeinden helfen, ihren Unterricht so zu entwickeln, dass sich die Potenziale der Schülerschaft besser entfalten können.

"Gute Bildung muss es überall im Land geben, nicht nur in Villenvierteln, sondern auch an Orten, an denen es Familien nicht so gut geht", sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Mittwoch bei der Vorstellung des Programms in ihrem Ministerium. Den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem Bildungserfolg der Kinder und Jugendlichen aufzubrechen, sei die schwerste Aufgabe des Bildungssystems, erklärte Alexander Lorz (CDU), Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) und Bildungsminister in in Hessen.

Internationale und nationale Schulleistungsstudien wie Pisa, Timss, Iglu und der IQB-Studie für Neuntklässler zeigen, dass 20 bis 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler "aufgrund ihrer familiären Lage" Leistungen lediglich auf dem untersten Kompetenzniveau der Aufgaben erreichen, wie Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte.

Bis zu fünf Lernjahre liegen sie hinter Schülern an sozioökonomisch begünstigten Schulen zurück. Dagegen hätten Schulen, Bildungsforschung und -politik "keine Rezepte gefunden", sagte Rabe, der in der KMK für die SPD-regierten Länder spricht. "Bislang fehlen Hinweise, was wirklich wirkt."

Niedriger ökonomischer, sozialer und kultureller Status

Das soll sich mit "Schule macht stark" ändern. Das Programm hat eine Laufzeit von zehn Jahren. In der ersten, fünfjährigen Phase werden bundesweit 200 Schulen wissenschaftlich bei ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung beraten, heißt es in einem Papier der KMK und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Gleichzeitig sollen sich die Schulen mit ihrem Umfeld vernetzen, also etwa mit Kitas, Kultureinrichtungen und Unternehmen, und sich untereinander austauschen.

Ausgewählt werden die Schulen von den Bildungsministerien der 16 Länder. Sozioökonomisch benachteiligte Schulen sind solche, die nach dem Pisa-Index des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Status der Elternschaft im untersten Quartil liegen. Häufig kommt ein hoher Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund dazu.

Bei der Schul- und Unterrichtsentwicklung soll es dann darum gehen, dass die Kinder und Jugendlichen die Lernziele ihrer jeweiligen Schulstufe und Schulart erreichen. Insbesondere "fehlende Basiskompetenzen" und damit Lese- und Schreibkompetenzen in Deutsch sowie die Mathematik-Kenntnisse sollten aufgearbeitet werden, heißt es. Gestärkt werden sollen aber auch das "positive Selbstkonzept" der Schüler sowie soziale Fähigkeiten.

Länder können laufende Programme verrechnen

In der zweiten Phase ab 2025 werden die an den Modellschulen entwickelten Konzepte wissenschaftlich evaluiert. Die "praxistauglichen" Strategien sollen dann an andere Schulen in ähnlichen Problemlagen weitergegeben werden.

Die Länder finanzieren mit 62,5 Millionen Euro die Unterstützung der Schulen - in der ersten Phase stehen dafür jährlich fünf Millionen Euro zur Verfügung. In der zweiten Phase sind es 7,5 Millionen Euro. Allerdings hieß es auf Nachfrage des Tagesspiegels, dass die Länder hierbei ihre bereits für "Brennpunktschulen" laufenden Programme verrechnen können. Wer mit solchen Zusatzprogrammen - zusätzliche Fachkräfte, Lern- und Coachingangebote und externe Beratung - schon heute über den jeweiligen Länderanteil hinausgehe, müsse nicht zusätzlich investieren, betonte Rabe.

Neu für alle Schulen ist die wissenschaftliche Begleitung der Maßnahmen. Sie wird mit insgesamt 62,5 Millionen Euro vom Bund finanziert. Interdisziplinäre Expertenteams sollen die Schulen so begleiten und beraten, dass sie zusätzliche Angebote entwickeln können. Zusätzlich soll die Wirksamkeit der Konzepte untersucht werden. "Noch im Herbst" werde der Bund einen großen Forschungsverbund ausschreiben, der die 200 Schulen betreut, teilte das BMBF mit.

Ähnliches Programm für Leistungsstarke seit 2018

Vorbild für "Schule macht stark" ist das offiziell im Januar 2018 gestartete Bund-Länder-Programm "Leistung macht Schule". Dabei werden mit 125 Millionen Euro für zehn Jahre besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler gefördert. Die wissenschaftliche Begleitung leistet hier ein Forschungsverbund mit rund 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von 16 Universitäten bundesweit.

Müssten die sozial benachteiligten Schüler aufgrund der Größe und gesellschaftlichen Relevanz dieser "Risikogruppe" nicht viel stärker gefördert werden als die Hochbegabten? Ties Rabe sprach von einer "in etwa gleich großen Zielgruppe" für die beiden Bund-Länder-Programme. Zwar machten Hochbegabte nur zwei Prozent der Schülerschaft aus, mit "Leistung macht Schule" wolle man aber auch die 15 bis 20 Prozent besonders leistungsstarken Schülerinnen und Schüler erreichen.

"Viele unerkannte Talente" säßen in den Klassenzimmern, hatte die Anfang 2018 noch amtierende Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) erklärt. Deshalb seien alle Schulformen beteiligt - und auch solche mit einem hohen Migrantenanteil sowie sozial benachteiligten Kindern. Theoretisch also könnten ab 2020 beide Programmschienen in einer Schule gleichzeitig ihre Wirkung entfalten.

Kritik an "halbherzigem" Programm

Der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, nannte die neue Bund-Länder-Initiative "halbherzig". Zur Frage, wie der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzubrechen ist, hätte die KMK längst evaluierte Ergebnisse vorlegen müssen, "die man in die Fläche tragen kann". Mit "Schule macht stark" könne der Transfer an alle Schulen erst 2026 beginnen. "Bis dahin haben wir wieder eine Schülergeneration verloren", kritisierte Beckmann.

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