Wer durch Internet-Sucht gefährdet ist

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Online-Sucht bei Kindern und Teenagern : Hilfe für die digital verwahrloste Jugend

Das Leben im Internet erscheint ihnen vertrauter, beherrschbarer als das reale Leben, in dem sie mit Anforderungen von Menschen konfrontiert sind, die sie nicht einfach so wegklicken können. Im Extremfall verlassen die Betroffenen – Bert te Wildt schildert zahlreiche derartige Fälle – das Haus überhaupt nicht mehr freiwillig. Auch wenn es hierzulande, anders als in China und Südkorea, noch keine Todesfälle gegeben hat: Auf dem Eltern-Selbsthilfeportal www.rollenspielsucht.de schildern Mütter und Väter sehr plastisch ihre Verzweiflung über Kinder, die, womöglich bereits erwachsen und allein lebend, in eine totale Verwahrlosung abgleiten.

Drei Varianten der Internetabhängigkeit

Drei typische Varianten der Internetabhängigkeit kristallisieren sich heraus: Online-Rollenspiele – vor allem bei jungen Männern; soziale Netzwerke – vor allem bei jungen Frauen; und Cybersex – vor allem bei Männern mittleren Alters. Bert te Wildt analysiert Spiele mit hohem Suchtpotenzial wie „World of Warcraft“, „Counterstrike“ und „Call of Duty“ und deren raffinierte Belohnungssysteme, mit denen sie die Spieler anfixen und dazu bringen, immer mehr Zeit in der virtuellen Welt zu verbringen, bis die reale Welt völlig in den Hintergrund tritt. Wie bei Alkohol und Tabak stehen dahinter massive wirtschaftliche Interessen. Die Games-Industrie feiert Computerspiele, etwa bei der am 6. August anstehenden „Gamescom“ in Köln, als „Wirtschaftsfaktor, Innovationstreiber, Lernwerkzeug und Kulturgut“; zu erwähnen, dass bestimmte Spiele ein besonders hohes Suchtpotenzial haben, würde das rosige Bild stören. Bert te Wildt fordert unter anderem ein Gütesiegel für unbedenkliche Internetanwendungen und Computerspiele. Und: „Bei der Altersfreigabe von Computerspielen sollte deren Suchtpotenzial mit einfließen.“

Anfällig sind labile Jugendliche

Wer ist gefährdet? Sicher nicht der 16-Jährige, der im Handballverein aktiv ist, Freunde hat, in der Schule mitkommt und hin und wieder mal eine Nacht durchspielt. Anfällig sind labile Jugendliche, bei denen bereits ADHS, Depressionen oder Angsterkrankungen diagnostiziert wurden, die Ausgrenzung erfahren haben oder aus anderen Gründen unglücklich sind, denen es schwerfällt, Freundschaften aufzubauen. Schwierige Familienverhältnisse können auch ein Grund sein, aber Bert te Wildt warnt davor, die Eltern zu stigmatisieren. Sicherlich sollten Eltern auf die Mediennutzung ihrer Kinder einwirken (lesen Sie hier Tipps, welche Strategien am besten wirken). Aber die Eltern, die in seine Ambulanz kommen, haben meist schon sehr vieles vergeblich versucht. Dass eins ihrer Kinder in die Sucht abrutscht, während sich die anderen völlig normal entwickeln, macht sie ratlos.

Individuelle Therapien sind nötig

Entsprechend individuell muss die Therapie ausfallen. Je länger die Internetabhängigkeit unbehandelt bleibt, desto schwieriger werde die Therapie, schreibt Bert te Wildt und bietet einen Überblick über Beratungsstellen, stationäre und ambulante Behandlungsmöglichkeiten. Wie bei anderen Süchten gibt es die Gefahr der Suchtverschiebung und von Rückfällen. In der Therapie geht es darum, die Computerzeiten zu begrenzen, in vielen Fällen ist eine zeitweise totale Abstinenz nötig, die zu heftigen Entzugserscheinungen führen kann. Gleichzeitig gilt es, den Jugendlichen alternative Tätigkeiten zu erschließen sowie ihr Selbstvertrauen zu stärken, damit sie sich auf die reale Welt einlassen können. Körpertherapeutische Ansätze können ebenfalls helfen, überhaupt Sport jeder Art, damit sich die Jugendlichen überhaupt wieder spüren.

Bedauerlich allerdings für ungeduldige Eltern: Drill Camps wie in China gibt es hierzulande nicht – und drei Monate reichen zur Heilung der Sucht nicht aus.

- Bert te Wildt: Digital Junkies: Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder. 384 Seiten, Droemer Knaur Verlag, 2015, 19,90 Euro. Bert te Wildt spricht am 30. September in der Urania.

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