Orientierungsstudiengänge in Berlin : Ohne Druck an die Uni

Studieren, aber was genau? Ein einjähriges Orientierungsstudium kann Abiturienten bei der Wahl helfen. In Berlin bieten TU und FU entsprechende Programme an.

Einfach mal ausprobieren. MINTgrün-Studierende der TU Berlin bauen im Projektlab einen Roboter.
Einfach mal ausprobieren. MINTgrün-Studierende der TU Berlin bauen im Projektlab einen Roboter.Foto: TU Berlin/David Ausserhofer

Mit dem Abitur kommen die großen Fragen. Welcher Studiengang ist der richtige? Ist ein Studium überhaupt sinnvoll, soll es eine Universität oder eine Fachhochschule sein – oder doch lieber eine Ausbildung? Bei diesen wegweisenden Entscheidungen helfen können sogenannte Orientierungsstudiengänge.

Sie ermöglichen es, nach dem Abi ein Jahr lang einen Einblick in den Unialltag und die verschiedenen Fachbereiche zu bekommen. In Berlin bieten die Technische und die Freie Universität bereits Orientierungsstudiengänge an und in Potsdam startet die Philosophische Fakultät der Uni im Herbst eine Orientierungsphase für unentschlossene Abiturienten.

„Das Einführungsstudium hat mir wahnsinnig geholfen, mich an einer Universität zurechtzufinden, ohne den Druck zu haben, gleich funktionieren zu müssen und gute Noten zu schreiben“, sagt Helena von Beyme. Sie hat 2018 in Berlin ihr Abitur gemacht und sich entschieden, erst einmal im Programm EinS@FU zu studieren, das die FU seit dem Wintersemester 2017/18 anbietet.

Abiturienten können sich momentan für die Fachbereiche Philosophie und Geisteswissenschaften, Geschichte und Kultur sowie Naturwissenschaften bewerben, es steht ihnen aber auch frei, Kurse aus den anderen Bereichen zu belegen. Eine Besonderheit des Studiengangs ist die intensive Betreuung durch professorale und studentische Mentoren.

Hohe Bewerberzahlen

Der Philosophieprofessor Georg Bertram ist einer dieser Mentoren und hat den Studiengang an seiner Fakultät mitkonzipiert. „Es ist wichtig, dass die Studierenden klare Vorstellungen davon haben, was sie erwartet“, sagt Bertram. Die Universität werde immer unübersichtlicher.

Ein Orientierungsstudiengang könne helfen, herauszufinden, welches Fach aus dem breiten und zunehmend spezialisierten Studienangebot zu einem passt. Bislang sei EinS@FU auch eine Möglichkeit für kleinere Fächer, sich den jungen Studierenden vorzustellen. Bertram hofft aber, dass bald alle Fakultäten der FU mit Ausnahme der Medizin teilnehmen.

Dass der Studiengang gut ankommt, zeige die hohe Bewerberzahl. Die 190 verfügbaren Plätze waren schnell vergeben, der NC im Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften lag letztes Jahr bei 2,4.

Alle Zeit der Welt, den eigenen Weg zu finden

Helena von Beyme hat sich für die Fachrichtung Geschichte und Kultur entschieden. Im EinS@FU-Studium konnte sie verschiedene Kurse gemeinsam mit den regulären Studierenden besuchen und Klausuren oder Hausarbeiten schreiben. Gleichzeitig gab es Orientierungsmodule und eine Ringvorlesung nur für die EinS@FU-Studierenden, wo Vertreter verschiedener Fachbereiche ihre Disziplinen vorstellen.

Anfangs hatte von Beyme noch nicht das Gefühl, dass der Studiengang ihr bei der Entscheidung helfen könnte. „Ich dachte, das verwirrt mich nur noch mehr“, sagt sie. Doch besonders die Lernwerkstatt, in der sie über Liebeslyrik von Petrarca arbeitete, habe ihr großen Spaß gemacht. So kam sie zu der Entscheidung, Romanistik zu studieren.

Allerdings nicht an der FU, sondern an einer Uni außerhalb von Berlin. Studierende von EinS@FU müssen sich nach dem Jahr erneut bewerben, bereits erbrachte Studienleistungen können aber angerechnet werden.

Mit der Entscheidung Zeit lassen

„Ich kann jedem, der unsicher ist, empfehlen, sich den Studiengang anzugucken“, sagt von Beyme. Ihr Rat an Abiturienten ist, sich keinen Stress zu machen und sich mit der Entscheidung Zeit zu lassen. Das sieht auch Ulrike Niederschuh so. Die 20-Jährige entschied sie sich nach ihrem Abitur 2016, ein Jahr lang MINTgrün zu studieren, den Orientierungsstudiengang der TU Berlin.

Inzwischen studiert sie im vierten Semester Maschinenbau an der TU und arbeitet als Mentorin für MINTgrün-Studierende. Für Naturwissenschaften hatte sich Niederschuh schon immer interessiert.

Aber ob sie Medizin, Maschinenbau oder doch Ingenieurswissenschaft studieren wollte, war ihr nach dem Abi noch unklar. „Ich hatte einfach zu viele Ideen“, sagt Niederschuh. Dass sie ihr Abi mit gerade einmal 17 Jahren gemacht hat, hätte ihr die Entscheidung zum Orientierungsstudium erleichtert. „Ich wusste, dass ich alle Zeit der Welt habe, um meinen Weg zu finden.“

MINTgrün-Studierende auf Exkursion. Sie messen Mikroplastik in Berliner Gewässern.
MINTgrün-Studierende auf Exkursion. Sie messen Mikroplastik in Berliner Gewässern.Foto: Lena Mehnert/TU Berlin

Dass Abiturienten immer jünger werden, ist einer der Gründe, warum Orientierungsstudiengänge sinnvoll sind, sagt Christian Schröder, der Projektleiter von MINTgrün. Im Jahr 2017/18 lag der Schnitt der Abiturienten bei 19 Jahren, im Jahr 2000 noch bei 21,5 Jahren. Die TU Berlin war 2012 eine der ersten Universitäten Deutschlands, die einen Orientierungsstudiengang einführten, inzwischen gibt es bundesweit etwa 50 weitere.

Größter Orientierungsstudiengang Deutschlands

Bei den Studienanfängern gebe es eine Gruppe der Unsicheren, die in der Regel länger studieren, das Fach häufiger wechseln oder ganz abbrechen, erläutert Schröder. Orientierungsstudiengänge könnten das verhindern. Mit etwa 600 Studierenden ist MINTgrün der mit Abstand größte Orientierungsstudiengang in Deutschland.

Studierende können dort ein Orientierungsmodul, reguläre Kurse der TU sowie praktische Projektlabore belegen. 75 Prozent der MINTgrün-Studierenden bleiben bei MINT-Fächern, 20 Prozent entscheiden sich für ein anderes Studium und etwa fünf Prozent für eine duale Berufsausbildung.

Einen zweiten Grund für Orientierungsstudiengänge sieht Schröder in der stark angestiegenen Zahl von Studiengängen. Während es im Jahr 2000 noch etwa 4000 Studiengänge gab, sind es im Jahr 2019 bereits 19 000 Master- und Bachelorstudiengänge in Deutschland. „Es wird immer schwieriger, da durchzublicken und sich zu entscheiden“, sagt Schröder.

Das sieht Ulrike Niederschuh genauso. „Ich erinnere mich besonders stark an das Gefühl, mir endlose Studiengangsbeschreibungen auf dem Laptop durchzulesen und keine Ahnung zu haben, was das bedeutet“, sagt die ehemalige MINTgrün-Studentin. „Eine Lebensentscheidung auf der Basis einer so schlechten Faktenlage treffen zu müssen, hat sich nicht gut angefühlt.“

Austausch mit "echten" Studierenden

Eins der Highlights ihres Orientierungsstudiums war das Projektlabor Robotik. Gemeinsam mit ihrer Gruppe entwickelte Niederschuh dort einen Roboter, der den Mund im Gesicht eines Menschen erkennen und mit Druckluft ein Marshmallow hineinschießen kann. „Das Basteln und die Teamarbeit haben mir unglaublich viel Spaß gemacht“, erzählt Niederschuh.

Sie habe während des Studiums gemerkt, dass der Studiengang vielen Menschen mit unterschiedlichen Problemen weiterhelfen kann. Einer ihrer Freunde konnte klären, ob das System Universität überhaupt etwas für ihn ist.

Andere hätten Angst gehabt, mit ihrem Schulwissen an der Uni nicht zu bestehen. Sie konnten einfach mal zur Probe studieren. Ulrike Niederschuh selber ging es bei MINTgrün auch darum, sich mit „echten“ Studierenden aus verschiedenen Fächern auszutauschen und zu erfahren, wie sie sich für eine Richtung entschieden haben. „Ich hatte Zeit, mich selbst in einer ganz neuen Rolle als Studentin kennenzulernen“, sagt Niederschuh. Nach dem Orientierungsstudium sei sie sich deshalb wirklich sicher gewesen, dass Maschinenbau das Richtige für sie ist.

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