• Pflanzenspuren verraten Ötzis Alpenroute : Gletschermumie hatte keimtötendes Moos im Darm

Pflanzenspuren verraten Ötzis Alpenroute : Gletschermumie hatte keimtötendes Moos im Darm

Reste von 75 verschiedenen Moosarten haben Forscher an und im Körper der Gletschermumie Ötzi gefunden. Viele der Pflanzen existieren dort heute nicht mehr.

Stefan Parsch
Ötzis Mumie liegt im Archäologie Museums Südtirol in Bozen.
Ötzis Mumie liegt im Archäologie Museums Südtirol in Bozen.Foto: Südtiroler Archäologiemuseum/EURAC/Marco Samadelli-Gregor Staschitz/dpa

75 Arten von Moosen haben Biologen in und an der Gletschermumie Ötzi sowie an ihrem Fundort in den Alpen identifiziert. Ein Drittel der Moose wächst nicht in der Höhe des Fundorts.

Sie gibt Auskunft darüber, über welche Route Ötzi vor etwa 5250 Jahren zu der über 3200 Meter hohen Stelle an der Grenze von Österreich und Italien gelangte, an der seine Überreste gefunden wurden. Das berichten Forscher um James Dickson von der University of Glasgow in der Fachzeitschrift „PLOS One“.

Die Gletschermumie war 1991 in den Ötztaler Alpen in Südtirol gefunden worden. Seitdem haben etliche Untersuchungen die Umstände seines Todes und Ereignisse während seiner letzten Tage weitgehend rekonstruiert.

Von der Analyse sämtlicher Moosbestandteile erhofften Dickson und Kollegen, mehr über ihre Verbreitung vor über 5000 Jahren herauszufinden und zudem frühere Aufenthaltsorte von Ötzi zu identifizieren.

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Nur 21 der 75 Arten wachsen heute noch in der unmittelbaren Umgebung des Fundortes. Insgesamt können etwa zwei Drittel der Moosarten in der Höhenregion leben, in der der Boden die meiste Zeit des Jahres schneebedeckt ist. Moosteile in der Nähe der Mumie könnten durch große Tiere wie Steinböcke oder Ziegen sowie durch Schmelzwasser an den Fundort gelangt sein.

Einen Transport von Moosfetzen durch den Wind über eine größere Entfernung schließen die Wissenschaftler weitgehend aus.

Im Darm fand sich ein Moos mit keimtötender Wirkung

Für Überraschung sorgte in einer Probe aus Ötzis Darm der Fund des Torfmooses Sphagnum affine, das heute nicht mehr in Südtirol wächst. Das Moos könnte früher im nahe gelegenen Vinschgau heimisch gewesen sein, weil es dort ausgedehnte Moore gab.

20 Jahre Ötzi
So könnte der Mann, der heute Ötzi heißt, vor 5300 Jahren ausgesehen haben. Gefunden wurde er...Weitere Bilder anzeigen
1 von 25Foto: South Tyrol Museum of Archaeology, Ochsenreiter
16.09.2011 15:22So könnte der Mann, der heute Ötzi heißt, vor 5300 Jahren ausgesehen haben. Gefunden wurde er...

„Hätte er seine absorbierenden, keimtötenden Eigenschaften gekannt, hätte der Mann aus dem Eis es dort auf 800 Metern über dem Meeresspiegel sammeln können“, schreiben die Forscher. Bei einem weiteren Moos, Hymenostylium recurvirostre, vermuten sie, dass Ötzi es mit dem Trinkwasser aufgenommen haben könnte.

Die Moose an Ötzis Kleidung und Ausrüstung bestätigen aus früheren Untersuchungen gewonnene Erkenntnisse zu Ötzis letzter Route. So hat er sich vermutlich im Vinschgau aufgehalten, bevor er über das Schnalstal bis in die Nähe des heutigen Ortes Kurzras auf etwas über 2000 Metern aufgestiegen ist.

Im Mikroskop lässt das 5300 Jahre alte Moos, das an und in der Gletschermumie Ötzi gefunden wurde, der Art Neckera complanata, dem Glatten Neckermoos, zuordnen.
Im Mikroskop lässt das 5300 Jahre alte Moos, das an und in der Gletschermumie Ötzi gefunden wurde, der Art Neckera complanata, dem...Foto: Klaus Oeggl

„Es scheint rätselhaft, dass er den anstrengendsten Weg durch eine Schlucht genommen hat, aber angesichts von Szenarien, dass er auf der Flucht war, bot eine Schlucht die besten Möglichkeiten, sich zu verstecken“, schreiben die Autoren. Später gelangte er zu jener Stelle, an der ihn ein Pfeil in den Rücken traf.

Insgesamt stellt das Team – darunter Forscher der Universität Innsbruck und des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik im bayerischen Valley – fest, dass die Moosflora vor über 5000 Jahren der heutigen sehr ähnelte. Allerdings steht die Häufung des Zottigen Zackenmützenmooses (Racomitrium lanuginosum) in den 200 Proben von der Mumie und dem Fundort im Kontrast zum heutigen, eher spärlichen Vorkommen dieser Art.

Weil weitere feuchtigkeitsliebende Moosspezies in den Proben deutlich häufiger sind als in der gegenwärtigen Landschaft, gehen die Forscher davon aus, dass die Gegend früher feuchter war als heute. (dpa)

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