Pflege als Bachelor-Studiengang : „Der Beruf ist komplexer geworden“

An der Alice-Salomon-Hochschule startet ein Pflege-Studiengang. Koordinator Gräske über neue Perspektiven für das Personal in Kliniken und Pflegeheimen.

Vor einem Krankenzimmer auf einer Intensivstation bekleiden sich zwei Pflegepersonen mit Schutzkleidung.
Gerade in Zeiten der Pandemie sind Pflegende fachlich besonders herausgefordert.Foto: Marcel Kusch/dpa

An der Alice Salomon-Hochschule startet im kommenden Wintersemester der Bachelorstudiengang Pflege. Koordiniert wird er von Johannes Gräske, seit 2019 Professor für Pflegewissenschaften an der ASH. Gräske, 43, hat eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert und an der ASH Pflegemanagement und an der Charité Epidemiologie studiert. An der Charité wurde er auch promoviert. Anschließend arbeitete er als Krankenpfleger und als wissenschaftlicher Mitarbeiter. 2016 wurde er an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes zum Professor berufen - und wechselte dann nach Berlin. Das Interview mit ihm führte Caspar Schwietering.

Herr Gräske, warum muss die Pflege an einer Hochschule gelehrt werden?
Wir sehen gerade während der Corona-Pandemie, wie notwendig es ist, dass sich Pflegende schnell auf neue Situationen einstellen. Wir brauchen Leute, die auch aus pflegerischer Sicht Daten erheben und interpretieren. Der Pflegeberuf ist insgesamt komplexer geworden. Wie lese ich eine Studie und transferiere die in meinen Pflegealltag? Jemand muss als Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis fungieren und die Erkenntnisse der Wissenschaft sprachlich für die Kolleg*innen ohne Hochschulstudium herunterbrechen.

[Dieses Interview erschien zu erst im Leute-Newsletter Marzahn-Hellersdorf. Diesen und andere Bezirks-Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Werden Ihre Studierenden später im Beruf also zusätzliche Aufgaben übernehmen und auch besser verdienen?
Unsere ersten Absolventen müssen da sicher auch Pionierarbeit leisten. Sie müssen ihren Arbeitgebern zeigen, dass sie mehr leisten können, und eine entsprechende Bezahlung einfordern. Viele Pflegende übernehmen im Alltag schon heute häufig Aufgaben von Ärzten, nur werden sie dafür dann nicht bezahlt.

Ein Porträtbild von Johannes Gräske.
Johannes Gräske, Professor für Pflegewissenschaften an der Alice-Salomon-Hochschule.Foto: ASH

Der Studiengang Pflege ist neu in Deutschland. Wie haben Sie entschieden, was die Studierenden lernen?
Das Studium an der Alice-Salomon-Hochschule wird zwei Schwerpunkte haben. Die Gerontologie – das heißt für uns die Pflege alter Menschen – und den Aspekt Diversity. Dabei wird es darum gehen, was Pflegende beachten müssen, wenn sie mit Menschen mit Migrationshintergrund oder queeren Menschen arbeiten oder sie pflegen.

[Lesen Sie auch unseren Bericht über den neuen Pflegestudiengang an der Charité: Ein Bachelor für Pflegende]

Wie wichtig ist die Praxis?
Wir haben dafür zwei Skills-Labs eingerichtet, in denen die Studierenden die Abläufe üben können. Das eine Lab bildet ein Krankenhauszimmer und das andere eine Einzimmerwohnung ab, dort haben wir eine reale Versorgungssituation nachgebildet. An Puppen oder auch aneinander lernen die Studierenden dann Handgriffe wie Blutabnehmen. Zusätzlich erproben wir, ob Virtual- oder Augmented-Reality-Übungen zum Lernerfolg beitragen. Anschließend gehen die Studierenden für Praktika in Krankenhäuser und ambulante Pflegedienste.

Stört die Corona-Pandemie Ihre Lehre nicht gleich im ersten Semester erheblich?
Gar nicht mal so sehr, denn wir werden ein Hybridsemester haben. Viele Kurse laufen zwar online, aber einzelne Module und Seminare können im Präsenzunterricht stattfinden. Wir werden das nutzen, damit sich unsere Studierenden im ersten Semester kennenlernen und damit sie in den Skills-Labs arbeiten können.

Wie sind die Pflegenden in Berlin durch die erste Welle der Corona-Pandemie gekommen? Sie haben dazu eine Befragung gemacht.
Es gab vereinzelt Probleme bei der Schutzausrüstung. Das allgegenwärtige Problem des Personalmangels spielte ebenfalls eine Rolle. Ein flacherer Verlauf der Pandemie im April hat verhindert, dass sich dieser besonders schlimm ausgewirkt hat. Es fehlten besonders Pflegekräfte in der Intensivpflege, die sich mit Beatmung auskennen. Das ist aber ein Mangel, der sich nicht so schnell beheben lässt.

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