Präsident oder Präsidentin : Die FU Berlin hat die Wahl

Wer leitet künftig die Freie Universität Berlin? Was für Favorit Günter M. Ziegler sprechen könnte – und was für Herausforderin Tanja Brühl.

Neue Führung. Am 2. Mai 2018 wählt die FU eine neue Leitung.
Neue Führung. Am 2. Mai 2018 wählt die FU eine neue Leitung.Foto: Thilo Rückeis

Wie sicher ist es, dass der Mathematiker Günter M. Ziegler am 2. Mai zum FU-Präsidenten gewählt wird? Bisher galt er als klarer Favorit. Schließlich hat ihn die größte Professorenliste im Akademischen Senat (AS) vorgeschlagen, die Vereinte Mitte. Der Mathematiker kennt die FU, er ist in der Lage, erfolgreich Exzellenzanträge zu formulieren und er wäre wegen seines Ansehens in der Wissenschaft ein geeignetes Aushängeschild für die FU.

Auch hat die FU in ihrer siebzigjährigen Geschichte ihre Präsidenten immer aus den eigenen Reihen und noch nie von außen rekrutiert. Damit ist sie im Wesentlichen gut gefahren.

Unter diesen Umständen war die Politologin Tanja Brühl, die Vizepräsidentin der Universität Frankfurt am Main, als Außenseiterin ins Rennen gegangen. Wie Ziegler ist sie dabei, mit den Gruppen zu sprechen. Aus der FU heißt es, das Rennen sei offener geworden, für Ziegler werde es kein „Homerun“.

"Ich bin gespannt, wie es ausgeht", sagt ein Mitglied des Akademischen Senats

„Tanja Brühl ist eine sehr interessante und potente Kandidatin“, sagt der Pharmazeut Peter Witte, der im AS die wissenschaftlichen Mitarbeiter vertritt und zur Liste GEW-Mittelbauinitiative gehört. „Sie hat Leitungserfahrung. Und was besonders gut ankommt: Sie ist sehr dialogorientiert. Umgehen mit Leuten – das kann sie.“ Letzteres zeichne allerdings auch Ziegler aus.

„Ich bin noch unentschieden“, sagt ein AS-Mitglied, das nicht namentlich genannt werden will. Beide Kandidaten hätten ihre Vor- und Nachteile. Entsprechend offen sei die Wahl: „Ich bin gespannt, wie es ausgeht.“

Mit Brühl liebäugeln dem Vernehmen nach auch solche AS-Mitglieder, die die FU nach 70 Jahren einmal unter weiblicher Führung erleben wollen. Erst recht, weil der Rechtswissenschaftler Klaus Hoffmann-Holland Erster Vizepräsident werden will.

Denn würde Ziegler Präsident, könnten Frauen nur noch die drei nebenamtlichen Vizeposten im Präsidium besetzen. Hoffmann-Holland sei wegen seiner von manchen als zu forsch empfundenen Bewerbung im AS auf Kritik gestoßen, ist zu hören.

Doch zu einer Kampfabstimmung – als mögliche Erste Vizepräsidentinnen gehandelt wurden die Theaterwissenschaftlerin Doris Kolesch sowie die Japanologin Verena Blechinger-Talcott – kam es nicht.

Neben solchen Erwägungen, die für Brühl sprechen könnten, gibt es jedoch auch strategische Überlegungen, die die AS-Mitglieder für Ziegler einnehmen könnten. Brühl treffe in einer Situation auf die FU, in der das gesamte Präsidium ausgewechselt werde – nur noch Hoffmann-Holland, der schon vorher Vizepräsident war, bürge für Kontinuität, wird gesagt. Die neue Kanzlerin Andrea Bör sei erst noch dabei, sich „reinzufuchsen“ und die Routine ihres Vorgängers Peter Lange zu erwerben.

Tanja Brühl, Politologin und Vizepräsidentin der Universität Frankfurt.
Tanja Brühl, Politologin und Vizepräsidentin der Universität Frankfurt.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Unterdessen befindet sich die FU einmal mehr in einer Runde des außerordentlich wichtigen Exzellenzwettbewerbs: „Zu diesem Zeitpunkt sind nicht nur Kenntnisse der FU, sondern auch der Berliner Hochschullandschaft und -politik wichtig“, sagt denn auch Kolesch, die Sprecherin von Zieglers Liste im Akademischen Senat, der Vereinten Mitte.

Auch Reinhard Bernbeck von der zweitgrößten Professorenliste, dem Dienstagskreis, meint, für die Wahlentscheidung sei es bedeutsam, wem eine erfolgreiche Bewerbung in der Exzellenzinitiative eher zugetraut werde. Und weil sich die drei Berliner Universitäten im Verbund bewerben, müsse die zukünftige Leitung auch die Interessen der FU gegenüber den beiden anderen Unis gut vertreten.

Zum Beispiel müssten die Vertretungsbüros der FU in aller Welt erhalten bleiben, sagt Bernbeck: „Es wird durch den Verbund manches infrage gestellt werden. Das müssen wir verteidigen.“ Dass Günter M. Ziegler als interner Kandidat die FU besser verteidigen kann als Tanja Brühl, sagt Bernbeck aber nicht: „Sowohl der Kandidat als auch die Kandidatin sind überzeugend.“

Günter M. Ziegler, Mathematiker an der FU Berlin.
Günter M. Ziegler, Mathematiker an der FU Berlin.Foto: Mike Wolff

Natürlich interessieren sich die einzelnen Gruppen und Listen auch dafür, welche weiteren Anliegen sie mit der zukünftigen Leitung umsetzen können. So wünscht man sich im Mittelbau, bei den sonstigen Mitarbeitern sowie beim Dienstagskreis, dass das Präsidium den AS nicht länger mit fertigen Entscheidungen konfrontiert, sondern ihn schon vorab einbindet.

Der jetzige Präsident Peter-André Alt habe zwar „schön moderiert“ und dem AS „Powerpoint-Präsentationen vorgeführt“. Entscheidungen seien aber woanders getroffen worden. Dies habe das Präsidium damit begründet, Strategien der FU dürften nicht vorzeitig öffentlich werden.

Der Dienstagskreis schlägt außerdem vor, eine Ombudsperson zu etablieren, die interne Konflikte – etwa um Räume, Forschungsmöglichkeiten oder Berufungen – schlichtet.

Für den Mittelbau mehr Dauerstellen

Gruppenübergreifend werden Maßnahmen der Personalentwicklung gefordert: für den Mittelbau mehr Dauerstellen und mehr Sicherheit für schwangere Wissenschaftlerinnen, die mit Drittmitteln forschen, für Professoren „Transparenz und Fairness“ bei der Vergabe von Dauerstellen im Tenure-Track, für Verwaltungsmitarbeiter Aufstiegschancen auch in ihrem eigenen Bereich.

Die Präsidentin oder der Präsident wird vom Erweiterten Akademischen Senat bestimmt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der 61 Mitglieder auf sich vereinigt. Gelingt dies am 2. Mai auch im zweiten Wahlgang nicht, reicht im dritten Wahlgang die einfache Mehrheit. Zieglers Liste, die Vereinte Mitte, hat 20 Stimmen. Einen Umschwung hin zu Brühl kann Listensprecherin Kolesch dort nicht erkennen. Der Pharmazeut Peter Witte prognostiziert, dass Ziegler es gleich im ersten Wahlkampf schafft: „Ein Sieg à la Putin wird es aber nicht.“

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

2 Kommentare

Neuester Kommentar