Präsidentenwahlen an der FU Berlin : Zieglers Formel

Er gilt als Popstar der Mathematik. Jetzt strebt Günter M. Ziegler an die Spitze der Freien Universität. Er könnte Deutschlands erster (offen) schwuler Uni-Präsident werden

Cool und schwul. Ziegler ist witzig und schlagfertig. Im Fernsehen brachte der Professor Stefan Raab aus dem Konzept, in dem er den Entertainer duzte. Mit seinem Mann lebt er im Schöneberger Kiez.
Cool und schwul. Ziegler ist witzig und schlagfertig. Im Fernsehen brachte der Professor Stefan Raab aus dem Konzept, in dem er...Foto: Mike Wolff


22/7 ist Günter M. Zieglers Lieblingsbruch. Er ergibt ungefähr Pi. Da trifft es sich gut, dass sich Pi in roter Farbe über das ganze FU-Mathegebäude in der Dahlemer Arnimallee hinzieht: 3,141592653589793238462643383279… Zufrieden ist Ziegler auch mit der markanten Nummer seines Zimmers in der Villa direkt nebenan: 007. Verschmitzt lächelnd macht er Besucher darauf aufmerksam. Der Professor für Mathematik blickt von seinem Schreibtisch in den Garten, im Rücken hat er Regale, auf denen nicht nur Bücher, sondern auch geometrische Figuren stehen. Ziegler erforscht vierdimensionale Polyeder, ein Gebiet, auf dem die Mathematik viele grundlegende Fragen noch nicht klären konnte, wie er sagt: „Es ist ein Stochern im Nebel.“ Ziegler plant eine Landkarte für den großen Überblick. Daraus dürfte so schnell allerdings nichts werden, das ist ihm klar. Denn erstmal will er Präsident der FU werden.

Dass der 54-Jährige am 2. Mai gewählt wird, gilt als sehr wahrscheinlich. Die FU dürfte sich glücklich schätzen, einen dermaßen renommierten Wissenschaftler in ihren Reihen zu haben, der zugleich noch ein umgänglicher Mensch und bereit ist, sich in die Verantwortung zu begeben. Wie es zu seiner Kandidatur kam? Ziegler zitiert Georgette Dee: „Nein, ich wollte nie ein Star werden, man hat mich gebeten, hier aufzutreten.“ „Machst du das?“, hätten Kollegen ihn gefragt, als im Herbst Eingeweihten bekannt wurde, dass FU-Präsident Peter-André Alt keine dritte Amtszeit anstrebt. „Ich war zuerst verwundert, habe kurz nachgedacht und mich dann gerne dafür entschieden.“ Er freut sich auf die „große und spannende Aufgabe“.

Ziegler war sein ganzes Leben lang ehrgeizig. Seine Laufbahn hat er auf der Überholspur absolviert. Die dritte Klasse seiner Grundschule in München überspringt er. Als Gymnasiast siegt er zweimal im Bundeswettbewerb Mathematik, einmal auch bei „Jugend forscht“. Bei der Internationalen Mathematik-Olympiade 1981 in Washington bekommt er eine Goldmedaille. Das Abitur macht er mit einem Schnitt von 1,0. Nachdem der Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes drei Jahre Mathe und Physik an der Universität München studiert hat, wechselt er an das weltberühmte MIT in die USA. Ohne das Diplom gemacht zu haben, wird er dort mit 24 Jahren promoviert. Das Mittelinitial M für Matthias, das Ziegler sich schon als sechs- oder siebenjähriges Kind zugelegt hat, erweist sich nun als besonders sinnvoll: Sonst hätte es zwei Dr. Günter Zieglers in der Familie gegeben, der Vater war ein promovierter Jurist.

Mit 31 wird er Professor

Nach Stationen in Augsburg – als Assistent von Martin Grötschel, dem heutigen Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie –, und im schwedischen Djursholm kommt er 1992 ans Konrad-Zuse-Zentrum nach Berlin. „Ich habe ein gutes Gedächtnis, Hartnäckigkeit und eine exzellente Konzentrationsfähigkeit – das sind Sachen, die einen weit bringen“, sagt Ziegler.
Mit 29 ist er habilitiert, mit 31 Jahren wird er Professor an der TU Berlin und sammelt weiter Preise, darunter 2001 der wichtigste deutsche Wissenschaftspreis, der Leibnizpreis. Zuletzt bekam er in diesem Jahr den Steele Prize der American Mathematical Society für „Das Buch der Beweise“ (zusammen mit Martin Aigner), das inzwischen in 14 Sprachen vorliegt. Dafür, dass sie Ziegler in der zweiten Klasse nur eine Zwei in Mathe gegeben hat, hat sich seine Lehrerin Frau Müller inzwischen bei ihm entschuldigt.

Da Ziegler bis zur Promotion ein Streber war, wie er selbst sagt, wird er sich als Präsident in die FU besonders gut einfühlen können. Unter den drei Berliner Unis gilt sie als die Musterschülerin. Als diejenige, die im Elitewettbewerb immer besonders gute Chancen hat, weil sie ihre Abläufe besonders „strategiefähig“ gestaltet, sich absolut unter Kontrolle hat. Vermutlich ein Effekt des Traumas ihrer existenziellen Bedrohung durch den Mauerfall, der ihr die Humboldt-Uni als Konkurrenz bescherte.

„Veritas, Iustitia, Libertas“ steht als Motto im Wappen der FU. Das inoffizielle lautet: „Bloß keine Experimente.“ Undenkbar, dass die heutige FU jahrelang über die Entmachtung der Professoren diskutiert wie die TU. Undenkbar auch, dass sie Schwierigkeiten haben könnte, einen Präsidenten oder eine Präsidentin zu finden wie die HU. Und dass Kandidaten für das Präsidentenamt vor öffentlichem Publikum befragt werden, wie es an TU und HU üblich ist, ist an der FU keine Selbstverständlichkeit: es könnten dabei schließlich Makel der FU sichtbar werden. Beim leisesten Anflug von Gefahr bildet die FU eine Wagenburg, berichtet ein früherer Mitarbeiter: „Entspannt euch doch mal“, habe er oft gedacht.

Die FU muss sich öffnen

Vielleicht überträgt sich Zieglers cooles Image ja auf die FU. Als „Popstar“ oder „Paradiesvogel“ wird er in der Presse bezeichnet. Für Journalisten ist er der ideale Professor: ein Wunderkind, dazu noch eins, das anschaulich formuliert, witzig und schlagfertig. Auch ist Ziegler stets auskunftsfreudig. Gerne erklärt er auch noch zum hundertsten Mal, warum Mathe keineswegs so abschreckend ist wie gemeinhin gedacht. Als sein Buch „Darf ich Zahlen?“ erschien, lud Stefan Raab ihn in seine Sendung „TV total“ ein. Der Professor brachte den Entertainer aus dem Konzept, indem er ihn duzte. Spontan und offen ist Ziegler.

Öffnen muss sich die FU sowieso. Die drei Berliner Unis haben – auch nach einem entsprechenden Fingerzeig des Berliner Senats – beschlossen, sich mit einem gemeinsamen Antrag in der nächsten Exzellenzinitiative zu bewerben. Zu Zieglers wichtigsten Aufgaben als Präsident wird es gehören, den schon in Arbeit befindlichen neuen Antrag mitzugestalten. Dabei wird er keine großen Anlaufschwierigkeiten haben. Seit 2011 kennt er die FU von innen, an den erfolgreichen Anträgen für die Berliner Mathematik war er maßgeblich beteiligt. Seit 2014 ist Ziegler Mitglied im Senat der DFG.

„Irgendwas ist immer“ steht auf einem Mousepad, das auf Zieglers Schreibtisch im Zimmer 007 liegt. Auch an der FU läuft es nicht so reibungslos, wie ihr Institutionencharakter es erwarten ließe. Seit dem vergangenen Jahr gibt es Streit um die Verteilung der leistungsbezogenen Mittel an die Fachbereiche. Zum Ärger mancher wird Forschungsstärke dabei weniger honoriert als früher. Ziegler will die Mittelverteilung nach seinem Amtsantritt im Sommer mit der FU diskutieren. Jedenfalls könne man eine Uni nicht allein nach einem Parameter steuern: „Wenn es allein um Drittmittel geht, kommt eine Hochschule heraus, die keinen Spaß macht“, sagt er.
Dieser Punkt ist für manche an der FU schon erreicht. Die FU kreise wegen ihrer knappen Finanzen unablässig um Drittmittel, sagt ein Professor. Sie sei eine „finanziell Getriebene“. Wer gerade einen Sonderforschungsbereich eingeworben habe, denke sofort darüber nach, wie nach dessen Auslaufen viele Jahre später ein neuer eingeworben werden könne: „Dieser akademische Kapitalismus geht den Leuten ziemlich auf den Geist.“ Eine Professorin zitiert den früheren FU-Präsidenten Dieter Lenzen: „,Schreiben Sie keine Bücher, schreiben Sie Anträge.’“ Sie selbst frage sich: „Habe ich eigentlich an der FU angeheuert oder bei Mercedes?“ In Deutschland sei die Ökonomisierung wohl an keiner Hochschule so weit fortgeschritten wie an der FU. Diese Wahrnehmung teilt Ziegler nicht. Der FU gehe es ja nicht anders als anderen Hochschulen, sagt er.

Ziegler hat seine Herausgeberschaft bei Elsevier aus Protest beendet

Finanzschwach wie die Hochschulen sind, wehren sie sich inzwischen massiv dagegen, von den großen Wissenschaftsverlagen ausgewrungen zu werden. Ziegler hat seine Herausgeberschaft bei Elsevier aus Protest beendet und sitzt seit drei Jahren in der Verhandlungsgruppe der Wissenschaft Deal. Dort wird hart gekämpft. Für die Konzerne geht es um Milliarden. Sollten beteiligte Manager hoffen, dass er als FU-Präsident den Verhandlungstisch verlässt, muss Ziegler sie enttäuschen: „Da ist politisches Durchhalten gefragt.“

Ziegler sagt von sich, er sei ein engagierter Mensch. Seit über zwanzig Jahren ist er in der Deutschen Mathematikervereinigung (DMV) aktiv und kümmert sich dort auch noch immer um das von ihm zum Jahr der Mathematik vor zehn Jahren eingerichtete Medien- und Netzwerkbüro, Anlaufstelle für die matheinteressierte Öffentlichkeit. Kurz war dagegen sein Ausflug in die Politik. Sein Engagement als Schüler in der Jungen Union – Ziegler machte Wahlkampf für Franz-Josef Strauß – bezeichnet er heute als „jugendliche Kurzsichtigkeit“.

Am Schrank in seinem Büro hängen ein Fahrradhelm und eine orangefarbene Warnweste. Mit dem Rad ist Ziegler in 22 Minuten an der FU. Mit seinem Mann, einem Arzt für Inneres, wohnt er in Schöneberg, „mitten im Kiez“, wie er sagt. Dort trinkt er ab und an auch mal ein Bier in der schwulen Kneipe „Hafen“ am Nollendorfplatz.

Aus einer schwulen Sommerphantasie wird ein schwuler Alptraum

Im Jahr 1993 gewann Ziegler mit seiner Kurzgeschichte „Fragmente einer Legende“ den Buchpreis der schwulen Buchläden: Thomas, entworfen als ein überaus begehrenswerter schwuler Supermann, kommt auf dem Bahnhof in München an. Oder kommt er eigentlich gar nicht an? „Solche Männer gibt es nicht, man wartet auf sie immer vergeblich. Engel.“, schreibt Ziegler. Aus einer schwulen Sommerphantasie wird ein schwuler Alptraum. Ziegler, damals 30, stand unter dem Eindruck des Kampfes der Rosa Liste um Sitze im Münchener Stadtrat und war fasziniert vom Holländermythos, wie er sagt. Die Erzählung sei mehr „ein Experimentaltext“ gewesen.
„Du könntest Deutschlands erster schwuler Uni-Präsident sein“, hat ein schwuler Kollege von der TU zu ihm gesagt, erzählt er. Für Ziegler ist die Uni aber ein Ort, an dem es egal ist, ob man homosexuell ist. „Ich sehe mich nicht in einer Vorkämpferrolle“, sagt er. Für ihn sei wichtig, der erste Mathematiker im Präsidentenamt der FU zu sein.

Allerdings ist er Mitglied im Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) – vielleicht könnte der neue FU-Präsident dem Asta doch entgegenkommen und zusätzlich zu den Männer- und Frauentoiletten einige All-Gender-Toiletten einrichten? „Ich weiß nicht, ob man da Symbolpolitik machen muss“, sagt Ziegler. „Aber andererseits merke ich auch, dass Leute um Sichtbarkeit und Anerkennung kämpfen. Und auch wenn ich das aus eigenem Erleben nicht kenne: Wenn Leute sich nicht wohlfühlen, muss man etwas ändern. Kann sein, dass man als schwuler Präsident mehr Verständnis hat.“ Beim Thema Diversität dürfe die FU nicht hinterherhinken.
Fest steht schon, dass er in diesem Sommer ausnahmsweise nicht zum CSD geht. In Rio de Janeiro gibt es eine große Mathekonferenz. Vielleicht vorerst die letzte Chance für Ziegler, in sein Fach einzutauchen, bevor er sich ganz dem Präsidentenamt widmen muss.

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