Proteste von Wissenschaftlern : Science March als Kneipendiskussion

Forscher als Nachbarn: Der Science March soll am Sonnabend in Berlin dezentral stattfinden - mit wissenschaftlichen Diskussionen in Kneipen.

So war's 2017 beim Science March in Berlin. Dieses Jahr wird es aber keine große Demo geben.
So war's 2017 beim Science March in Berlin. Dieses Jahr wird es aber keine große Demo geben.Foto: picture alliance / Jörg Carstens

„Make Science Great again“, „Im OP ist kein Platz für alternative Fakten“ – mit Slogans wie diesen gingen in Berlin im vergangenen Jahr Tausende auf die Straße, um gegen Wissenschaftsfeindlichkeit zu protestieren. Sie waren Teil der weltweiten „Science March“-Bewegung: Insgesamt demonstrierten an dem Tag mehr als eine Million Menschen in hunderten Städten, weil Wissenschaft vielerorts immer mehr unter Druck gerät. Nicht nur in Staaten wie der Türkei und Ungarn, sondern auch in den USA durch die Trump-Regierung.

Am kommenden Sonnabend soll es erneut soweit sein: Wieder haben die Science-March-Organisatoren zu weltweiten Protesten aufgerufen. Der Hauptmarsch wird wie gehabt durch Washington ziehen. Und auch in 23 deutschen Städten sind Aktionen geplant – darunter in Berlin. Anders als 2017 wird es dieses Mal aber keinen Demonstrationszug durch die Hauptstadt geben. Dass im vergangenen Jahr 11.000 Menschen mobilisiert werden konnten und es zu einer großen Abschlusskundgebung vor dem Brandenburger Tor kam, sei ein „einmaliges Zeichen“ gewesen, das sich nicht so leicht wiederholen lasse, sagt Franz Ossing, einer der Organisatoren des Berliner Science March.

Wissenschaftler wollen Bürger direkt ansprechen

Stattdessen wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Berlin dieses Jahr Bürgerinnen und Bürger direkt ansprechen – und zwar bei Diskussionen in Kiezkneipen. „Kieznerds“ heißt die Aktion etwas selbstironisch: Denn selbstverständlich seien „Forscher eben keine verschrobenen Nerds im Laborkittel, wie man es aus dem Kino kennt, sondern auch Nachbarn von nebenan“, erklären die Organisatoren.

So will die Geophysikerin Tamara Worzewski im Zehlendorfer „Club A18“ darüber sprechen, wie man das Innere der Erde erkundet (Wasgenstraße 75). „Was ist mit unserem Wetter los?“ fragt die Klimaforscherin Nadine Träger im „Charlottchen“ (Gervinusstraße 1), was Viren mit unseren Zellen machen, erklärt der Molekularbiologe Emanuel Wyler in der „Pasticceria Mangiarte“ in Prenzlauer Berg (Danziger Straße 23). Knapp 20 Veranstaltungen sind über den Tag verteilt bisher angemeldet, die meisten davon aus den Natur- und Technikwissenschaften. Bis Ende der Woche könnten es noch mehr werden, auf der Seite kieznerds.de ist der aktuelle Stand verzeichnet.

Der direkte Dialog sei auch eine Reaktion auf eine der Hauptforderungen, die man im vergangenen Jahr an die Wissenschaft vernommen habe, sagt Ossing: sich dem breiten Publikum mehr zu öffnen. „Dann gehen wir am besten gleich in den Kiez.“ Prinzipiell hält Ossing es allerdings eher für ein Missverständnis zu denken, die Wissenschaft würde sich der Gesellschaft nicht öffnen. Wissenstransfer sei für Forscherinnen und Forscher ja eigentlich selbstverständlich: „Man denke an GPS-Systeme, die uns metergenau vor die Haustür bringen.“

In anderen Städten sind "klassische" Demos geplant

Allerdings mache die Wissenschaft kaum Aufhebens um diese Transferleistung. Die Kiezdialoge sollen jetzt – ähnlich wie die Lange Nacht der Wissenschaften – ein Anlass sein, miteinander ins Gespräch zu kommen.
In anderen deutschen Städten sind indes sehr wohl noch „klassische“ Demonstrationen geplant: In München, Köln, Dresden oder Stuttgart zum Beispiel. Tanja Gabriele Baudson, die Vorsitzende des inzwischen gegründeten „March for Science“-Vereins, sieht die Märsche als „Debatte um die zentralen Werte der Wissenschaft, nämlich Wahrheit, nach der sie strebt, und die Freiheit als Voraussetzung dafür“. Diese Werte müssten verteidigt werden.

Fünf Fachgesellschaften – die der Geowissenschaften, Mathematik, Physik, Chemie und der Biologie – haben bereits ihre zusammen 130 000 Mitglieder zur Teilnahme aufgerufen. Wissenschaftliche Fakten dürften nicht geleugnet oder relativiert werden, erklären die Verbände: „Wenn Erkenntnisse wie der von Menschen verursachte Klimawandel verharmlost und Initiativen gegen die Erderwärmung eingestellt oder zurückgefahren werden, dann bedroht das mittelfristig das Leben von Millionen Menschen.“

Forderungen richten sich auch an die deutsche Politik. Als Beispiel nennt Franz Ossing die Verbesserung der oft prekären Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses. Im Terminkalender von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) ist der March for Science bislang allerdings nicht vorgesehen, teilte ihr Ministerium auf Anfrage mit.

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