Man kann Menschen auf die niedrigste Stufe ihrer Existenz bringen und dann eine rettende Hand reichen – dann glauben sie alles

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Psychologie : Gelenkte Gehirne

„Man muss nur Menschen auf die niedrigste Stufe ihrer Existenz bringen, indem man auch ihre grundlegendsten Bedürfnisbefriedigungen wie Schlaf, Wärme, Kommunikation, Essen und Trinken, Namen und Identität entzieht und ihnen dann eine ,rettende Hand’ reicht – dann glauben sie alles, was man verlangt“, sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth „Unser scheinbar vernünftiges Ich ist ein wackliges Gebilde, dessen Prinzipien die meisten Menschen aufgeben, wenn ihre unterste biologische und psychische Existenz infrage gestellt wird.“

Ein Gefangenenlager eignet sich besonders, um Gedankenkontrolle anzustreben – aber ein Staat wie Nordkorea kommt nahe an dieses „Ideal“ heran. Fünf Grundsätze des sozialen Drucks lassen sich ausmachen: Isolation – schneide den Häftling/Bürger von Informationen ab, die nicht ins System passen; Kontrolle – überwache die Gespräche, das Verhalten, den Körper des Häftlings/Bürgers; Verbreite Unsicherheit – schüre die Furcht davor, ein ideologischer Abweichler zu sein; Wiederhole die Lektion – Indoktrination braucht Zeit; Arbeite mit starken Gefühlen – bestrafe Abweichler, belohne die Rechtgläubigen.

Totalitäre Staaten wie Nordkorea haben ein einfaches Rezept, um Gemeinschaftsgefühl und Anpassung zu erzeugen. Sie stecken das Volk in Uniformen. Das stärkt das Wir-Gefühl und festigt die moralische Autorität des Tyrannen. Die Uniform verleiht Teilhabe an der Macht, aber sie verlangt auch Unterwürfigkeit und Gehorsam, indem man sich selbst in eine Hierarchie einfügt. In dieses konservative Bild passt, dass Nordkorea sich einer völkischen Ideologie, einer Lehre von der erstrebenswerten Reinheit der koreanischen Rasse zugewandt hat.

Je länger die Herrschaft der Kim-Dynastie währt, umso selbstverständlicher erscheint sie, wird zum Teil einer kulturellen Überlieferung, die um ihrer selbst willen hochgehalten wird – zur Tradition. Sind die Tränen des Volkes an Kim Jong Ils Sarg also echt? Abgesehen davon, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass es sich um eine Art Inszenierung handelt, muss man berücksichtigen, dass Gruppendruck und Angst vor Beobachtung eine Rolle spielen. Klar ist auch, dass nicht die verarmte Landbevölkerung Tränen vergießt, sondern privilegierte Hauptstadtbewohner.

Wer dem Geheimnis der Tränen von Pjöngjang auf die Spur kommen will, sollte sich klarmachen, dass starke Gefühle ein Signal an die Außenwelt sind. Ich weine, also bin ich traurig. Der Evolutionsbiologe Robert Trivers hat herausgearbeitet, wie brisant auf der anderen Seite demonstrative, „gespielte“ Gefühle für den Darsteller sind. Er läuft immer Gefahr, entdeckt und als Heuchler entlarvt zu werden, erst recht im Spitzelsystem einer Diktatur. Um dem zu entgehen, täuscht der Betrüger – und wir alle betrügen mitunter, sagt Trivers – nicht nur andere, sondern auch sich selbst. Am besten schwindelt, wer auch sich selbst betrügt. Auf nordkoreanische Staatstrauer bezogen heißt das: Fragte man einen der trauernden Passanten, ob seine Tränen echt seien, würde er vermutlich entrüstet antworten: Selbstverständlich!

Im feinen Gespür des Menschen für den Unterschied von Wahrheit und Lüge, von Aufrichtigkeit und Heuchelei liegt auf der anderen Seite die größte Gefahr für die Alleinherrscher dieser Welt. Je mehr die von oben verordnete Weltanschauung mit der Wirklichkeit in Konflikt gerät, umso trotziger reagiert der Untertan. Jede neue Indoktrination, jeder neue Versuch, die Realität umzudeuten und zu verbiegen, vergrößert nur den insgeheimen Widerwillen, ein Phänomen, das die Psychologen Reaktanz nennen.

Weicht der Druckt, schlägt die Stunde des Widerstands. Der Zusammenbruch des Sozialismus 1989 und 1990 war beispielhaft dafür. Ein vermeintlich massiver Ostblock war in Wirklichkeit längst von der Reaktanz seiner Bürger ausgehöhlt. Fast lautlos fiel er in sich zusammen. Auch den meisten Nordkoreanern wird sehr wohl bewusst sein, wie sehr sie ausgebeutet und unterdrückt werden. Auch in Pjöngjang nagt die Reaktanz.

Man kann darüber spekulieren, ob es der Gehirnforschung Jahrzehnte nach Skinner irgendwann gelingen wird, das Denken wirklich zu manipulieren und fernzusteuern. Bis es so weit ist, bleiben die Gedanken weitgehend frei. Selbst in Nordkorea.

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