Repetitorium vor dem Ersten Staatsexamen : Selbsthilfe gegen den Jura-Stress

Kommerzielle Repetitorien, um das Examen zu schaffen? Berliner Studierende lernen lieber in Eigenregie. Eine weitere Alternative sind Uni-Repetitorien.

Miriam Lenz
Eine Jurastudentin lernt in der Bibliothek.
In der Gruppe geht es besser. Wie Jurastudierende für das Erste Staatsexamen lernen, ist ihnen selbst überlassen.Foto: dpa/Oliver Berg

Kaum eine andere Prüfung gilt als so anspruchsvoll wie das Erste Juristische Staatsexamen. In sieben Klausuren, die jeweils fünf Stunden dauern, und einer mündlichen Prüfung werden die Rechtsgebiete Strafrecht, Zivilrecht und Öffentliches Recht geprüft. Die Durchfallquote ist hoch, 2016 bestanden in Berlin rund 24 Prozent der Examenskandidaten die Prüfung nicht. Damit liegt Berlin noch unter dem bundesweiten Schnitt von etwa 29 Prozent.

Nach regulär sechs Semestern Studium an der Universität bereiten sich die meisten Jurastudierenden weitere ein bis anderthalb Jahre auf das Erste Staatsexamen vor. Diese Vorbereitungszeit ist auch in der Regelstudienzeit vorgesehen, allerdings ohne verpflichtende Vorlesungen an der Universität. „Das ist eine extrem anstrengende und belastende Zeit“, sagt Leon Brandt, der Jura an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) studiert hat und 2017 sein Erstes Examen abgelegt hat. In dieser langen Lernphase sei das gesamte Leben sehr stark von den bevorstehenden Prüfungen geprägt.

Nicht jeder kann sich das private "Rep" leisten

Denn der Druck ist groß. Wiederholen kann man die Prüfungen normalerweise nur einmal und die Examensnote ist entscheidend für die weiteren beruflichen Möglichkeiten. Das juristische Notensystem reicht von null bis 18 Punkten. Vier Punkte reichen zum Bestehen, eine magische Grenze liegt bei neun Punkten: Nur wer ein sogenanntes Prädikatsexamen erlangt, kann beispielsweise Richterin oder Staatsanwalt werden oder hat Chancen auf eine lukrative Stelle in einer Großkanzlei. 2016 erhielten in Berlin gut 26 Prozent der Prüflinge ein Prädikatsexamen, bundesweit waren es knapp 17 Prozent.

Um sich auf das Erste Staatsexamen vorzubereiten, besuchen die meisten Studierenden ein kostenpflichtiges Repetitorium von privaten Anbietern, das den Stoff des Studiums wiederholt und in dem das Schreiben von Examensklausuren geübt wird. Das Angebot der kommerziellen Repetitorien reicht von vorlesungsähnlichen Veranstaltungen mit 100 Teilnehmern bis zu Individualnachhilfe am heimischen Schreibtisch. Bei den großen Anbietern wird meist ein Jahr lang an zwei bis drei Tagen in der Woche der examensrelevante Stoff wiederholt. Doch das ist nicht billig – 150 bis 200 Euro im Monat kosten die Kurse.

Das kann sich nicht jeder leisten. Und es sollte sich auch nicht jeder leisten müssen, findet Leon Brandt: „Den Studierenden wird im Studium häufig der Eindruck vermittelt, dass man das Staatsexamen ohne privates Repetitorium gar nicht oder zumindest nicht gut bestehen kann. Dabei sollte es Aufgabe der Universitäten sein, ihre Studierenden auf das Erste Examen vorzubereiten.“

Eine studentische Initiative hilft Studierenden beim Lernen im Team

Brandt hat ohne kommerzielles Repetitorium für die staatlichen Prüfungen gelernt und möchte nun andere Studierende dabei unterstützen, es ihm gleich zu tun. 2017 gründete er gemeinsam mit ehemaligen und aktuellen Jurastudierenden der HU und der Freien Universität (FU) die Initiative „Juristisches Examen im Team Berlin Brandenburg“ (JurExiT), die über das Examen ohne kommerzielles Repetitorium informiert, interessierte Studierende miteinander vernetzt und Lerngruppen mit ausgearbeiteten Lernplänen und Materialien unterstützt.

Als großen Vorteil der Vorbereitung auf das Examen im Team ohne kommerzielles Repetitorium sieht Leon Brandt neben der Geldersparnis die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten und die Freiheit, die diese Lernform bieten: „In einer Lerngruppe kann man immer wieder den eigenen Lernplan evaluieren und nachjustieren. Und es macht einfach mehr Spaß, sich den Stoff selbst zu erarbeiten, als ihn von einem Repetitor eingepaukt zu bekommen.“

Eine Hilfe bei der Vorbereitung ohne kommerzielles Repetitorium kann auch ein universitätseigenes Repetitorium sein. Solche Universitätsrepetitorien gibt es seit einigen Jahren an den meisten rechtswissenschaftlichen Fakultäten. Allerdings sind die Angebote an den einzelnen Universitäten sehr unterschiedlich organisiert und ausgebaut und haben häufig einen schlechteren Ruf als kommerzielle Repetitorien. „Die Unis müssen ihre Repetitorien weiter stärken und ein höheres Niveau bei den Veranstaltungen und Materialien bieten“ fordert Leon Brandt.

An der Freien Universität läuft das Uni-Repetitorium gut an

Die FU bemüht sich seit Jahren um den Ausbau ihres Universitätsrepetitoriums und beschäftigt einen eigenen wissenschaftlichen Mitarbeiter als Organisator. Das ist noch immer keine Selbstverständlichkeit. Inzwischen gibt es an der FU im Rahmen des Repetitoriums einen auf 44 Wochen angelegten Jahreskurs und einen wöchentlichen Klausurenkurs, der auch in den Semesterferien stattfindet. Hinzu kommen Prüfungssimulationen, die wöchentliche Besprechung einer aktuellen zivilrechtlichen Entscheidung des Bundesgerichtshofs und die Möglichkeit zu individuellen Beratungsgesprächen. „Unsere Angebote werden von den Studierenden sehr gut angenommen“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter Hilmar Odemer, der im FU-Repetitorium selber Zivilrecht lehrt. So nähmen an dem Klausurenkurs in Hochphasen wöchentlich bis zu 200 Studierende teil. Während an anderen Universitäten wie der HU die Korrektur der Übungsklausuren Geld kostet, ist sie an der FU für die Studierenden der Universität kostenlos.

In den Veranstaltungen des Repetitoriums sei es ihm besonders wichtig, eine entspannte und kollegiale Atmosphäre zu schaffen und die Angst vor dem Staatsexamen zu nehmen, sagt Odemer. Das sei ein Unterschied zu privaten Anbietern, bei denen „viel Angstmacherei“ dabei sei. Im Gegensatz zum Universitätsrepetitorium gebe es für private Anbieter schließlich durchaus einen finanziellen Anreiz, die Ängste der Studierenden zu schüren.

Kommerzielle Anbieter kritisieren die Unis

„Natürlich wollen wir mit unserer Arbeit auch Geld verdienen. Aber wir sind nicht die, die Angst verbreiten“, entgegnet Georg Pohl, Repetitor bei Alpmann Schmidt in Berlin und Potsdam, einem der großen Anbieter von juristischen Repetitorien in Deutschland. Mit ihrem Repetitorium gäben er und seine Kollegen den Studierenden eine Struktur bei der Vorbereitung auf das Examen und vermittelten Sicherheit. „Würden die Universitäten ihre Arbeit in der unmittelbaren Vorbereitung auf das Erste Staatsexamen richtig machen, gäbe es uns gar nicht“, sagt Pohl.

Gründe für den hohen Druck und die große Angst vieler Jurastudierender vor dem Ersten Staatsexamen sieht Pohl im derzeitigen Aufbau des Jurastudiums und des Examens selbst begründet: „Im rechtswissenschaftlichen Studium gibt es zum einen keine relevanten Zwischenprüfungen. Theoretisch kann man also sechs Semester studieren, ohne zu wissen, ob Jura eigentlich etwas für einen ist – und dann kommt auf einmal das Erste Staatsexamen.“ Zum anderen könne man sich im Staatsexamen nicht auf bestimmte Themengebiete spezialisieren und andere beim Lernen auslassen. „Diese unglaubliche Stofffülle erschlägt einen. Da ist es ganz normal, Angst zu haben“, sagt Pohl.

Studierende fordern, die Prüfungsphase zu entzerren

Auch Leon Brandt und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter bei JurExiT kritisieren die derzeitige Form des Ersten Juristischen Staatsexamens in Berlin und Brandenburg: „In anderen Bundesländern kann man die Klausuren der verschiedenen Rechtsgebiete auf mehrere Prüfungskampagnen verteilen. Hier muss man alle Prüfungen innerhalb von zwei Wochen schreiben.“ Das erhöhe den Druck und die psychische und intellektuelle Belastung enorm. Zudem sei in den letzten Jahrzehnten der Prüfungsstoff immer weiter gewachsen. Rechtsgebiete wie Europäisches Recht oder Internetrecht seien hinzugekommen.

Auf diese Entwicklung müsse man reagieren und einzelne Nebengebiete im Zivilrecht und Strafrecht streichen, um eine weitere Überfrachtung des Examens zu verhindern. „Überhaupt sollten das Studium und das Examen weniger auf Auswendiglernen und mehr auf Anwenden ausgelegt sein“, fordert Leon Brandt. Denn nur so könne eine sinnvolle und interessante juristische Ausbildung gewährleistet werden.

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