Schlüsseljahr 1177 v.Chr. : Als die Welt wirklich aus den Fugen war

Der US-Historiker Eric H. Cline schildert den Zusammenbruch einer globalisierten Welt in der Antike.

Vor dem Untergang. Der Fall Trojas wurde von den historischen Umwälzungen in der Antike ausgelöst, die Eric H. Cline in „1177 v.Chr.“ beschreibt.
Vor dem Untergang. Der Fall Trojas wurde von den historischen Umwälzungen in der Antike ausgelöst, die Eric H. Cline in „1177...Foto: mauritius images

Es vergeht beinahe kein Tag, an dem nicht irgendein Politiker oder Leitartikler ausruft, die Welt sei aus den Fugen, ihre bisherige Ordnung in Gefahr, der Westen ohnehin. In derlei Äußerungen spiegelt sich ein zutiefst ahistorisches Denken: Wann hat es jemals eine Ordnung, gar Weltordnung gegeben, die nicht im Wandel begriffen war durch den steten Strom historischer Ereignisse oder zumindest infrage gestellt wurde von Kräften und Mächten, die diese Ordnung verändern wollten?

Schlüsseljahr

Hier ist die Lektüre von „1177 v. Chr.“ zu empfehlen. Eric H. Cline erzählt die Geschichte eines Ordnungszusammenbruchs, der diese Bezeichnung wirklich verdient. Der Professor für Klassik und Anthropologie sowie Direktor des Archäologischen Instituts an der George Washington Universität in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten nimmt seine Leser mit in ein Jahr, das für die damals lebenden Menschen eine derart einschneidende Zäsur bedeutete wie für ihre Nachfahren 476 das Ende des Restes des fast tausendjährigen Römischen Reiches oder 1492 die Entdeckung Amerikas und damit einer globalen Welt durch Christoph Kolumbus.

Das titelgebende „1177 v. Chr.“ markiert die Schlacht zwischen dem ägyptischen Pharao Ramses III. und marodierenden Seevölkern. Mit Schwerpunkten seiner Forschungsarbeit in der biblischen Archäologie, Militärgeschichte und in den internationalen Beziehungen des Mittelmeerraumes ist Cline bewusst, dass es sich dabei lediglich um eines von mehreren Ereignissen gehandelt hat, die zu jener Zeit den östlichen Mittelmeerraum und die Zivilisationen der Mykener, Hethiter und Ägypter erschütterten.

Die damaligen Umwälzungen führten im gesamten anatolisch-ägäischen Raum und darüber hinaus zum Untergang bronzezeitlicher Kulturen, die sich über Jahrhunderte herausgebildet und ein beachtliches Entwicklungsstadium erreicht hatten, wie der Prähistoriker Hermann Parzinger in seinem Vorwort zu Clines Buch betont. Auch der Fall Trojas gehört für ihn in diesen Kontext.

Die Kollaps-Frage

Cline treiben hierbei Fragen um, die bereits Generationen von Altertumsexperten beschäftigt haben: Wie konnte es zum Zusammenbruch von Kulturen kommen, die ihre Widerstandsfähigkeit über zwei Jahrtausende hindurch immer wieder aufs Neue bewiesen hatten? Was waren die Stärken, aber auch die Schwächen der komplexen internationalisierten Welt, in der Minoer, Mykener, Hethiter, Assyrer, Babylonier, Mitanni, Kanaaniter, Zyprer und Ägypter im Mittelmeerraum der späten Bronzezeit miteinander interagierten – eine kosmopolitische und globalisierte Welt, wie es sie in der Geschichte der Menschheit bis heute nur selten gegeben hat? Cline vermutet, dass es eben jener Internationalismus war, der zu einer geradezu apokalyptischen Katastrophe führte, mit der die Bronzezeit zu Ende ging. Ihm scheinen der alte Orient, Ägypten und Griechenland im Jahr 1177 vor Christus so stark miteinander verflochten und voneinander abhängig gewesen zu sein, dass der Untergang der einen Kultur letztlich den Untergang der anderen nach sich zog.

Zugleich muss auch Cline eingestehen, dass die genauen Ursachen für den Zusammenbruch der Zivilisationen der Ägäis und des östlichen Mittelmeerraumes und damit für den Übergang von der Spätbronzezeit zur Eisenzeit bislang nicht mit Sicherheit zu ermitteln sind. Neuere Forschungen haben ergeben, dass die Seevölker, die 1177 vor Christus eine Schneise der Verwüstung über das südöstliche Mittelmeer legten, vom griechischen Mykene über Troja und Milet am Rande Vorderasiens, über Ugarit im heutigen Syrien bis in das Ägypten von Ramses III., nicht nur Aggressoren, sondern auch Flüchtlinge vor Naturkatastrophen waren. Dennoch bleibt weiterhin unklar, wer genau sie waren, woher sie im Einzelnen kamen und was sie wollten.

So fern, so nah

Umso größer ist – bei aller Unklarheit im Detail – das Verdienst von Cline, die damaligen Ereignisse, die an sich unendlich fern wirken, derart anschaulich darzustellen, dass sie ähnlich nah rücken wie die heutige Nachrichtenlage. Dies würdigt der Theiss-Verlag jetzt mit einer Sonderausgabe des zuerst 2015 erschienenen Buchs, das inzwischen mit dem ersten Preis der American School of Oriental Research für das beste populäre Buch ausgezeichnet und in zehn Sprachen übersetzt worden ist.

Eric H. Cline: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Mit einem Vorwort von Hermann Parzinger. Theiss Verlag, Darmstadt 2018. 352 S., 17,95 Euro.

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