Schülerstudie : Demokratie oder Diktatur? – Ganz egal!

Viele Jugendliche sehen zwischen Nationalsozialismus, DDR und BRD laut einer neuen Studie keine großen Unterschiede. Experten fordern: Mehr Unterricht zur Zeitgeschichte.

Nachdenklich. Schüler am Berliner Holocaust-Mahnmal. Der Besuch von Gedenkstätten hilft Jugendlichen, ihre historische Wahrnehmung zu verändern, heißt es in der Studie. Die Besuche müssten aber gut vor- und nachbereitet werden.
Nachdenklich. Schüler am Berliner Holocaust-Mahnmal. Der Besuch von Gedenkstätten hilft Jugendlichen, ihre historische Wahrnehmung...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die alte Bundesrepublik, die schon zu Lebzeiten gern verklärte Epoche von 1949 bis 1989, sie scheint in der historischen Erinnerung zu verblassen. Und in der Bewertung auch. Zumindest bei Jugendlichen. Das hat eine neue Studie des Forschungsverbunds SED-Staat der Freien Universität Berlin ergeben. In der wurden die zeitgeschichtlichen Kenntnisse und Urteile von 4627 Schülern der Klassen acht bis zehn (über alle Schularten hinweg) getestet und gemessen. Nur fünf der 16 Bundesländer nahmen daran teil: Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Thüringen. Berlin und Brandenburg waren nicht dabei.

Die als deutsches Erfolgsmodell geltende „alte“ Bundesrepublik wird nur von gut einem Drittel der Schüler durchweg positiv bewertet. Bei Kindern von „West-Eltern“ sind es allerdings 44 Prozent, in „Ost-Familien“ dagegen nur knapp 35 Prozent, unter Kindern von Migranten 32 Prozent. Die Hälfte der Schüler hat nur ein neutrales Bild jener Zeit – nach Ansicht des Leiters der Studie, des Politologen Klaus Schroeder, das Ergebnis zu geringer Kenntnisse. Das gelte auch für die Zeit des Nationalsozialismus, die DDR und am meisten für die Zeit nach 1989 – die jüngste Geschichte ist den Schülern am wenigsten präsent (auch wenn sie am besten bewertet wird). Da die Schüler ihr Geschichtsbild nach eigener Einschätzung vor allem in der Schule vermittelt bekommen und weniger von Eltern, Internet oder Fernsehen, leitet Schroeder daraus die Forderung ab: „Es muss mehr Unterricht zur Zeitgeschichte auf Kosten anderer Epochen geben.“

Dabei sind es gar nicht so sehr die Lücken in der politisch-historischen Bildung zur alten Bundesrepublik, die das Berliner Forschungsteam alarmierend findet. Ein Ergebnis der Studie ist ein Defizit bei der Unterscheidung der politischen Systeme. „Viele Jugendliche haben Schwierigkeiten, die Trennlinie zwischen Demokratie und Diktatur zu erkennen“, lautet ein Kernfazit des FU-Professors. 36 Prozent aller Jugendlichen können nicht zwischen den Systemen – Nationalsozialismus, DDR, Bundesrepublik – differenzieren. Bei Gymnasiasten sind es 16 Prozent, bei Hauptschülern mehr als die Hälfte.

Ganz überraschend ist das für die FU-Forscher nicht, denn es bestätigt das Ergebnis einer früheren (allerdings umstrittenen) Studie unter Schroeders Leitung zu den Kenntnissen über die DDR. Die waren, gerade in Berlin und Brandenburg, gering. Das Ergebnis damals: Geringe Kenntnisse stützen die Verklärung des DDR-Systems. Auch nach der neuen Studie stimmen fast 30 Prozent der Aussage zu, die DDR sei keine Diktatur gewesen. Wobei Kinder von Eltern aus dem Westen das zu 24,5 Prozent sagen, Schüler aus Ost-Familien aber zu 36,5 Prozent. Migrantenkinder sind zu knapp 34 Prozent dieser Meinung. Geht es um die NS-Zeit, fällt das Bild ebenfalls erschreckend aus: Jeder vierte Schüler glaubt, Adolf Hitlers Reich sei keine Diktatur gewesen. Auch hier gibt es Unterschiede je nach Herkunft: Im Westen meint das jeder fünfte Jugendliche, im Osten jeder vierte, unter Migrantenkindern fast jeder dritte.

Verwirrend die Einschätzung zum demokratischen Deutschland nach 1945. 45 Prozent aller Schüler sagen, die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung sei keine Demokratie gewesen. Hier sind die Unterschiede zwischen West (39,6 Prozent) und Ost (46,4 Prozent) weniger ausgeprägt. Für 39 Prozent der Schüler ist auch die Bundesrepublik nach 1989 keine Demokratie. Und das, obwohl die meisten eine recht positive Einschätzung der letzten zwanzig Jahre haben – Kinder von West-Eltern zu 72 Prozent, aus Ost-Familien aber nur zu 57 Prozent, unter Migrantenkindern sind es 60 Prozent.

Schroeder sagt, dass mit mehr Wissen die Einschätzungen exakter werden. Die Kenntnisse über die NS-Zeit sind unter den Jugendlichen relativ am besten – entsprechend ist auch die Einschätzung jener Epoche deutlich klarer als für die Zeit nach 1945. Zwei Drittel haben ein eindeutig negatives Bild von jener Zeit, positive Einschätzungen sind gering – am deutlichsten bei Migrantenkindern, vor allem aus Familien aus dem Nahen Osten mit fast 18 Prozent. Aber schon bei mittlerem Kenntnisstand wächst die negative Bewertung der NS-Zeit auf über 80 Prozent – nur die Unkundigen sind unsicher und teilen diese Einschätzung nur zu 30 Prozent.

Gedenkstättenbesuche können helfen, die Wahrnehmungen zu ändern – vor allem bei Hauptschülern. Hier wurden Klassenfahrten nach Berlin mit Besuchen der NS- und DDR-Gedenkstätten für die Auswertung genutzt. Allerdings, so das Fazit der FU-Forscher, müssten diese Besuche gut vor- und nachbereitet werden, und es dürfe kein zu intensives „Gedenkstättenhopping“ geben.

Schroeders Empfehlung lautet, den Zeitgeschichtsunterricht nicht nur höher zu gewichten, sondern auch dessen „Wertorientierung“ zu verstärken. „Freiheit, Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit und Pluralismus“ müssten die Vergleichsbasis zur Bewertung der politischen Systeme liefern. Wobei die Studie ergab, dass Freiheitlichkeit unter den Jugendlichen durchaus einen hohen Stellenwert besitzt – bei der Bewertung von fünf hypothetischen Staatsmodellen schnitt das liberalste mit klarem Abstand am besten ab. Auch das ein Indiz dafür, dass die Schwierigkeiten bei der Unterscheidung zwischen Diktatur und Demokratie mehr auf Unsicherheit durch mangelhaftes Wissen als auf politischen Neigungen beruhen dürfte.

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