Die Unis haben sich bei der Zulassung verschätzt

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Semesterstart in Berlin : An den Unis herrscht das Prinzip Presswurst
Platz da! Noch die gab es so viele Studierende in Berlin wie jetzt. Raumnot ist eine Folge.
Platz da! Noch die gab es so viele Studierende in Berlin wie jetzt. Raumnot ist eine Folge.Foto: dpa

3. Die Unis verschätzen sich

Diesmal haben die FU-Juristen aber einen weit größeren Schluck über den Durst genommen, als geplant. Denn die Freie Universität hat sich zusätzlich zu den geplanten hohen Aufnahmezahlen auch noch verkalkuliert. Es ist durchaus üblich geworden, dass die deutschen Hochschulen ihre Plätze überbuchen wie Fluggesellschaften ihre Flüge. Denn viele Studierende bewerben sich mehrfach, um in NC-Zeiten ihre Chancen zu steigern. Am Ende nimmt nur ein Bruchteil den angebotenen Platz wirklich an. Die FU ging davon aus, dass wie im vergangenen Jahr 27 Prozent der in Jura Zugelassenen kommen. Doch tatsächlich waren es 33 Prozent. Schlimmer noch traf es nach Angaben aus der Universität die Kunstgeschichte der FU: Sie rechnete wie im vergangenen Jahr mit einer Annahmequote von 21 Prozent, doch tatsächlich sagten 38 Prozent zu – für ein kleines Fach ein Drama.

Auch die Humboldt-Universität hat in verschiedenen Fächern eine böse Überraschung erlebt, weil das Annahmeverhalten der Zugelassenen von Jahr zu Jahr stark schwankt, etwa in der Philosophie. „Die Mehrfachbewerbungen sind unsäglich“, sagt Elke Warmuth, die Studiendekanin der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät II. Die Flut von Bewerbungen führe nicht nur zu Überbuchungen, sondern sie bringe die Zulassungsstellen der Hochschulen an den Rand ihrer Kräfte. Abhilfe könnte nur das bundesweite zentrale Bewerbungssystem schaffen, das die Bundesregierung seit Jahren in Aussicht stellt. Doch wann die technischen Probleme gelöst sind, ist ungewiss.

4. Der Senat hat Zulassungszahlen hochgeschraubt – besonders für die HU

Eng wird es zusätzlich noch wegen der neuen Kapazitätsverordnung (KapVo). Die Senatsverwaltung für Wissenschaft hat bei einzelnen Veranstaltungstypen die Zulassungszahlen heraufgesetzt. Das Ziel sei schließlich, „möglichst vielen Studienbewerberinnen und -bewerbern eine Hochschulausbildung zu ermöglichen“, lautet die Begründung.

Besonders die HU ist davon betroffen: „Bei uns hat die KapVo voll zugeschlagen“, sagt die Prodekanin Warmuth. Manche Fächer hatten im Zuge der Bachelor-Reform ein Studium in kleinen Gruppen angeboten, etwa die Geographie und die Biologie. Sie müssen nun weit mehr Studierende zulassen, die Geographie laut Warmuth 30 Prozent: „Ein kleines Fach kann das kaum ausgleichen.“ Selbst wenn es gelänge, noch Lehraufträge an externe Kräfte zu verteilen, sei das doch nur „eine Notlösung“. Gute Leute seien auf dem bundesweit abgegrasten Markt kaum aufzutreiben – man könne ihnen ja auch keine Perspektiven bieten.

In der Lehrerbildung wird auch die FU die KapVo zu spüren bekommen. Die Professoren müssen noch mehr Studierende im Praktikum betreuen als schon vorher: „Dramatisch“, nennt das der Grundschulpädagoge Detlef Pech, Studiendekan der Philosophischen Fakultät IV der HU. Die Entwicklungen stünden im krassen Gegensatz zu den Empfehlungen, die gerade erst die Expertenkommission dem Berliner Senat zur Verbesserung der Lehrerbildung gegeben hat.

5. Manche Fächer haben keinen NC mehr – nun kommen Parkstudierende

Weniger nachgefragte Fächer wie Mathematik, Physik oder Informatik dürfen sich nicht mehr mit dem NC abschirmen. So schreiben sich dort auch Studierende ohne echtes Interesse am Fach ein – weil sie später in ihr Wunschfach wechseln wollen oder nur wegen des günstigen Semestertickets: „Diese Studierenden machen die Studienkultur kaputt“, ist aus der FU zu hören. An der TU wuchs die Zahl der Erstsemester in Elektrotechnik von 200 auf 400 Studierende, nachdem im vergangenen Jahr der NC wegfiel, sagt TU-Vizepräsident Hans-Ulrich Heiß. „Und hinterher haut man uns die hohen Abbrecherzahlen um die Ohren.“ Abbrecher kosten die Unis auch Geld: Im Preismodell des Senats gibt es Mittel für Studienabsolventen.

Die Unis helfen sich mit studentischen Tutoren oder auch mit heimlichen Quersubventionierungen aus der Forschung: Nachwuchswissenschaftler, die aus Drittmittelprojekten finanziert werden, unterrichten kostenlos. Doch die Raumausstattung wächst nicht mit der raschen Expansion mit, auch in den Bibliotheken fehlen Plätze. Schließlich ist die Zahl der Studierenden in Berlin sehr rasch gestiegen: von nur noch 132 822 Studierenden nach der letzten Sparrunde im Jahr 2006 auf 153 694. Noch nie zuvor hatte Berlin so viele Studierende. Aus den Unis heißt es dazu: „Mit immer weniger Mitteln immer mehr Studis abfrühstücken: Das fliegt uns irgendwann um die Ohren.“

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