Judith Butler: Das biologische Geschlecht ist nicht in Reinform zu fassen

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Serie: Gender in der Forschung (6) : Philosophieren über Gender
Susanne Lettow

Diese Einsicht gilt selbstverständlich auch für die Geschlechterforschung selbst. Sofern Philosophie Arbeit am Begriff ist, beinhaltet philosophische Geschlechterforschung immer auch eine kritische Reflexion auf das eigene begriffliche Instrumentarium. Eine der folgenreichsten Debatten hat dabei Judith Butlers Kritik am Begriff „Frauen“ ausgelöst. Butlers zentrale Überlegung bestand darin, dass wir das „biologische Geschlecht“ niemals in Reinform zu fassen bekommen, also ohne Sprache, ohne Kultur, ohne Normen. Immer wenn wir auf den physiologischen Körper Bezug nehmen, tun wir dies vermittelt über Wörter, Begriffe, bestimmte Denkschemata und Denktraditionen.

Daher ist es unzutreffend und letztlich irreführend, zwischen dem biologischen Geschlecht (engl.: sex) und dem sozialen Geschlecht (engl.: gender) eine Trennlinie zu ziehen. Butler schlug daher vor, nur noch von „gender“ zu sprechen. Sie behauptete nicht, dass wir körperlose Ideen sind und die Geschlechtszugehörigkeit „bloß ausgedacht“ ist, sondern dass das, was wir als „natürliches Geschlecht“ bezeichnen, immer schon von Normen und gesellschaftlichem Handeln geprägt ist.

Der Blick richtete sich auf die Vielfalt geschlechtlicher Normen

Eine Folge ihrer Hinwendung zur Analyse von Geschlechternormen war, dass sich der Horizont weitete: Statt auf den Gegensatz Frauen–Männer richtete sich der Blick nun auf die Vielfalt geschlechtlicher Normen und Existenzweisen – also auf die unterschiedlichen Arten und Weisen, auf die jemand „als Mann“ oder „als Frau“ oder eben auch jenseits dieser Zuordnungen lebt.

Diesem Ansatz wurde und wird von Theoretikerinnen der „sexuellen Differenz“, deren prominenteste Vertreterin Luce Irigaray ist, entgegengehalten dass die Differenz des Männlichen und des Weiblichen in der männlich geprägten Kultur, in der wir leben, eine herausragende Rolle spielt. Die Ausbildung von Subjektivität und Begehren, so die These, funktioniert grundsätzlich – bei Männern und Frauen – über eine Abwertung und Abwehr des Weiblichen. Das „Weibliche“ steht dabei nicht für die wirklichen Frauen oder sogenannte weibliche Tugenden, sondern eben für all das, was in den männlichen Denktraditionen seit Jahrhunderten verdrängt wurde und in einer männlich geprägten Sprache überhaupt nicht angemessen ausgedrückt werden kann.

Die philosophische Geschlechterforschung ist keine Theorie, sondern ein wissenschaftliches Feld

Insgesamt sind die theoretischen Konzepte von Körper und Geschlecht, mit denen in der philosophischen Geschlechterforschung gearbeitet wird, also höchst unterschiedlich. Überhaupt bezeichnet „philosophische Geschlechterforschung“ – oder „feministische Philosophie“, wie das Gebiet im angelsächsischen Kontext heißt, wo es weniger Berührungsängste gibt – keine Position oder Theorie, sondern ein wissenschaftliches Feld, einen Forschungs- und Debattenzusammenhang. Wie in anderen wissenschaftlichen Feldern auch, gibt es internationale Fachzeitschriften und Kongresse, übergreifende und eher spezialisierte Debatten und vor allem ein breites Spektrum an Forschungsrichtungen und -perspektiven.

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