Sexualität : „Die Puritaner waren nicht verklemmt“

Deftige Anleitungen für den Orgasmus: Der Kulturanthropologe Michael Hochgeschwender über ein bis heute gepflegtes Vorurteil.

Brav und bieder. Die Zuschreibung, die Puritaner seien besonders prüde gewesen, begann im 19. Jahrhundert, sagt Michael Hochgeschwender – hier eine undatierte Darstellung von Jennie Brownscombe (1850 bis 1936). Tatsächlich hätten sie aber deftiges Schrifttum zur Bedeutung des weiblichen Orgasmus veröffentlicht.
Brav und bieder. Die Zuschreibung, die Puritaner seien besonders prüde gewesen, begann im 19. Jahrhundert, sagt Michael...Foto: Top Foto/imago/United Archives International

Herr Hochgeschwender, in dem berühmten und auch von Catherine Deneuve unterzeichneten Aufruf einiger französischer Frauen gegen #MeToo ist von „Puritanismus“ die Rede, der die Frauen „wie in den guten alten Tagen der Hexerei“ anketten und zu Opfern machen wolle. Haben solche Vorwürfe mit dem historischen Puritanismus überhaupt etwas zu tun?

Nein, denn das heutige Puritanismusbild ist im Wesentlichen ein Konstrukt der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts. Es gab im 15. und 16. Jahrhundert – also zur Zeit der Puritaner – auch zeitgenössische Kritik am Puritanismus. Diese war aber meistens religiös begründet. Um die Vorstellung der Puritaner von Sittlichkeit und Sexualität ging es dabei nicht. Die Sexualisierung des Puritanismus ist ganz klar ein Phänomen des bürgerlichen Zeitalters. Auch die Hexenverfolgungen wurden erst im Rahmen des 19. Jahrhunderts und der Aufklärung so stark sexualisiert. Diesen Aspekt findet man in der zeitgenössischen Darstellung gar nicht so sehr.

Wogegen richteten sich die Kritiken am Puritanismus im 15./16. Jahrhundert?

Puritaner waren sehr antikatholisch, antipapistisch, es ging ihnen darum, die anglikanische Kirche von den als „katholisch“ wahrgenommenen Elementen zu säubern, also von den „smells and bells“, wie man das bis heute im Anglikanismus bezeichnet: Weihrauch, Glocken, Priester, Messliturgie, Prachtentfaltung. Alles das war den calvinistischen Puritanern zuwider, weshalb sie auch von anglikanischer und katholischer Seite als religiöse Fanatiker kritisiert wurden, als eine Art Bilderstürmer.

Dazu kommt, dass sich die Puritaner in ihrer Kritik an der anglikanischen Staatskirche automatisch in Opposition zur Monarchie stellten und eher auf der Seite des Parlaments waren. „Purifikation“ bedeutete daher auch Kritik am Königtum, vor allem am Haus Stuart und seinen katholisierenden Neigungen innerhalb der anglikanischen Hochkirche.

Man kritisierte aber auch den strengen Calvinismus der Puritaner . . .

Ja, denn sie konnten schon ziemlich kontrollsüchtig und tugendhaft sein, wenn es um das Verbot von Theateraufführungen, von Tanzveranstaltungen und das Hören weltlicher Musik ging. Man wollte in erster Linie das Prinzip der „sola scriptura“ angewendet wissen, also keine weltlichen Ablenkungen von der Beschäftigung mit der heiligen Schrift und ihrer Auslegung zulassen.

Bei Tanzveranstaltungen ging es darum, dass Männer und Frauen sich nicht vor der Ehe berühren sollten – darin waren die Puritaner relativ rigoros, aber sie waren nicht rigoroser als alle anderen auch. In der katholischen Kirche findet man das Verbot von Tanzveranstaltungen ebenfalls, nur waren die Katholiken meistens zu faul, es durchzusetzen.

„Puritaner“ war immer schon ein Schimpfwort. Warum?

Das stammte von hochkirchlich anglikanischer Seite. Die Puritaner nannten sich selbst „Heilige“ und verwendeten den Ausdruck „puritanisch“ nicht für sich selbst oder wenn sie es taten, machte es ihnen nicht viel aus.

Erst im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Begriff dann wirklich zu einer Abwertung, was mit der Aufklärung in Nordamerika zusammenhing, wohin ja viele Puritaner ausgewandert waren. Hier kam es schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu ersten Kontroversen zwischen den Vertretern der Frühaufklärung und den Puritanern, sie trugen einen Machtkampf darum aus, wer in dieser oligarchischen Elite in Neuengland das Sagen hat. Die gläubigen Kongregationalisten stellten in Massachusetts und Connecticut eine Elite und hielten bis in die 1820er 1830er Jahre hinein eine Form von Staatskirchentum, was das Bild des unterdrückerischen Puritaners noch mal verfestigt hat.

Was genau waren die Vorwürfe?

Ihr seid borniert, rückständig, ihr seid nicht aufgeklärt und im Grunde Fanatiker. Diese Kritik verband sich dann im 19. Jahrhundert und zunehmend auch im 20. Jahrhundert mit dem Bild verklemmter Sexualität.

Was nicht zutreffend ist . . .

Wenn es um Fragen der Sexualität ging, waren die Aufklärer viel rigider als die Puritaner. Alles was innereheliche Sexualität angeht, war für die Puritaner völlig okay. Puritaner haben auch die Idee der Kameradschaftsehe entwickelt, was in der Frühneuzeit relativ progressiv war, denn in vormodernen Agrargesellschaften heiratete man ja im Grunde den Acker von nebenan, das Hauptmotiv einer Hochzeit war bis dahin ökonomisch.

Ähnlich wie auch bei den Katholiken und anderen Christen dieser Zeit war es für Puritaner aber sehr wichtig, dass beide Partner zueinander passen und sich auch sexuelle Erfüllung schenken. Es gibt Ehemanuale von Puritanern mit recht deftigen Anleitungen, denn der weibliche Orgasmus galt als notwendig für die Zeugung. Erst die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts denunzierte die weibliche Lust, schob diese Denunziation aber den Puritanern in die Schuhe.

Anderen weltlichen Genüssen gegenüber waren die Puritaner aber dennoch skeptisch.

Puritaner waren nicht grundsätzlich genussfeindlich, es ging ihnen um das rechte Maß, nicht um Keuschheit oder Armut per se. Man sollte sich vom Weg zum Heil nicht ablenken lassen, sich nicht der Trunksucht, Spielsucht oder Völlerei hingeben, aber trotzdem Wohlstand suchen. Die Weltanschauung des rechten Maßes deckte sich in vielem auch mit der der Aufklärer – das waren ja auch keine Hedonisten –, aber aufgrund der religiösen Begründung diente die puritanische Purifikation anderen Zielen.

Wieso hat es sich das Bild vom prüden Puritaner so festgesetzt?

Weil es dauernd weiter tradiert wurde, in Schulbüchern, Theaterstücken, Romanen. Denken Sie an Nathaniel Hawthornes „The Scarlet Letter“. Das wird da immer wieder traktiert. Und weil sich das reale Puritanertum im frühen 18. Jahrhundert auflöst, es also keine „echten“ Puritaner mehr gibt, kann der Vorwurf des verklemmten Sexualneurotikers umso besser greifen. Aber viele Dinge, die wir puritanisch nennen, haben mit dem klassischen Puritanismus gar nichts zu tun.

Ist Puritanismus also zu Unrecht ein so stark abfälliger Begriff?

Das kommt darauf an. Dadurch, dass die Puritaner zurecht mit der Kontrollsucht und strikten Aufsicht, zu Unrecht mit der Sexualfeindlichkeit belegt worden sind, steht der Begriff für zwei Elemente, die mit dem Selbstverständnis der Moderne völlig inkompatibel sind: nämlich Freiheitsstreben und sexuelle Revolution. Natürlich haben Puritaner alle Formen von devianter Sexualität abgelehnt, vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr, Homosexualität – dafür konnte man auch hingerichtet werden – nur: das war bei allen anderen auch so. Auch bei den Aufklärern. Deswegen geht Winkelmann nach Rom, dort kann er nicht hingerichtet werden - wohl aber in Preußen. Was wir als Alleinstellungsmerkmal der Puritaner ansehen, trifft einfach nicht zu.

Michael Hochgeschwender ist Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte, Empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der LMU München. Die Fragen stellte Andrea Roedig.

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