Nicht jeder kann seinen Tagesablauf an die Hitze anpassen

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Soziale Autopsie einer Katastrophe : Was einer Hitzewelle tödliche Wucht verleiht
Julia Harlfinger

Dass in den Berliner Außenbezirken Steglitz-Zehlendorf, Reinickendorf und Treptow-Köpenick schon jeder Vierte über 65 ist, erweist sich während extremer Sommer als glücklicher Umstand. „Am Stadtrand gibt es mehr Wald und größere Wasserflächen. Die Häuser stehen häufig einzeln“, sagt Gabriel. Diese Schutzfaktoren finden sich zum Beispiel in Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte kaum, wo nur mehr zehn bis 13 Prozent der Einwohner über 65 sind.

Aber auch für Jüngere kann die urbane Hitze belastend sein, sagt sie – vor allem, wenn es nicht möglich ist, den Tagesablauf zu ändern. „Viele haben gar keine Wahl. Sie müssen ihren beruflichen und familiären Verpflichtungen nachkommen, etwa alleinerziehende Elternteile“, sagt Katharina Gabriel, die mittlerweile am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen arbeitet.

Migranten besser über die Risiken informieren

An die Substanz geht die körperlich anstrengende Arbeit auf Baustellen, in der Gastronomie und als Reinigungskraft. Diese Tätigkeiten im Niedriglohnsektor übernehmen häufig Migranten, die sich nicht einmal nach Feierabend erholen können. „Sie leben zum Beispiel in kleineren Wohnungen mit mäßiger Dämmung. In den für sie erschwinglichen Wohngegenden gibt es oft eine hohe Belastung durch Lärm und Luftschadstoffe. Grünanlagen und Parks wiederum sind schlechter erreichbar“, sagt Ruth Kutalek. Die Medizin-Anthropologin von der Medizinischen Universität Wien erforscht, was urbane Migranten bei Hitze schwächt – und stärkt. „In Europa gibt es dazu kaum wissenschaftliche Untersuchungen und zu wenig politisches Interesse. Sogar den Betroffenen selbst ist ihr erhöhtes Risiko meistens nicht bewusst“, sagt Kutalek.

Dies will sie im 2014 gestarteten Projekt EthniCityHeat gemeinsam mit Soziologen, Umweltmedizinern und Landschaftsplanern ändern. Zu den Zielen des Projekts, gefördert vom österreichischen Klima- und Energiefonds, gehören nicht nur Empfehlungen für die Stadtgestaltung. Die Forscher wollen Werkzeuge erarbeiten, die die Aufklärung erleichtern, sagt Ruth Kutalek. „Damit möchten wir jene Migranten erreichen, die bisher aufgrund von Sprachbarrieren und geringer Bildung keinen guten Zugang zu Information hatten. Durch mehr Wissen können sie sich hoffentlich besser schützen.“

Cooling Centers, Gemeinschaftsgärten und Hausbesuche

Die Bewohner des Chicagoer Stadtteils Englewood, die während der Hitzewelle 1995 besonders betroffen waren, versuchten selbst ihre Situation zu verändern. Auf den Brachen legten sie Gemeinschaftsgärten an. Das Grün liefert nicht nur Gemüse, Früchte und Schatten. Die gemeinsame Gartenarbeit stärkt auch den Zusammenhalt unter den Nachbarn. Die Behörden haben nach dem Desaster rasch einen besseren Notfallplan entwickelt. Sie werben für klimatisierte „Cooling Centers“, die Zuflucht vor Hitze bieten und kostenlos sind. „Die Medien warnen die Bevölkerung. Alle sind aufgefordert, auf Gefährdete zu achten. Mitarbeiter der Stadt rufen bei alten alleinstehenden Personen an oder machen Hausbesuche. Das hilft“, sagt Klinenberg.

Die Stadt pflanzt gezielt Bäume, experimentiert mit reflektierenden Dächern und speziellem Asphalt. Doch die der Katastrophe zugrunde liegenden Probleme bestünden nach wie vor, kritisiert der gebürtige Chicagoer Klinenberg. Das Stromnetz ist veraltet und schnell überlastet. Es würde wohl versagen‚ wenn die Menschen es für die Kühlung ihrer Wohnungen am meisten brauchen. Die Stadt habe nichts gegen die bittere Armut getan, gegen die Abwanderung und was damit einhergeht: Einsamkeit, Angst und Kriminalität. „Nach wie vor sind ältere Afroamerikaner am meisten gefährdet.“ Und Chicago ist kein Einzelfall. „Ich glaube, keine amerikanische Stadt ist auf die unerbittliche Hitze vorbereitet, die der Klimawandel mit sich bringen wird“, sagt der Soziologe. Auch europäische Städte, die sich gerade erst zu wappnen beginnen, sind keineswegs immun.

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