Spezial: Insektensterben : Ein Tier, zwei Leben, drei Entwicklungsstufen

Ei, Larve, Imago. Ein neues Buch zeigt und beschreibt die fantastische Verwandlungskunst der Insekten.

Nur die Männchen des Hauhechel-Bläulings zeigen auf den etwa 30 Millimeter großen Flügeln ein kräftiges, etwas violett getränktes Blau, die Weibchen sind eher unscheinbar braun gefärbt mit orangen Flecken an den Flügelaußenrändern der Hinterflügel.
Nur die Männchen des Hauhechel-Bläulings zeigen auf den etwa 30 Millimeter großen Flügeln ein kräftiges, etwas violett getränktes...Foto: Nicole Ottawa/Oliver Meckes

Das Verhältnis zwischen Menschen und Insekten ist eher ambivalent. Mit Ausnahme der Honigbiene, die inzwischen allgemeine Sympathie genießt, denkt man meist eher an die lästigen Vertreter dieser Tierklasse: Mücken, Wespen, Flöhe, Blattläuse, Kartoffelkäfer. Auf sie könnte man, so glauben viele, gut verzichten.

Ein neues Buch könnte das jetzt ändern. Zumindest kann der großformatige Bildband „Wandlungskünstler – Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten“ die Wahrnehmung von Insekten wandeln. Er zeigt Porträts der Kerbtiere, wie man sie wohl kaum je gesehen hat (die in diesem Spezial gezeigten Aufnahmen stammen aus dem Band). Die Technik der Rasterelektronenmikroskopie (REM) macht es möglich. Dazu kommt ein aufwendiges Verfahren zur Vorbereitung der Aufnahmen, dem sich die Wissenschaftsfotografen Nicole Ottawa und Oliver Meckes gewidmet haben.

Ein magischer Moment am Gartenteich

Ein „magischer Moment“ am heimischen Gartenteich „brachte meinen Mann und mich dazu, der Faszination Metamorphose nachzugehen“, schreibt Ottawa: der Schlupf einer Libellenlarve, die sich vom Unterwasserjäger zum schimmernden Flugartisten gewandelt hatte.

Der Wechsel vom Schwimmer zum Flieger setzt eine umfangreiche Änderung im Bauplan voraus, ebenjene Metamorphose, die aufmerksame Beobachter schon vor langer Zeit interessiert hat. Bekannt sind etwa die Zeichnungen von Maria Sibylla Merian aus dem 18. Jahrhundert, die den Betrachter noch heute bezaubern. Detailreich und akkurat zeigen ihre Surinam-Tafeln schillernd schöne Schmetterlinge samt vorangegangenen Entwicklungsstadien und Futterpflanze.

Welche komplexen Prozesse sich in einer Puppenhülle abspielen, um solch einen radikalen körperlichen Umbau zu ermöglichen, wussten Biologen lange Zeit nicht. Erst vor ein paar Jahren gelangen dank Mikro-Computertomografie tiefere Einsichten. Ergebnis: Bereits in den ersten 48 Stunden finden die wichtigsten Veränderungen statt. Bei Distelfaltern etwa werden die Atemröhren der erwachsenen Tiere gleich am ersten Tag der Verpuppung angelegt, bei Schmeißfliegen der Kopf, Beine und Flügel innerhalb der ersten beiden Tage ausgestülpt.

Und wozu das alles? Welchen evolutionären Vorteil bringt dieser Aufwand?

Der Vorteil der Verwandlungskunst

Da ist etwa die Vermeidung von Konkurrenz zwischen Artgenossen. „Raupe und Falter, Käferlarve und Käfer, Fliegenmade und Fliege können problemlos nebeneinander existieren, ohne sich gegenseitig die Nahrung wegzufressen“, schreiben Veronika Straaß und Claus-Peter Lieckfeld, die Autoren der Texte. Insekten, die eine vollständige Verwandlung (Holometabolie) durchlaufen, also vom Ei über Larve und Puppe zum erwachsenen Tier (Imago), haben im Jugendstadium völlig andere Mundwerkzeuge und Futtervorlieben als später ein erwachsenes Tier derselben Art. „Die Larven können sich den Aufwand, Flügel und Flugmuskeln auszubilden, sparen und sich auf das Wesentliche ihres Lebensabschnitts konzentrieren: aufs Fressen und Wachsen.“

Die ausgewachsenen, oft flugfähigen Insekten hingegen können neues Terrain erkunden und besiedeln und somit für die Verbreitung der Art sorgen. Das gelingt ihnen mit großem Erfolg: Insekten sind die artenreichste Tiergruppe an Land. Auch in der Individuenzahl übertreffen sie alle anderen Landtiere. Rund eine Million Spezies sind bislang beschrieben. Ihr Anteil an allen klassifizierten Tierarten beträgt damit mehr als 60 Prozent. Dazu kommt ein Vielfaches an unbekannten Insekten, nach Ansicht von Forschern vor allem in den Tropen.

Insekten ganz nah
Als Raupe ist der Hauhechel-Bläuling noch tarnfarben: grün und schert sich angesichts fehlender Komplexaugen wenig um Sonnenlicht. Borstige Haare sollen Fressfeinden den Appetit verderben.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Nicole Ottawa/Oliver Meckes
23.11.2018 18:03Als Raupe ist der Hauhechel-Bläuling noch tarnfarben: grün und schert sich angesichts fehlender Komplexaugen wenig um Sonnenlicht....

Erstmals tauchten Insekten im Devon auf, vor etwa 400 Millionen Jahren. Auch die vollständige Umwandlung ist ein evolutionär frühes Erbe, mindestens 270 Millionen Jahre alt. Das war zumindest der Stand bis 2013. Damals entdeckte der Paläontologe Torsten Wappler in einer ehemaligen Kohlezeche bei Osnabrück eine winzige Versteinerung. Sie sollte sich als Glücksfall mit großem Erkenntnisgewinn – hier passt das Wort – entpuppen: die Larve eines Käfers oder Hautflüglers.

Somit gehört der Fund zu den holometabolen Insekten. Und da der Tonstein des Fundortes aus Schichten des Oberkarbon stammt, die auf 315 Millionen Jahre datiert sind, muss nach Ansicht Wapplers und seiner Kollegen, die ihre Erkenntnisse im Fachjournal „Nature“ veröffentlichten, die Holometabolie „um mindestens 45 Millionen Jahre vordatiert werden“. Das acht Millimeter lange Exemplar gilt nun als älteste bekannte Versteinerung einer Insektenlarve.

Erst geht die Pflanzen-, dann die Insektenvielfalt verloren

Bei so viel lang anhaltendem Erfolg einer Tiergruppe mag es einen vielleicht wundern, dass Naturschützer und Wissenschaftler vor einem massiven und großflächigen weltweiten Insektensterben warnen. Dabei ist besonders besorgniserregend, dass dies nicht nur seltene Vertreter trifft, sondern auch Allerwelts-Arten wie etwa den Hauhechel-Bläuling, der früher oft am Wegesrand entlangflatterte. Heute ist das nicht mehr selbstverständlich. Die Art braucht Lebensräume, die nicht überdüngt sind. Sie ist dort auf den Gewöhnlichen Hornklee spezialisiert. Ihre Raupen ernähren sich von dessen Blättern.

Auch mehr als die Hälfte der über 500 Arten Wildbienen in Deutschland gilt in ihrem Bestand als gefährdet. Ein Grund dafür scheint auch hier die Überdüngung von Magerstandorten zu sein. Sie sind dadurch dann nicht mehr „mager“ und verlieren ihre blühende Vielfalt zugunsten von Gräsern. Auch der Einsatz von Insektengiften in der Landwirtschaft spielt logischerweise eine bedeutende Rolle.

Der Rückgang der Insekten, auch vieler „lästiger“, ist mehr als ein aus naturromantischer Sicht bedauernswertes Phänomen. Fast alle Vögel etwa, die nicht Jagd auf Größeres machen, ernähren sich zumindest zum Teil von ihnen. Bedroht ist tatsächlich nichts anderes als das Gleichgewicht der Natur. Das kann dann so seltsame Folgen haben wie die Stechmückenmassen im Havelland im vergangenen Frühjahr – eine Insektenplage als mittelbare Folge des Insektensterbens: Es fehlten offenbar schlicht die Schwalben und Mauersegler, um sie zu dezimieren.

Die gezeigten Insekten-Bilder stammen aus dem Buch „Wandlungskünstler. Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten“, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg, 2018, 120 Seiten, 24,90 Euro.

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