Eingeweihte führen Eiertänze auf

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Streit über Geschlechterforschung : Weniger Gender, mehr Feminismus

Die meisten der in dem Band versammelten feministischen Wissenschaftlerinnen halten es für politisch aber kaum erfolgversprechend, der Männermacht durch Auflösung der Geschlechterkategorien beizukommen. So mokiert sich die Philosophin Cornelia Klinger (Wien/Tübingen) über „Eiertänze um Worte, die eine immer kleiner und selbstbezüglicher werdende in-group mit wachsender Verbissenheit aufführt“. Gemeint sind linke gender-akademisch gebildete Kreise. Der Singular sei dort verpönt, nur noch der Plural könne „die gebührende Anerkennung von Differenz (Verzeihung! Differenzen!!) und den gebotenen Pluralismus der Standpunkte verbürgen“. Dies seien aber Symptome „der Schwächung und Selbstschwächung“ der sozialen Bewegung für die Sache der Frau.

Tove Soiland kommt aus psychoanalytischer Perspektive zu einem ähnlichen Schluss. Kohärente Geschlechtergrenzen zu dekonstruieren sei ja durchaus sinnvoll. Doch psychoanalytisch gesehen habe die weibliche Position überhaupt nie eine „Subjektposition“ erlangt, erklärt Soiland in ihrer Lacan-Interpretation, weshalb es hier auch nichts zu dekonstruieren gebe. Judith Butler stelle das Kollektiv „Frau“ infrage, weil es ihm so schwer falle, seine „kolektive Betroffenheitslage“ zu artikulieren. Politisch weit wirksamer sei es aber, „diese Tendenz zur Desartikulation“ als Effekt der „patriarchalen Strukturen“ kritisch zu hinterfragen.

In der Literaturwissenschaft erschien es im Zuge des poststrukturalistisch proklamierten „Tod des Autors“ und der „Hegemonialisierung des Konstruktionsparadigmas“ als unwissenschaftlich, nach der Autorin zu fragen. Dabei verberge sich hinter dem „Tod des schöpferischen, männlichen Autors“ „letztlich nur eine weitere Figur universeller und hegemonialer Männlichkeit“, stellt die Germanistin Fleig fest.

"Unter dem Schutt liegt die Autorin begraben"

Die Entwicklungen hätten sich leider auch deutlich auf zeitgenössische junge Autorinnen ausgewirkt, denen es in Gender-Zeiten hochproblematisch erscheine, sich als Autorin zu artikulieren, geschweige denn in kämpferischer Absicht für ein weibliches Kollektiv zu sprechen. Wegen der poststrukturalistischen Kritik an Autoritäten, an Kollektiven und an großen kohärenten Erzählungen bevorzugten sie die Short Story, statt einer auktorialen Erzählerin ließen sie standpunktlos „viele kleine Ichs“ zu Wort kommen. Fleigs Urteil ist niederschmetternd: „Unter dem Schutt liegt die Autorin begraben, und mit ihr literarische Entwürfe von Emanzipation und Kritik (…), politische Intentionen sind nur noch etwas für übrig gebliebene ,Feministinnen‘.“

Die in dem Band versammelten Wissenschaftlerinnen stellen zentrale Erkenntnisse der Gender-Forschung nicht infrage – wie etwa die Einsicht, dass Geschlecht ein soziales Konstrukt ist. Sie loben die erheblichen Impulse, die Gender der Theoriebildung gegeben habe. Doch inzwischen halten sie Gender für unwirksam oder sogar kontraproduktiv, weil es auf Kosten der Frauen gehe.

Kaum ein Begriff erregt die Gemüter mehr als "Gender"

Man staunt ob des so einhelligen Urteils. Schließlich erregt derzeit kaum ein Begriff die Gemüter in Deutschland stärker als „Gender“: Von „Genderwahn“ spricht die AfD, Frank Plasberg bezeichnete Geschlechterforschung unlängst als „Alltagswahnsinn“, in bürgerlichen Zeitungen und im Netz wird gehetzt. Gender scheint noch viel aggressiver bekämpft zu werden als der Feminismus, rütteln die Theorien doch auch an der Naturalisierung des „Mannes“ und damit an seiner Macht. Dass die Wissenschaftlerinnen in ihrer umfassenden Bilanz darauf nicht eingehen, hängt sicher damit zusammen, dass sie sich auf die Wirkung von Gender in der Wissenschaft fokussieren. Allerdings würdigt auch kein Beitrag, dass Gender die Forschung zu sexuellen Minderheiten vorangetrieben und damit auch im Alltag zur Befreiung von Menschen aus den Zwängen der binären Geschlechternorm beigetragen hat. Der Band bringt sich damit um eine Vielstimmigkeit, die eigentlich ein Markenzeichen feministischen Denkens ist.

Nur ein Aufsatz sieht Gender nicht als Bedrohung für den Feminismus: der von Sabine Hark, Professorin für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin. Der Feminismus blühe im Netz und auf der Straße. Gender sei dabei das „kritische Werkzeug“ des Feminismus, in dem es „Zusammenhänge zwischen vorgeblich Unzusammenhängendem aufschließt“. Gender gebe zwar keine eindeutige Antwort, sondern könne nur „vorübergehend“ sein. Dies eröffne aber gerade die Chance, die Welt mit Gender immer neu zu hinterfragen, folgert Hark: „Gender ist immer noch in der Lage, trouble zu verursachen.“

Anne Fleig (Hrsg.). Die Zukunft von Gender: Begriff und Zeitdiagnose. Campus-Verlag. 243 Seiten. 29,90 Euro.

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